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Allianz sortiert aus

26.06.2017 – diekmann_baete_allianzDie Allianz macht ernst: Bis 2020 will der Versicherer rund 700 Stellen abbauen. Weitere 570 Stellen sollen bereits durch entsprechende Altersteilzeit-Verträge weggefallen sein. Zurückzuführen ist das auf die Digitalisierung und Automatisierung von Prozessen. Für den Arbeitgeberverband deutscher Versicherer keine Überraschung. Nie sei bestritten worden, dass die Digitalisierung Arbeitsplätze kosten könne.

“Eine Reduktion von Stellen ist nicht das Ziel, aber eine der Konsequenzen dieser Veränderungen, die sich nicht vermeiden lassen”, soll Allianz-Deutschland-Vorstand Ruedi Kubat die Entscheidung in einem Intranet-Beitrag des Konzerns begründet haben. “Wir automatisieren und digitalisieren Prozesse nicht als Selbstzweck, sondern um Nutzen für unsere Kunden zu erzeugen”, wird der Manager zitiert: “Dabei werden bestimmte Tätigkeiten verlagert oder fallen auch weg. Das ist nicht unser Ziel, aber eine der Konsequenzen, die sich nicht vermeiden lassen.”

Besonders betroffen ist laut einem Bericht des Handelsblatt vor allem die Unfallversicherung. Demnach soll diese Sparte nicht mehr in Berlin, München, Leipzig, Hamburg und Stuttgart verwaltet werden, sondern nur noch in Berlin und München, berichtet die Zeitung unter Berufung auf einen Unternehmenssprecher. Auch in der Krankenversicherung soll der Standort Berlin größtenteils wegfallen.

Allianz: “Kein Kostensparprogramm”

Ein Unternehmenssprecher bestätigte die Berichte auf Anfrage von VWheute. “Wir nehmen jetzt mit den Arbeitnehmervertretungen Gespräche über das neue Zielbild für Betrieb/Schaden und seine Umsetzung auf. Dabei gehen wir davon aus, dass es durch Automatisierung und Digitalisierung bis Ende 2020 zu einem Abbau von rund 700 Stellen und zu einer Bündelung von Funktionen kommen wird”, heißt es seitens der Allianz. Allerdings seien diese Veränderungen “kein Kosteneinsparprogramm, sondern zielen auf die Zufriedenheit unserer Kunden. Diese erwarten exzellenten Service zu wettbewerbsfähigen Preisen. Dazu tragen Digitalisierung und Automatisierung von Prozessen bei.”

So begründet der Versicherer diesen Schritt damit, dass “durch Automatisierung und Digitalisierung von Prozessen werden bestimmte Tätigkeiten verlagert” oder auch wegfallen werden. Gleichzeitig betont die Allianz, dass es “nicht unser Ziel” sei, “aber eine der Konsequenzen, die sich nicht vermeiden lassen. Gleichzeitig können auch neue Jobs und Weiterentwicklungsmöglichkeiten entstehen. Die im letzten Jahr zusätzlich geschaffenen Stellen im Kunden- und Schadenservice sind ein Beispiel dafür. Wie sich alle Veränderungen in Summe auf den Stellenplan der Allianz Deutschland auswirken, kann aufgrund der gegenläufigen Entwicklungen derzeit niemand seriös abschätzen. Aber wir werden nicht alle wegfallenden Stellen durch Wachstum und neue Funktionen vollständig kompensieren können.”

Zudem sei sich er Versicherer seiner “Rolle als verantwortungsvoller Arbeitgeber selbstverständlich bewusst und streben eine faire und sozialverträgliche Lösung an. Dies alles soll mit einvernehmlichen Maßnahmen erreicht und kontinuierlich über die nächsten drei Jahre, also bis Ende 2020, umgesetzt werden.” Unternehmensinsider glauben jedoch nicht daran, dass dies ohne Kündigungen vonstatten gehe.

Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi sieht sich laut einem Bericht von Börse Online in ihren Befürchtungen bestätigt. “Die Gefährdung der Arbeitsplätze durch Digitalisierungsprozesse ist kein abstraktes Zukunftsthema, sondern konkrete Realität”, wird Fachbereichsleiterin Martina Grundler bei der Nachrichtenagentur Reuters zitiert. “Alle Studien zur Digitalisierung gehen davon aus, dass es in den nächsten Jahren einen erheblichen Stellenabbau in allen Versicherungs-Unternehmen geben wird”, kommentiert die Gewerkschaftsvertreterin.

AGV rechnet mit weiterem Personalabbau durch Digitalisierung

Der Arbeitgeberverband der Versicherungsunternehmen in Deutschland (AGV) will auf Anfrage von VWheute “die personelle Maßnahmen unserer Mitgliedsunternehmen grundsätzlich nicht kommentieren”. Dennoch habe man “nie bestritten, dass die Digitalisierung zu Arbeitsplatzverlusten, insbesondere im Bereich Betrieb/Schaden, führen wird. Wenn bestimmte Tätigkeiten aufgrund des technischen Fortschritts schlicht und einfach wegfallen, dürfen die Tarifvertragsparteien dies nicht tarifrechtlich dadurch verhindern, indem sie betriebsbedingte Beendigungskündigungen ausschließen. An dieser unserer Grundsatzposition hat sich nichts geändert”, betont Michael Niebler, Geschäftsführender Vorstand des AGV.

Daher dürften sich Unternehmen “durch ordentliche Unternehmensergebnisse nicht in Sicherheit wiegen, sondern müssen an ihre Zukunftsfähigkeit denken”, ergänzt Niebler. Dies bedeute, “dass trotz Gewinnen Arbeitsplätze, die faktisch obsolet geworden sind, abgebaut werden müssen, so schmerzlich dies im Einzelfall sein mag. Würde dies unterlassen, würde sich dies später rächen. Arbeitsplatzabbau erfolgt in unserer Branche sozialverträglich, auf betriebsbedingte Kündigungen wird in der Praxis meist verzichtet.”

Zudem rechnet der AGV nach Angaben Nieblers damit, “dass sich der Arbeitsplatzabbau in unserer Branche im Zuge der Digitalisierung weiter fortsetzen wird, aber nicht in dem Umfang, den manche prophezeien. Denn die Digitalisierung führt auch dazu, dass neue Jobs entstehen. 2015 sank die Beschäftigung in unserer Branche um 0,3 Prozent, 2016 um 1,5 Prozent – nicht weniger, aber auch nicht mehr.”

Stellenabbau kommt nicht überraschend

Überraschend kommt der Stellenabbau dennoch nicht, machte Konzern-Chef Oliver Bäte aus seinen Digitalisierungsplänen keinen Hehl. Die Allianz wird “kein Digitalisierungsopfer” werden, kündigte er noch auf der Analystenkonferenz Ende Dezember 2016 an.

Dass dem digitalen Umbruch jedoch auch Arbeitsplätze zum Opfer fallen werden, schien für Bäte hingegen ebenso außer Frage zu stehen. So werde es beispielsweise keine Mitarbeiter mehr in den Poststellen geben. “Wenn ich das nicht sagen würde, wäre das unredlich”, wird der Allianz-Chef im Handelsblatt zitiert.

Bereits sein Amtsvorgänger, der heutige Aufsichtsratschef Michael Diekmann, prognostizierte bereits vor drei Jahren einen massiven Stellenabbau durch die Digitalisierung. “In den meisten Branchenwird die Digitalisierung zum Verlust von rund 30 Prozent aller Arbeitsplätze führen”, zitiert ihn die WirtschaftWoche Wie es in der Versicherungsindustrie aussehe, schob er noch vielsagend nach, müsse “man dann sehen.”

Damit liegt die Allianz allerdings auch ganz im Trend der Zeit, schließlich ist der Branchenprimus in Deutschland nicht der erste Versicherer, welcher in zunehmend digitalen Zeiten massive Stellenstreichungen vornimmt. So will allein die Ergo insgesamt 1.300 Stellen im Vertrieb streichen und 54 von 119 Regionaldirektionen auflösen. Auch andere große Player wie die Zurich und die Generali führen harte Sparprogramme durch, um sich für die technisch anspruchsvolle Zukunft zu rüsten – auf Kosten von Arbeitsplätzen.

So brachte es DFV-Chef Stefan Knoll kürzlich gegenüber VWheute auf den Punkt: “Digitalisierung führt zu einer Reduzierung der benötigten Arbeitskräfte in der Versicherungswirtschaft. In unserer Branche werden Arbeitsplätze wegfallen, die in anderen Branchen wieder entstehen. Insgesamt stehen wir jedoch vor dem größten Umbruch des Arbeitsmarktes seit der industriellen Revolution.”

Dabei ist der geplante Stellenabbau bei der Deutschlandtochter des Konzerns nicht der erste personelle Einschnitt. Bereits Anfang März wurde bekannt, dass die Industrietochter AGCS die Zahl der rund 5.000 Beschäftigten bis Ende 2018 um zehn Prozent zu reduzieren will.

Deutschlandtochter stößt Oldenburgische Landesbank ab

Zudem will sich die Allianz anscheinend auch von Unternehmensbeteiligungen trennen. So gab die Deutschland-Tochter des Versicherers am vergangenen Freitag den Verkauf ihre Beteiligung an der Oldenburgischen Landesbank bekannt. Demnach verkauf die Allianz Deutschland ihren Anteil von etwa 90,2 Prozent an die Bremer Kreditbank AG. Der vereinbarte Kaufpreis beträgt nach Unternehmensangaben 300 Mio. Euro.

“Die Allianz Deutschland konzentriert sich im Rahmen ihrer Erneuerungsagenda noch stärker auf ihr Kerngeschäft der Versicherung und Vermögensanlage. Vor diesem Hintergrund ist der Verkauf der OLB-Anteile ein konsequenter Schritt”, begründet Manfred Knof, Vorstandsvorsitzender der Allianz Deutschland, den Verkauf. Dennoch wolle man “die Kooperation zum Vertrieb von Versicherungen mit der OLB unverändert” fortsetzen. “Nach wie vor sind Banken für uns als Versicherer jedoch ein wichtiger Vertriebsweg”, ergänzt Knof.

Der Unmut über den Allianz-Chef dürfte somit jedenfalls nicht kleiner werden. Dazu beitragen könnte unter Umständen auch der neue Firmenjet. Rechtzeitig zur Inbetriebnahme ließ Bäte laut WirtschaftsWoche neue Nutzungsrichtlinien an seine Topführungskräfte verteilen lassen. Anders als bislang dürfen demnach nicht mehr nur die Vorständen den Jet buchen, sondern auch die erste Führungsebene darunter. (vwh/td)

Bild: Allianz-Aufsichtsratschef Michael Diekmann (links) und Vorstandschef Michael Bäte (rechts). (Quelle: Allianz)

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Weitere Schlaglichter bei VWheute:

Die politische Woche: Bundestag debattiert über IDD
Noch eine Woche Zusammenhalt von CDU/CSU und SPD, die sich in der letzten Sitzungswoche im Bundestag beweisen muss. Zentrale Themen sind die Umsetzung der Versicherungsvertriebsrichtlinie (IDD) und die Absage an Plänen der Linksfraktion zur Bürgerkrankenversicherung, obwohl die SPD diese in ihrem gestern beschlossenen Wahlprogramm auch anstrebt.

“Transformation heißt nicht Big Bang und alles ist anders”
Die Ergo Deutschland setzt auf die Lebensversicherung. Dafür will der Versicherer die Klassik-Bestände “in einer internen organisatorischen Einheit” bündeln, so Vorstandschef Achim Kassow im Exklusiv-Interview mit VWheute. Zudem hat die Ergo mit der IT noch ein “dickes Brett” zu bohren, während sie international vor allem nach China und Indien schaut.

Cum-Ex: “Versagen wurde schöngeredet”
Der Bundestag debattierte am Freitag über den Abschlussbericht des Untersuchungsausschusses zu Cum-Ex-Geschäften. Der Bericht ist pures Dynamit. Das Ziel bestimmter Akteure sei es gewesen, “den Staat systematisch auszunehmen”. Auch die Versicherungswirtschaft sei involviert und wird im Anschluss an die Debatte scharf kritisiert.

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