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Branche 2018: Umsatz hoch, Mitarbeiter runter

10.01.2018 – JObcenter Koeln_arbeitslos_Hartz4by_Berthold BroniszDie Einnahmen werden steigen, die Zahl der Mitarbeiter sinken. Das erwartet der Wirtschaftsverband der Versicherungswirtschaft für das Jahr 2018, wie eine Umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft (IWD) zeigt. Die Versicherungswirtschaft rechnet mit “etwas höherem” Umsatz, die Mitarbeiter werden “weniger werden”. Über diese Nachricht werden sich die freien und gebundenen Angestellten sicherlich sehr freuen.

Die Versicherungswirtschaft gehört zu zwei von 48 befragten Verbänden, die einen höheren Umsatz und sinkende Beschäftigte erwarten – neben dem Papierverband. Diese Annahme ist eine Folge der Digitalisierung, für dieselbe Arbeit werden weniger menschliche Arbeitskräfte benötigt, da der Computer viele Tätigkeiten übernimmt. Für die Umbaumaßnahmen sind Investitionen nötig, doch die Versicherungswirtschaft leidet keine finanzielle Not.

Martina Grundler, Fachgruppe Versicherungen Verdi Bundesverwaltung, ist von der Bewertung des Verbandes für das laufende Jahr nicht überrascht: “Die Einschätzung des Verbandes entspricht unseren Erfahrungen. Die Branche schafft es trotz herausfordernder Rahmenbedingungen sich wirtschaftlich zu behaupten, leichte Umsatzsteigerungen sind dafür nur ein Indiz, das andere sind die hervorragenden Geschäftsergebnisse, die große Teile der Branche erzielen.

Gleichzeitig nimmt die Zahl der Beschäftigten ab. Das ist einmal auf die zunehmende Automatisierung und Digitalisierung zurückzuführen. Auf der anderen Seite ist aber auch die Arbeitsbelastung der in der Branche verbleibenden Beschäftigten in den vergangenen Jahren stetig gewachsen. Aus diesem Grund halten wir es für dringend erforderlich neue, brancheneinheitlich geltende soziale Leitplanken mit dem Arbeitgeberverband zu vereinbaren.”

Ein Blick auf die Entwicklung der Beiträge zeigt, dass der Einwurf von Grundler nicht aus der Luft gegriffen ist.

Beitraege_Ueberblick _ GDV

Trotz sinkender Beiträge im Bereich Leben steigt die Gesamt-Beitragssumme ebenso kontinuierlich wie die Zahl der Verträge.

Anzahl der Vertrage _ GDV

Dennoch sprechen die Unternehmen von einem nötigen Transformationsprozess, hin zu mehr Digitalisierung. Es wird auch nicht nur geredet: Mit 300 von insgesamt 2.000 Mitarbeitern wird bei Allianz Technology fast jede siebte IT-Stelle gestrichen, bis 2020 wollen die Münchener insgesamt rund 700 Stellen abbauen. Die Zurich führt ein Sparprogramm inklusive Entlassungen durch und auch bei der Ergo wackeln Stühle, nicht nur wegen des Run-Off.

Knackpunkt Digitalisierung

Die Digitalisierung war auch bei den sehr zähen und harten Tarifverhandlungen zwischen Verdi und dem Arbeitgeberverband der Versicherungswirtschaft ein Knackpunkt, wie Dominic Egger für VWheute fein herausarbeitete. “Den Beschäftigten und zahlenden Mitgliedern sitzt der digitalisierungsbedingte Stellenabbau im Nacken”, schrieb er und lieferte die Erklärung für sinkende Arbeitnehmerzahlen trotz steigender Einnahmen.

AGV Beschaeftigte 2010-2016

Wohl aus diesem Grund freute sich die Gewerkschaft nach dem positiv bewerteten Tarifabschluss, dass “für alle Versicherungsbeschäftigten und im besonderen Maß denjenigen, deren Arbeitsplätze perspektivisch aufgrund von Digitalisierung wegzufallen drohen, einen Anspruch auf die Durchführung von Qualifizierungsmaßnahmen” erreicht wurde.

Das reicht Grundler nicht: “Im Rahmen des letzten Tarifabschlusses haben wir uns ja verpflichtet in diesem Jahr weiter über die tarifvertragliche Gestaltung der Veränderungsprozesse zu verhandeln. Dabei geht es uns als Gewerkschaft um die Sicherung von Arbeitsplätzen die Qualifizierung der Beschäftigten und die menschengerechte Gestaltung neuer Arbeitsformen. Gerade weil die Branche sich auch weiterhin stabil entwickelt, erwarten wir, dass sich die Versicherungsbranche ihrer sozialen Verantwortung gegenüber ihren Beschäftigten auch stellt.”

Das große Ganze

Natürlich ist das von Grundler genannte Spannungsfeld zwischen Fortschritt und Verpflichtung nicht nur ein Problem der Versicherungsbranche. Nicht wenige fragen sich bereits heute mit Blick auf den Standort Deutschland, welche Kerben die Digitalisierung wohl in den Sozialstaat schlagen wird. “Insgesamt stehen wir jedoch vor dem größten Umbruch des Arbeitsmarktes seit der industriellen Revolution“, glaubt Stefan Knoll, Chef der Deutschen Familienversicherung.

In jedem Falle ist ein sehr zahlen- und statistikaffines Arbeitsgebiet wie der Versicherungswirtschaft viel stärker von der Digitalisierung betroffen wie andere Bereiche, denn rechnen können Computer besser und schneller. Einige in der Branche glauben sogar, dass die “gesamte Versicherungswirtschaft zu 100 Prozent digitalisierbar” ist.

Die Versicherungswirtschaft muss sich den neuen Trends und Kundenwünschen anpassen. Die Fin- und Insurtechs haben die Branche aufgeschreckt, aber der tatsächliche Feind ist die Demografie. Immer mehr Unternehmen kämpfen (in Deutschland) um einen kleiner werdenden Markt. Wer unter solchen Bedingungen der technischen Entwicklung hinterher hinkt, wird von den Kosten aufgefressen, und bleibt abgenagt auf der Strecke.

Michael Niebler, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied des AGV, sagte gegenüber VWheute, dass durch die Digitalisierung “Jobs verloren gehen werden, aber auch Neue dazukommen”. Allerdings wird die “erstgenannte Zahl höher sein als die Zweite”. Er rechnet für das Jahr 2018 mit einem Abrieb zwischen 1,5 und 2 Prozent, was nach seinen Worten in etwa der Größenordnung des zurückliegenden Jahres entspricht.

Vielleicht hat Allianz-Chef Oliver Bäte Anfang des letzten Jahres etwas Prophetisches für dies Gesamtbranche kundgetan, als er auf die Folgen der Digitalisierung in seinem Haus sagte: “Wir können keinen Job garantieren.” (mv)

Bildquelle: Berthold Bronisz / PIXELIO (www.pixelio.de)

Grafikquelle: Grafik 1 und 2 (Versicherungsbeiträge und Anzahl der Verträge) – Grafik 3 (Mitarbeiter, 2010-2016) AGV

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