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Zukunftsfeste Gestaltung von Rentensystemen

19.06.2017 – lueske_OECDWie lassen sich Rentensysteme zukunftssicher machen? Darüber wird auf der Euroforum Konferenz in Berlin heute und morgen diskutiert. VWheute hat jemanden gefragt, der es wissen muss und auf der Konferenz sprechen wird: Marius Lüske, Economist – Social Policy Analyst, OECD Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Lesen sie hier seinen Gastbeitrag.

Als Otto von Bismarck 1891 im Deutschen Reich die weltweit erste Rentenversicherung einführen ließ, war die Rentenfinanzierung noch kein Problem. Das Rentenalter lag bei 70, nur wenige wurden so alt und wenn, dann betrug die verbleibende Lebenserwartung keine 10 Jahre. Zudem war das Leistungsniveau so gering, dass die weit verbreitete Altersarmut durch die neu eingeführte Rente kaum sank. Dementsprechend niedrig fielen die Beiträge aus: Weniger als 1% ihres Lohnes mussten Arbeiter für die Altersvorsorge einzahlen.

Seither haben sich die sozialen Bedingungen älterer (und jüngerer) Menschen stark verbessert, doch auch die Finanzierung der Renten ist schwieriger geworden. Eine steigende Lebenserwartung, niedrige Geburtenraten und tiefe Zinsen stellen Rentensysteme in OECD-Ländern vor große Herausforderungen. Und diese werden in den nächsten Jahren wohl noch zunehmen. Fakt ist: Kommen heute im OECD-Durchschnitt auf jeden Über-65-jährigen noch gut 3,5 Erwerbsfähige zwischen 20 und 64, so werden es Prognosen zufolge 2050 nur noch 2 sein. Und in Deutschland sogar nur noch 1,5.

Rentensysteme unter diesen Rahmenbedingungen für die kommenden Jahrzehnte zu wappnen gleicht einer Herkulesaufgabe. Für eine zukunftsfeste Gestaltung müssen zwei zumindest teilweise konkurrierende Ziele erreicht werden. Zum einen muss das Rentensystem langfristig finanzierbar sein, ohne Beitragszahler – und damit auch die volkswirtschaftliche Entwicklung – über die Maßen zu belasten. In den letzten 25 Jahren sind die staatlichen Ausgaben für Rentenzahlungen in OECD-Ländern um etwa ein Drittel gewachsen. Um einem weiteren Anstieg entgegenzuwirken, müssen im Rentensystem die Einnahmen gesteigert oder die Ausgaben gesenkt werden. Häufig bedeutet das, dass Rentenleistungen verringert werden. Zum anderen müssen Rentner mit ihren Einkünften aber auch leben können, ohne in Armut zu geraten. Denn auch wenn die Altersarmutsraten in vielen OECD-Ländern seit Mitte der 80-er Jahre deutlich gesunken sind, lebt noch immer jede(r) achte Über-65-Jährige von weniger als der Hälfte des mittleren Haushaltseinkommens.

Natürlich gibt es kein Geheimrezept, um finanzielle und soziale Rentennachhaltigkeit mal eben schnell zu erreichen, und auch kein pauschales Optimal-Rentenpaket, das auf alle Länder gleichermaßen anwendbar wäre. Doch einige Grundsätze können in vielen Fällen dazu beitragen, Rentensysteme so zukunftsfest wie möglich zu gestalten. Risikodiversifikation spielt hierbei eine entscheidende Rolle. Umlagefinanzierte und kapitalgedeckte Rentensysteme sind demografischen und wirtschaftlichen Risiken unterschiedlich ausgesetzt. Während Umlageverfahren durch die Bevölkerungsalterung in finanzielle Engpässe geraten können und Beiträge erhöht werden müssen, ist bei beitragsorientierten kapitalgedeckten Systemen die Finanzierung weiterhin sichergestellt. Dafür werden bei diesen die Rentenleistungen infolge steigender Lebenserwartung nach unten angepasst, um mit einem fixen Kapitalstock Zahlungen über einen längeren Zeitraum zu ermöglichen, was letztendlich zu Altersarmut führen kann. Eine Kombination von Umlagefinanzierung und Kapitaldeckung kann mithelfen, Rentensysteme breiter und robuster aufzustellen und ein höheres Maß an Rentensicherheit zu erreichen.

Zahlreiche OECD-Länder haben in den letzten Jahren die Risikodiversifikation in ihren Rentensystemen verstärkt und vielerorts hat sich die Tendenz durchgesetzt, umlagefinanzierte staatliche Renten durch kapitalgedeckte private Renten zu ergänzen. Diese beiden Vorsorgeformen müssen aufeinander abgestimmt sein und dürfen nicht unabhängig voneinander betrachtet werden. Wenn die staatliche Rentenversicherung beispielsweise nur eine schwach ausgeprägte Umverteilungskomponente beinhaltet, ist es besonders wichtig, dass die private Vorsorge gerade auch Geringverdiener ausreichend abdeckt. Sichert die staatliche Rente hingegen allen Rentnern schon ein angemessenes Einkommensniveau zu, können die Zielersatzquoten in der privaten Vorsorge flexibler gestaltet werden.

Dass die kapitalgedeckte private Vorsorge so konzipiert sein soll, dass sie das Rentensystem komplementär ergänzt, gehört auch zu den von der OECD veröffentlichten Empfehlungen für die Ausgestaltung von DC-Pensionsplänen („OECD Roadmap for the Good Design of DC Pension Plans“). Diese Empfehlungen sind inhaltlich breit gefächert und umfassen unter anderem die möglichst weite Verbreitung der privaten Vorsorge, das Bereitstellen von kostengünstigen Vorsorgeprodukten und die Förderung von Annuitäten, um das individuelle Langlebigkeitsrisiko zu versichern.

Auch zu den Empfehlungen gehören eine zielführende Kommunikation rund um das Rentensystem und die Verbesserung des Finanzmarktwissens in der Bevölkerung. Denn nur wer das Rentensystem versteht, kann seine Zukunft akkurat planen. Und akkurates Planen ist die Grundvoraussetzung für Zukunftsfestigkeit. (vwh)

Bild: Marius Lüske (Quelle: OECD)

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