Versicherungswirtschaft-heute

          Mobilversion

 

Debeka: “Solvency II zwingt einigen den Run-off auf”

16.11.2017 – roland_weber_debekaWie verhindert man Altersarmut? Darüber diskutiert heute die Politprominenz auf dem 22. Kölner Versicherungssymposium. Mit dabei ist Debeka-Vorstand Roland Weber. Er will das Drei-Säulen-System stärken und erklärt im Exklusiv-Interview, wie das BRSG zur Verbreitung der Betriebsrenten führt. Kritik übt er an Politikern, die ständig neue Anforderungen an die Lebensversicherer stellen und sich dann wundern, warum deren Kosten steigen.

VWheute: Riester-Rente, Rürup-Rente, Mütterrente, bAV usw.: Derzeit herrscht ein Überangebot an verschiedenen Modellen zur Altersversorgung. Zudem debattiert die Politik im Nachwahlmodus weiter über deren Zukunft. Was ist aus Ihrer Sicht nun zu tun, um die Altersvorsorge der Deutschen auch in Zukunft zu sichern und Altersarmut zu verhindern?

Roland Weber: Die zukunftsfähige Gestaltung der Altersvorsorge und die Bekämpfung von Altersarmut können nur durch eine kontinuierliche Stärkung und Weiterentwicklung des bewährten Drei-Säulen-Systems der Alterssicherung erreicht werden. Die Ergänzung der umlagefinanzierten gesetzlichen Rente durch eine kapitalgedeckte, private oder betriebliche Vorsorge liefert genau die richtige Antwort auf den demographischen Wandel – trotz der unverändert anhaltenden Niedrigzinsphase.

Ein Mischsystem aus Umlage und Kapitaldeckung, aus staatlich organisierter sowie dezentral privatrechtlich organisierter Alterssicherung ist solider, weniger krisenanfällig, trägt zu einer gerechteren Verteilung der Lasten zwischen den Generationen bei und schützt die gesetzliche Rentenversicherung (GRV) vor der Überfrachtung mit Leistungsansprüchen.

Der Ausbau der betrieblichen und privaten Altersvorsorge wird die Alterssicherung stärken. Denn die unterschiedlichen Säulen nutzen unterschiedliche Organisationsformen und Finanzierungsverfahren. Die in jedem System vorhandenen immanenten Risiken können sich so besser gegeneinander ausgleichen, keines bedroht das System als Ganzes.

Die Reform der betrieblichen Altersversorgung (bAV) im Zuge des Betriebsrentenstärkungsgesetzes mit der Einführung der Sozialpartnerrente ist vor diesem Hintergrund zu begrüßen und wird unserer Ansicht nach zu einer wesentlichen Verbreitung der Betriebsrenten führen sowie neue Spielräume für die bAV schaffen. Die automatische Gehaltsumwandlung zum Betriebsrentenaufbau nach dem sogenannten “Opting-out”-Modell wird ebenfalls einen positiven Schub geben und dafür sorgen, künftig mehr Arbeitnehmer in die bAV zu bringen.

Mit ihrer umfangreichen Produktpalette – von der Basisrente über die Riester-Rente bis zu den chancenorientierten Privatrentenversicherungen mit Fondskomponenten – bietet die Versicherungswirtschaft Tarife in allen drei Säulen der Altersvorsorge an. Wir brauchen mehr Menschen, die mehr ergänzend für das Alter vorsorgen. Das bleibt auch in Phasen niedriger Zinsen richtig. Ansatzpunkte: Eigenvorsorge – betrieblich und privat – muss einfacher und attraktiver werden.

VWheute: Mehr denn je scheint private Vorsorge für die eigene Rente notwendig zu sein. Welchen Beitrag können die privaten Versicherer dazu leisten und welche Rahmenbedingungen sind aus Ihrer Sicht dazu notwendig?

Roland Weber: Die Lebensversicherungswirtschaft ist dazu angehalten, den Kunden Vertrauen zu geben und Mut zu machen, langfristig für ihren Lebensstandard im Alter privat vorzusorgen und ihnen dafür – trotz der außerordentlich niedrigen Zinsen – attraktive Produktmöglichkeiten zu bieten. Je vielfältiger und diversifizierter das Vorsorgeangebot ist, desto mehr können die Kunden davon profitieren. Die regulatorischen Rahmenbedingungen, mit denen sich die Lebensversicherer aktuell konfrontiert sehen – sei es die Erfüllung von Solvenzpflichten oder die Bildung der Zinszusatzreserve für Altbestände –, dürfen diesen Bemühungen nicht entgegenstehen.

Insbesondere vor dem Hintergrund der anhaltenden Niedrigzinsphase stellen sowohl Solvency II als auch der Aufbau der Zinszusatzreserve große Herausforderungen für die Lebensversicherungsbranche dar. Die Umsetzung dieser durchaus notwendigen Regulierungsinstrumente darf die Lebensversicherer nicht überfordern und damit die Stabilität des gesamten Marktes nicht gefährden. Es wäre unverantwortlich, die Solvency II-Anforderungen weiter zu verschärfen.

Die privaten Versicherer können in der Beratung den Bedarf aufzeigen und analysieren. Es gilt hierbei den effizientesten Weg bei der Vielfalt an Fördermöglichkeiten Riesterrente, Basisrente, Privatrente mit Ertragsanteilbesteuerung in Rentenphase und betrieblicher Altersversorgung zu nutzen. Durch eine zunehmende Digitalisierung, wie beispielsweise Portallösungen und Verwaltungsoptimierung können Kostenvorteile geschaffen werden, durch neue Produkte werden die Chancen am Kapitalmarkt noch besser nutzbar gemacht.

Leider stellt die Politik ständig neue Anforderungen an die Lebensversicherer, deren Umsetzung viel Aufwand verursacht, und beklagt gleichzeitig die zu hohen Kosten bei den Lebensversicherungsunternehmen. Rahmenbedingung für die private Vorsorge muss eine Nachhaltigkeit in der gesetzlichen Rentenversicherung, insbesondere keine Rücknahme der Rente mit 67 sein. Eine Rücknahme der Reformen wäre mit Blick auf die demografische Entwicklung unverantwortlich.

Die Absicherung von Selbstständigen bleibt ein sozialpolitisch wichtiges Thema: Ich warne aber vor einer allgemeinen Versicherungspflicht in der GRV für alle Selbstständigen, die bisher keiner Versicherungspflicht unterliegen. Zu offensichtlich wird hier von vielen auf einen kurzfristigen Einnahmeeffekt gesetzt, dem aber langfristige Ausgaben gegenüberstehen. Dabei haben Selbstständige mit der Basisrente (“Rürup-Rente”) schon heute eine kapitalgedeckte Vorsorgemöglichkeit, die alle Anforderungen erfüllt. Wahlmöglichkeiten sind für diese Zielgruppe besonders wichtig.

Der Ausstieg aus der Niedrigzinsphase ist überfällig – und muss mit Bedacht erfolgen:

  • Die unkonventionellen Maßnahmen der EZB haben geholfen, Wirtschaft und Finanzmärkte zu stabilisieren. Die Strategie massiver Anleihekäufe und negativer Einlagenzinsen ist jedoch heute nicht mehr zielführend. Damit gehen steigende Risiken nicht nur für die Finanzstabilität einher.
  • Gefordert ist der Einstieg in den Ausstieg! “Von Nullzins auf Normal” muss die Devise lauten. Ein wieder steigender Zins hilft, das erforderliche Vorsorgekapital aufzubauen und erleichtert es auch den Anbietern, attraktive Produkte anzubieten.
  • Aber: Für die Notenbank gilt es das rechte Maß zu finden, die Erwartungen der Märkte behutsam zu steuern, um keine Turbulenzen an den Finanzmärkten auszulösen. Auf das Timing kommt es an. Die Anleihekäufe müssen planvoll zurückgeführt und schließlich eingestellt werden.
  • Für die Lebensversicherung sollte die Regelungen zur Zinszusatzreserve und zu den garantierten Rückkaufswerten angepasst werden, um der Lage jederzeit gerecht werden zu können.

In der neuen Legislaturperiode muss insbesondere die Riester-Rente weiterentwickelt werden. Diese wurde in punkto Transparenz und Kosten bereits deutlich verbessert. Eine weitere Produktregulierung über die jetzt noch umzusetzenden Maßnahmen hinaus sehen wir derzeit nicht. Weitere Verbesserungen wie einfachere Zulagenverfahren und zeitgemäße Förderung sind wichtig; das Betriebsrentenstärkungsgesetz (Anhebung Grundzulage auf 175 Euro) war ein erster Schritt:

  • Die Riester-Rente muss mehr Menschen erreichen und flexiblen Erwerbsbiografien besser Rechnung tragen. Künftig sollten daher alle unbeschränkt steuerpflichtigen Personen (z. B. (Solo-)Selbstständige) gefördert werden können.
  • Das Zulagenverfahren selbst sollte vereinfacht werden; künftig sollten Zulagenrückforderungen vermieden und der Verwaltungsaufwand reduziert werden.
  • Die Förderung muss zeitgemäß angepasst werden. Eine Obergrenze beim förderfähigen Höchstbeitrag von 2.100 Euro wirkt wie ein Deckel. Schon heute können etwa 15 Prozent der Riester-Kunden ihre Verträge nicht mehr die erforderlichen vier Prozent des Bruttoeinkommens in den Vertrag einzahlen. Die gesunkenen Zinsen machen sogar weitere Erhöhungen notwendig bzw. begründbar. Ferner sollten die Grundzulage auf 200 Euro angepasst werden und die Kinderzulagen einheitlich 300 Euro betragen.

VWheute: Einst galt die Lebensversicherung als des Deutschen liebstes Produkt zur Altersvorsorge. Angesichts der aktuellen Rahmenbedingungen ist diese allerdings mittlerweile zur Handelsware geworden (Stichwort: Run-off). Was müssen die Lebensversicherer tun, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken?

Roland Weber: Dass wir jetzt verstärkt mit diesem Thema konfrontiert werden, steht im Zusammenhang mit den Folgen der Niedrigzinsphase und den möglichen Auswirkungen auf ältere Versicherungsverträge. In vielen älteren klassischen Lebensversicherungen sind noch hohe Garantieverpflichtungen festgeschrieben, deutlich oberhalb des aktuellen Rechnungszinses, die erfüllt werden müssen, obwohl es in der heutigen Marktsituation deutlich schwerer geworden ist, die dafür erforderliche Verzinsung zu erzielen. Diese Verträge erfordern unter Solvency II erhebliche Eigenmittel, und diese Mittel würden die Aktionäre mancher Lebensversicherer lieber anderweitig verwenden, sei es für Investitionen oder für eine höhere Dividendenausschüttung.

Deshalb entschließen sich einige Versicherer zu dem in den Medien beschriebenen Vorgehen und kündigen an, ihre Vertragsbestände von Lebensversicherungen zum Verkauf anzubieten. Die Vorstände der Aktiengesellschaften werden durch die Regulatorik, insbesondere durch Solvency II, zum Handeln im Bereich ihrer klassischen Bestände ja schon fast gezwungen. Die Anforderungen an die Lebensversicherungsunternehmen steigen immer weiter. Um noch kosteneffizient arbeiten zu können, müssen Synergieeffekte genutzt werden. Hierzu zählt zum Beispiel den Zusammenschluss von Beständen in Run-Off-Gesellschaften. Durch Standardisierungen kann hier Geld eingespart werden.

Die Debeka verkauft keine Bestände an Run-Off-Gesellschaften, was aber zur Folge hat, dass die Bedeckungsquoten für die Solvabilität zunächst schlechter ausfallen. Presseberichte und Stellungnahmen aus der Politik zum Thema Run-off verunsichern derzeit viele Menschen mit alten Lebens- und Rentenversicherungen – meines Erachtens aber zu Unrecht. In anderen Ländern ist ein solcher Verkauf von Beständen schon seit vielen Jahren nichts Ungewöhnliches mehr.

Die BaFin prüft den Käufer akribisch im Rahmen eines Inhaberkontrollverfahrens und stimmt einem Verkauf nur zu, wenn eine ganze Reihe von Voraussetzungen erfüllt ist. Zum Beispiel muss der Käufer über ausreichende finanzielle Mittel, eine glaubwürdige Strategie und ein qualifiziertes Management verfügen.

Ferner gilt: Die den Kunden bei Vertragsabschluss gegebenen Garantien müssen eingehalten werden – auch bei einem eventuellen Verkauf des Bestandes. Der Erwerber muss also die Erfüllbarkeit dieser Garantien sicherstellen.

  • Für die nachhaltige Sicherung dieser Garantien muss der Erwerber also auch eine entsprechende Zinszusatzreserve bilden.
  • Bezüglich der Absicherung biometrischer Risiken (Langlebigkeitsrisiko, Todesfallrisiko, Invaliditätsrisiko) ergeben sich für die Kunden keine Änderungen bei einem eventuellen Verkauf.
  • Einseitige Vertragskündigungen durch den Anbieter – wie sie in anderen Branchen auftreten – gibt es bei den Lebensversicherern nicht!
  • Ein Run-off ist nicht automatisch mit Nachteilen für den Kunden verbunden. Die Erwirtschaftung von Kostenüberschüssen ist bei günstiger Verwaltung durch den Abwickler möglich, so dass auch hier eine attraktive Rendite für den Kunden erzielt werden kann.

Ohne eine vernünftige, transparente Kommunikation gegenüber dem Kunden und der Öffentlichkeit kann hier allerdings viel Vertrauen verloren gehen.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Tobias Daniel.

Bild: Debeka-Vorstand Roland Weber spricht heute zu diesem Thema auf dem 22. Kölner Versicherungssymposium der TH Köln. (Quelle: Debeka)

- Anzeige -
- Anzeige -
- Anzeige -

 

VVW | Kontakt | AGB | Datenschutzerklärung | Impressum | Mediadaten