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Autoversicherer zwischen Katerstimmung und extrem guter Laune

27.02.2018 – Morawetz und Pickel_LierDer aktuelle Aufwärtstrend scheint die Prognosen vieler Beratungsfirmen eines extrem schrumpfenden Kraftfahrzeugversicherungsmarktes Lügen zu strafen. “Die Autoversicherer haben extrem gute Laune”, sagte Marco Morawetz von der General Reinsurance AG auf dem Business Forum 21 Kfz-Versicherung.

In den letzten sieben Jahren sei die K-Bruttoprämie um mehr als 30 Prozent auf 26,75 Milliarden Euro gestiegen. Und mit Blick auf den Turnaround bei den nun wieder steigenden Durchschnittsprämien geht der K-Experte, der beim Rückversicherer das Consulting leitet, davon aus, dass sich dieser Trend fortsetzt und 2018 über 27 Milliarden Euro Prämie gebucht werden. Auf der Fachkonferenz gab es jedoch angesichts der technischen Entwicklungen in der Digitalisierung sowie bei teil- und vollautonomen Fahren auch kritische Stimmen.

Für Karsten Crede, Vorstand der Ergo Digital Ventures AG und CEO der Ergo Mobility Solutions, hat das Zeitalter des Selbstfahrens bereits begonnen. Immerhin wolle der VW-Konzern bis 2022 rund 34 Mrd. Euro in die Elektromobilität investieren. Statt des PKW sollten die Versicherer besser das Ökosystem Mobilität in den Fokus rücken. Es gelte nun die Wertschöpfungskette sehr genau daraufhin zu analysieren, wo Versicherer ihren Mehrwert einbringen könnten. Der Weg gehe nur noch über Kooperationen und einem besseren technologischen Verständnis. Reagierten die Versicherer nicht schnell genug, drohe der Verlust der Kundenschnittstelle.

Gute Zeiten voraus

Aktuell stehen die Zeiten für die Sparte, die sich durch immer kürzere Zyklen auszeichnet, günstig: “Es ist frappierend, wie es sich entwickelt”, sagt Michael Pickel, Vorstand der E+S Rückversicherung AG. Es werde mit “Zweit- und Drittwagen immer stärker durchmotorisiert”. So wuchs die Zahl der Fahrzeuge 2017 auf 64,1 (63,0) Millionen und als Folge von Preiserhöhungen sowohl im Neu- wie auch im Bestandsgeschäft etwas schwächer als die Prämie. Seiner Einschätzung nach gibt es einen “unbrechbarer Trend auf die Topgruppen”. Auf die zehn größten Versicherungsgruppen entfallen nahezu verändert 67,8 Prozent alle Beiträge. Die Zahl der Anbieter habe sich inzwischen auf 90 Gesellschaften verringert. Problematisch sei, dass die Schadendurchschnitte seit 2014 bemerkenswert zulegten. Unter anderem verteure sich der Durchschnittschaden auch durch die wachsende Zahl von Unwetterschäden. Ohne größere Naturereignisse rechnet er für 2018 mit einer unveränderten Schadenquote von etwa 92 Prozent – und damit einem leichten versicherungstechnischen Gewinn.Über das Thema Schaden und die Entwicklung in diesem Bereich durch Digitalisierung hat VWheute aktuell mit Johann Gwehenberger, Leiter Unfallforschung im Allianz Zentrum für Technik (AZT) gesprochen (siehe KÖPFE & POSITIONEN).

Es seien aber auch bereits wettbewerbsbedingte Eintrübungen absehbar, so Pickel vor dem Hintergrund, dass beispielsweise die Allianz ihre in den letzten Jahren verlorengegangenen Marktanteile wieder zurückgewinnen will. “Jeder ist selbst schuld, was er daraus macht”, so Pickel. Die Sanierung des mit einer Schaden- und Kostenquote von 107 Prozent defizitären Flottenmarktes ist seiner Beobachtung zufolge „aufgrund eines aufnahmefähigen Marktumfeldes nicht vollumfänglich möglich”.

Verlust durch Telematik

Allianz-Vorstand Frank Sommerfeld, der unter anderem über die ersten Erfahrungen mit dem auf dem 5. Autotag vorgestellten neuen Tarif berichtete, betonte mehrfach, dass man nicht über den Preis die Kehrtwende einleite. Zahlen wollte er keine nennen, verwies aber auf eine Untersuchung der Yougov Deutschland, wonach die meisten der rund 2 Millionen wechselwillige Autokunden akquiriert habe.

Für die Telematik sehen Pickel wie auch Morawetz nur einen kleinen Anteil am deutschen Markt. Eines der Argumente, dass der Marktanteil von gegenwärtig 0,3 bis 05 Prozent langfristig nicht mehr auf als 3 bis 5 Prozent aufholen wird, ist, dass die Durchschnittsprämien – anders als in Ländern mit hohem Telematikanteil – vergleichsweise gering sind. Pickel fürchtet sogar, dass Telematik “eigentlich ein Verlustgeschäft ist”. Die den Kunden eingeräumten Rabatte hält er aus “versicherungstechnischer Sicht für nicht gerechtfertigt”. Auch das automatisierte Fahren sei “kein Untergang der K-Prämie” – unter anderem weil das Haftungssystem als solches bestehen bleibe. Die Allianz hat nach Angaben von Sommerfeld inzwischen 58.000 Telematik-Verträge im Bestand. Und: “Die Rechnung macht Sinn”, so Sommerfeld. Die Schadenfrequenzen gingen deutlich zurück.

Christoph Samwer, CEO der Friday, der neuen Marke der Baloise-Gruppe, berichtete, dass man bereits im ersten Jahr 15.707 Neukunden akquiriert habe. 50 Prozent kämen von Direktversicherern. Das sei quasi eine Messersteicherei in den Telefonzentralen. Anfangs habe man 80 Prozent der Vollkasko-Anträge ablehnen müssen, weil es sich um schlechte Risiken gehandelt habe. Die eigene Technik will Friday zur Plattform ausbauen und sucht dafür unverändert nach Partnern unter den Versicherern. (ml)

Bild: Marco Morawetz (li.) und Michael Pickel (Quelle:Lier)

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