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Ausblick: Keine Überraschungen bei stabiler Konjunktur

30.11.2017 – huether_gdv-konferenz_ssAuf der GDV-Jahreskonferenz Volkswirtschaft und Finanzmärkte präsentierten in Berlin die Chef-Volkswirte der Allianz, der Munich Re und des GDV sowie der Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft ihren Ausblick auf 2018. Auf den Punkt gebracht: Die finanziellen und fiskalischen Rahmenbedingungen ändern sich vermutlich nicht gravierend. Wachstumsbremsen sind eher gesellschaftlich bedingt – und stellen dabei Risiko und Chance zugleich dar.

“Deutsche zahlen nicht zu viel für ihre Versicherungen. Sie geben im Durchschnitt 1.100 Euro pro Kopf und Jahr aus, deutlich weniger als im Ausland. In Frankreich sind es mehr als 2.000 Euro”, stimmt GDV-Chefvolkswirt Klaus Wiener ein. Die Frage, die sich dabei stellt: Mit welchen Angeboten lassen sich Pro-Kopf-Umsätze ausbauen?

Digitalisierung und neue Geschäftsfelder

Die Antwort sieht Wiener in der Digitalisierung von Versicherungsleistungen. Kunden sollen die Chance haben, situativ, bedarfsorientiert und kurzfristig per App oder Browser selbständig zu policieren. Ein weiterer Ansatz sind neue Geschäftsfelder, die sich aus Klimawandel, Naturgefahren, Cyber-Risiken, Big Data und dem demographischen Wandel ergeben.

Das Geld, das Konsumenten und Unternehmen ausgeben sollen, ist da. Seit 2013 erlebt Deutschland einen sehr stabilen Aufschwung. Eine erfreuliche Entwicklung, die Michael Hüther, Direktor des Instituts der Deutschen Wirtschaft konstatiert und die auch Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz bestätigt: “Die europäische Konjunktur trotzt der Unsicherheit überraschend positiv.” Absehbar enttäuschend performt nur das Brexit-geplagte Großbritannien mit einem Prozent Wachstumsaussicht. Selbst Italien und Griechenland haben sich stabilisiert. Alles in allem, so Heise: “Die Risiko-Aktiva ziehen weiter an.”

Die Versicherungsbranche rechnet 2017 und in ihrer Prognose für 2018 allerdings nur mit einem Anstieg der Beitragseinnahmen von 1,3 Prozent, bei einem nominalen BIP-Wachstum von knapp vier Prozent, so Wiener. “Ein Delta, das wir uns so nicht wünschen.” Die immer schärfere Regulierung einerseits und das Niedrigzinsumfeld beäugt er vor diesem Hintergrund auch kritisch.

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Kein abrupter Zinsanstieg

Mit einem plötzlichen und steilen Zinsanstieg rechnet keiner der Ökonomen. Die Portfolio-Manager der Versicherungen haben deshalb bereits in den letzten Monaten stärker von AAA auf BBB umgeschichtet, der Risiko-Appetit sei laut Wiener unverändert, weitere Anpassungen seien aber nicht zu erwarten. Bei Kurzfrist-Anlagen sind die Ertragsaussichten immer noch nicht gut, eine Entspannung gäbe es seit Mitte 2016 vor allem bei längeren Laufzeiten. “Endfälligkeit” und “Schlussüberschüsse” stünden heute stärker im Fokus als kontinuierliche Ertragsausschüttungen.

Gute Konjunkturlage führt an Grenzen

In Deutschland steuert die Wirtschaft weiterhin auf ihre Kapazitätsgrenzen zu. Ein Drittel der Unternehmen fühle sich laut Hüther bereits heute am Limit, rund 50% reden von Normalauslastung. Digitalisierung 4.0 sorge in Firmen, so Hüther, für höhere Beschäftigungsdynamik und letztlich zum Aufbau von Arbeitsplätzen, da durch Automatisierung freigesetzte Ressourcen weitgehend innerbetrieblich umgeschichtet würden und auch der Ausbau digitaler Prozesse neue Stellen benötige.

Fachkräftemangel durch Qualifizierung eindämmen

Der sicherlich kritischste Erfolgsfaktor: Die Verfügbarkeit qualifizierter Arbeitskräfte. Es herrscht Fachkräftemangel. Sowohl in operativen Sphären – Beispiel Kraftfahrer – als auch in Reihen qualifizierter Akademiker. Die Arbeitslosenrate in Deutschland sinkt kontinuierlich, 78 Prozent der 15 bis 64 jährigen sind erwerbstätig. Dank Zuwanderung und Nutzung “Stiller Reserven” (=nicht als arbeitslos gemeldete, die sich im Arbeitsmarkt engagieren), sei der aktuelle Beschäftigungsstand erst überhaupt erreichbar. Die gute Beschäftigungslage wirke sich auch auf den privaten Wohnungsbau aus, die Auftragsbücher von Baufirmen seien voll. “Für Gewerbebauten erhält man heute als Unternehmen oft nicht mal ein Angebot”, so der Chef des Wirtschaftsinstituts.

Das größte strukturelle Problem am Arbeitsmarkt werden in den nächsten Jahren in Ostdeutschland auftreten. Die frühe Abwanderung in Ballungszentren und in den Westen und die Überalterung von MINT Experten (Fachkräften aus den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) wirkt auf der Grafik, die IW-Direktor Hüther präsentiert, traurig für die neue Bundesländer: Unternehmen siedeln sich in Teilen Ostdeutschlands trotz attraktiver Förderangebote erst gar nicht an, da der Arbeitsmarkt keine qualifizierten Mitarbeitenden hergibt.

Die fehlende Ansiedlung – gerade in Gebieten, die dem Strukturwandel unterliegen – verstärkt wiederum die Abwanderung. Vielleicht wäre die Versicherungsbranche aus volkswirtschaftlicher Brille deshalb auch gut dabei beraten, neben der eigenen Digitalisierung die Initiativen für berufliche Weiterbildung zu unterstützen? (Sascha Schulz)

Bild: IW-Direktor Michael Hüther auf der GDV-Jahreskonferenz Volkswirtschaft und Finanzmärkte in Berlin. (Quelle: Sascha Schulz)

Grafikquelle: GDV

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