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“Deutscher Corporate Governance Kodex ist ein moralpolitischer Bettvorleger”

30.01.2018 – Gerhard Schulze A1Wenn es überhaupt einen Nutzen hat, “Geldgier” und “Machtgeilheit” beim Namen zu nennen, dann den der rhetorischen Selbstaufwertung. Spätestens seit 2015 gelten die Deutschen als Weltmarktführer im moralischen Narzissmus. Alle übrigen Nationen halten auf Augenhöhe mit. Wie sonst könnte man die Serie von Wirtschaftsskandalen stoppen, die mit Namen wie Lehmann Brothers, Deutsche Bank, Fifa, Volkswagen und vielen anderen verbunden sind? Moralisierung bringt wenig, ob sie nun als Ethikkommission daherkommt, als Wahlplakat oder als Imagekampagne. Eine Abrechnung.

Glaubwürdigkeit beginnt damit, sich jener Ambivalenz zu stellen, die im ökonomischen Handeln nun einmal angelegt ist. Einerseits: Wer ein Unternehmen führt, muss Profit zu machen und herrschen, unternehmensintern und auf dem Markt. Kann man deshalb jeden erfolgreichen CEO geldgierig und machtgeil nennen? Solange er sich an die geltenden Gesetze und Verträge hält, macht er doch nur seinen Job.

Andererseits: Zum Job gehört es auch, an die Grenze zu gehen. Die Grauzone des Erlaubten auszutesten, gerne mit Hilfe der Rechtsabteilung, ist nicht unmoralisch, sondern professionell. Dort aber, wo es eindeutig illegal wird, locken ein paar Messages: “Die anderen machen es doch auch, ihr Vorteil ist unser Nachteil.” “Ich tue doch nur das Beste für uns.” “Warmduscher sollen zur Caritas gehen.”

Es ist das System, das diese Sätze diktiert, das kollektive Ganze von Markt, Unternehmenskultur und Wirtschaftselite. “Wachstum!” heißt hier der oberste Imperativ, nicht “Anstand!” Wer nicht mitspielt, riskiert den Untergang. Wer mitspielt, riskiert nur, erwischt zu werden. Das lässt sich als Risikofall einpreisen.

Compliance-Manager stecken im Dilemma

Also das System abschaffen? Von wegen, man studiere nur etwa die Geschichte des realen Kommunismus. Moralische Utopien enden im Desaster. Möglich sind immerhin systeminterne Korrekturmechanismen – Regulierung, Kontrolle, Null Toleranz und Wirtschaftsstrafrecht als Ultima Ratio.

Die Reichweite dieser Waffen ist allerdings begrenzt, denn sie fokussieren einzelne Tatbestände und Schuldige, wo es doch um das Geflecht der Beziehungen aller Akteure geht: um Routinen, Erwartungen, Deutungen, Hierarchien; um implizites Denken im sozialen Hin und Her. Justiziabel sind nur Menschen und singuläre Handlungen, nicht aber Kulturen, soziale Systeme, Kollektive und Milieus.

Um das evidente Kontrolldefizit kümmert sich allerlei Symbolpolitik, etwa der Deutsche Corporate Governance Kodex – ein moralpolitischer Bettvorleger, der nie ein Tiger war. Vom Aufsichtsrat, der doch zum innersten Kern des Systems gehört, sind bestenfalls Fischpredigten zu erwarten. Und die neuen Compliance-Manager stecken im Dilemma zwischen Kontrollfunktion und Verantwortlichkeit wie institutionalisierte Sündenböcke.

Das potenziell wirksamste Mittel wäre “Corporate Transparency”.  Finanziert aus Spenden und Stiftungen, würde dieser gemeinnützige Verein einen Index veröffentlichen, der vergleichend über alltägliche soziale Abläufe, impliziten Sinn, latente Deutungsmuster, organisierte Unverantwortlichkeit und vorauseilenden Gehorsam in Unternehmen informiert. So könnte der systeminterne Druck zur ethischen Grenzüberschreitung auf systemexternen Gegendruck treffen – eines Tages.

Autor: Gerhard Schulze, Otto-Friedrich-Universität Bamberg

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