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Buhlen um Insurtechs: Fast Food gegen Innovationshunger

13.11.2017 – Nagel Zurich InsurhackVersicherer und Venture Capital-Vertreter werden genau hinsehen, wenn das InsurLab Germany in Köln heute seinen ersten Pitch Day für Insurtechs durchführt. Zwischen Pizza und Schlafsack dienen solche Hackathons nicht nur zur Ideenförderung, sondern vor allem als Recruting-Event für begehrte IT-Kräfte. Auch ohne eine nutzbare Innovation ziehen Versicherer daher einen Mehrwert aus solchen Veranstaltungen.

Die Versicherer können längst nicht mehr jeden Ausbildungsplatz besetzen. Zwischen fünf und sechs Prozent der Ausbildungsplätze bleiben nach Angaben des Arbeitgeberverbandes der Versicherungsunternehmen in Deutschland aktuell unbesetzt. Besonders groß ist die Lücke rund um junge Menschen mit IT-Kenntnissen – zum einen weil bundesweit über alle Branchen hinweg mehr als 51.000 Bewerber für IT-Stellen fehlen – zum anderen. weil die Assekuranz vor einem gewaltigen digitalen Geschäftsumbau steht und dafür viele zusätzliche IT-Spezialisten braucht.

Die Versicherung von morgen ist einfach und selbsterklärend im Abschluss und schnell in der Schadenregulierung. Dunkelverarbeitung gilt als Garant für Erfolg. Neue digitale Produkte und Prozesse sind gefragt. Auf der Suche nach dem richtigen Angebot und Prozess und den passenden Mitarbeitern bedienen sich Versicherer seit letztem Jahr einer Erfindung der Open-Source- Software-Bewegung: den Hackathons. Der aus “Hack” und “Marathon” zusammengesetzte Begriff bezeichnet laut Wikipedia “kollaborative Software- und Hardwareentwicklungsveranstaltungen”, die um die Jahrtausendwende von OpenBSD erfunden wurden.

Die Debeka, die Anfang November 2016 den ersten Hackathon der deutschen Assekuranz veranstaltete, überschrieb ihren “Debeka-Hackquarter” noch vorsichtig mit “erster Programmierwettbewerb”. Kurz darauf folgten die Zurich mit ihrem “Insurhack” und einige Monate später die Allianz Deutschland mit einigen Kooperationspartnern wie Franke und Bornberg und der Strategie-und Managementberatung zeb mit dem “#_hackNEXT”. Die deutsche Zurich-Gruppe ist Anfang Oktober 2017 bereits mit ihrem Insurhack 2.0 unterwegs, auch bei der Debeka steht in Kürze eine Folgeveranstaltung an.

IT-Nerds beeindrucken mit Agilität

Ob “Insurhack”, “Hack Day”, “Hackfest” und auch “codefest” – stets geht es darum, innerhalb von Stunden oder wenigen Tagen in Gruppenarbeit ein funktionierendes Softwareprodukt herzustellen. Oft finden sich die Teams erst vor Ort und meist bestehen sie aus Personen mit unterschiedlichen Spezialkenntnissen. Diese über “Ressortgrenzen” hinaus gehende Zusammenarbeit von zum Teil fremden Personen, die innerhalb kurzer Fristen zu Ergebnissen kommen, fasziniert Versicherer. Könnte dies doch ein Weg hin zu agilerem Arbeiten sein – also weg von klassischen prozessorientierten Strukturen, die nur sehr langsam auf sich ändernde Kundenbedürfnisse und Rahmenbedingungen reagieren. “Ich bin sehr beeindruckt, wie schnell, kreativ und leidenschaftlich die Teilnehmer an die Themen herangegangen sind und Ergebnisse produziert haben”, kommentierte Debeka-Chef Uwe Laue seinen ersten Hackathon.

Vorgegebene Abläufe für Hackathons gibt es nicht. Oft starten sie mit Vorträgen zu den Themen, zu denen sich Veranstalter und Sponsoren Softwarelösungen wünschen. Bei der Debeka stehen der dies- wie der letztjährige Hackathon unter der recht weiten Überschrift “Digitalisierung in der Versicherungsbranche”, während sich Allianz und Zurich Spezielles wünschten. Bei der Zurich galt es für eine der drei Kategorien “Connecting Communities”, “Open Data” und “Everyday Insurance” Programme und Anwendungen zu entwickeln, die zudem unter dem Aspekt “get in touc” eine engere Verbindung zwischen Kunden und Versicherern schaffen sollten. Von den 26 Teams entschied sich die Mehrzahl für “Everyday Insurance”.

Auch die Allianz stellte drei Bereiche zur Auswahl: Bei der Challenge 1: “New Customer Experience” ging es um digitale Lösungen, die für den Kunden Mehrwert schaffen und seine Loyalität und Weiterempfehlungsbereitschaft erhöhen sollten. Lösungen der Challenge 2 sollten die Zielgruppe “Best Ager – Silver Surfer” ansprechen und in der dritten Gruppe „Internet of Things“ wurden IoT-basierte Geschäftsmodelle für Sachversicherer gesucht.

Startup-Ideen mit Pizza und Schlafsack

Die beim zweiten Insurhack präsentierten Ideen setzten vielfach auf die Spracherkennungs- Assistenten von Google oder Amazon sowie Fotos sowohl beim Abschluss wie auch bei der Schadenbearbeitung. Verwendet wurde oftmals Block Chain-Technologie. Auch die Daten aus sozialen Netzwerken spielten bei vielen Lösungen eine wichtige Rolle. Bei den Produkten ging es fast immer um situative Ausschnittsdeckungen, nur ein Team beschäftigte sich überhaupt mit dem Thema Altersvorsorge. Auch für die Art und Weise, wie die Teams entstehen, existieren keine generellen Regeln. Die Veranstalter sind also in der Gestaltung frei. Wer sich bei der Debeka bewirbt, kann dies entweder als einer von maximal zehn Ideengebern tun oder als Supporter. Die Teams aus Ideengebern und entsprechender Unterstützung finden sich dann in den ersten Stunden des Hackathons.

Im letzten Jahr wurden kurzerhand zwei Ideen zu einer verschmolzen. Beim Insurhack hingegen konnten sich auch komplette Teams anmelden. Haben sich die Teams gefunden, geht es ans Planen, Organisieren, Programmieren. Das für die Teilnehmer Reizvolle ist die Länge der Arbeitsphase – bei der Allianz 30 Stunden, bei der Zurich 48 Stunden –, die dem Ganzen Eventcharakter verleiht. So gehören zur Grundausstattung eines Hackathons die Verköstigung und die
Bereitstellung von Schlaf- und Waschgelegenheiten, die üblicherweise den Ansprüche des jungen Publikums genügen: sprich: Pizza, Hamburger, Gummibärchen und Lagerstätten wie in Jugendherbergen oder auf Campingplätzen. Am Ende der Veranstaltung werden die besten Ideen mit mehr oder weniger hohen Preisgeldern gekürt. Für ihren zweiten Hackathon hatte die Zurich Preisgelder in einer Gesamthöhe von 75.000 Euro ausgelobt. Dagegen verteilt die Debeka wiederum nur insgesamt bescheidene 8.500 Euro.

Der erste Hackathon brachte der Debeka keine Kooperation oder Erfindung durch einen jungen Tüftler, aber aus den Ideen sind Start-ups entstanden. “Auch ohne eine direkt nutzbare Innovation für unser Haus ziehen wir aus der Veranstaltung doch einen Mehrwert – nämlich die Begeisterung der Mitarbeiter für Veränderungen, die die Digitalisierung mit sich bringen wird”, Michelle Kasper, die das Organisationsteam des Debeka-Hackquarter leitet. Auch Zurich-Chef Marcus Nagel betont immer wieder, wie wichtig der “Spirit” für das eigene Unternehmen und dessen digitalen Transformationsprozess ist, der von diesen Veranstaltungen ausgeht. “Mich hat diese agile Arbeitsweise fasziniert – der sportliche Ehrgeiz und der spürbare Spaß, in so kurzer Zeit derart kreative und gleichzeitig praxisnahe Ideen zu entwickeln”, sagte er.

Aufwand und Ertrag bleiben ungewiss

Sowohl bei ihren ersten wie auch den zweiten Hackathons gewährte die Zurich den Codern und Hackern den exklusiven Zugriff auf ihre neue Versicherungsplattform. Dagegen konnten weder bei der Allianz noch bei der Debeka die Teilnehmer auf die IT-Systeme zugreifen. “Das schien uns dann doch ein zu hohes Risiko. Schließlich betreten wir hier erst neues Terrain”, betont Kasper.

Da es neben der Suche nach kreativen Anwendungsideen und lauffähigen Lösungen stets darum geht, junge IT-Experten für das eigene Haus zu entdecken und zu engagieren, bettet die Zurich ein Rahmenprogramm für nicht am Hackathon teilnehmende Studierende in das IT-Event ein. Auf der “Studententour” durch das Kölner Fußballstadion, in dem der Hackathon stattfand, gaben die junge Leute aus der Personalabteilung des Versicherers Tipps für den Berufseinstieg.

“Hackathons sind Nachwuchsarbeit. Der Faktor junge, kreative Leute in Kontakt zur Branche zu bringen, darf hier nicht unterschätzt werden. Besonders im Kontext von IT ist das ein große Thema. Ob sich dafür allerdings der Aufwand eines Hackathons lohnt, bleibt abzuwarten“, sagt Emanuel Issagholian, der im Gothaer-Konzern für digitale Projekte verantwortlich ist. Vor diesem Hintergrund habe sich die Gothaer entschieden, keine eigenen Hackathons zu organisieren. (lie)

Lesen Sie den vollständigen Beitrag in der November-Ausgabe der Versicherungswirtschaft.

Bild: Deutschland-Chef der Zurich, Marcus Nagel, bei dem Insurhack 2.0 (Quelle: Zurich Deutschland)

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