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Wie der Finanzplatz Frankfurt britische Versicherer anlockt

06.10.2017 – HubertusSeit dem Brexit suchen Londons Firmen das Heil auf dem europäischen Festland. Diese versucht Frankfurt Main Finance, eine Initiative des Finanzplatzes Frankfurt, in die Rhein-Main-Region zu locken. Deren Geschäftsführer Hubertus Väth erklärt im Interview mit VWheute, was britische Versicherer neben EZB und der europäischen Versicherungsaufsicht (Eiopa) in Frankfurt erwartet.

VWheute: Wie viele Arbeitsplätze konnte Ihre Initiative inzwischen an die Rhein-Main-Region locken?

Hubertus Väth: Wir rechnen seit dem 24. Juni 2016, dem Morgen nach dem Brexit-Referendum in Großbritannien mit 10.000 Arbeitsplätzen in der Finanzindustrie, die in den folgenden fünf Jahren von London nach Frankfurt kommen werden. Wir haben diese Zahl an zwei Bedingungen geknüpft: Die europäische Bankenaufsicht EBA kommt nach Frankfurt und das Euro- Clearing kommt an den Main. Um die Ansiedlung der EBA in Frankfurt hat sich das Bundeswirtschaftsministerium offiziell und mit erheblichem Engagement beworben. Die Entscheidung wird im Herbst in Brüssel fallen. Über die Zukunft des Euro-Clearings wird wohl erst gegen Ende der Brexit-Verhandlungen entschieden. In diesem Jahr dürften rund 1.000 Stellen sicher angekündigt werden. Der tatsächliche Zuzug bzw. die Besetzung der Arbeitsplätze wird dann in den meisten Fällen zu Jahresbeginn 2018 erfolgen.

VWheute: Mit was können Sie britische Versicherer nach Frankfurt locken – abgesehen von der EZB und der europäischen Versicherungsaufsicht (Eiopa)?

Hubertus Väth: Frankfurt punktet über die von Ihnen zu Recht erwähnten beiden Institutionen hinaus mit weiteren Argumenten für den Standort. Neben einem ausreichenden Angebot klassischer Versicherungskaufleute stimmt das gesamte Umfeld. Die Region Rhein-Main bietet Fachkräfte aus Branchen, die an Bedeutung für die Versicherungsunternehmen zunehmen, wie der IT, der Kommunikation, der Beratung. Sie bietet internationale, renommierte Anwaltskanzleien. Das Bundesland Hessen hat als einziges einen Regierungsbeauftragten für die Versicherungswirtschaft, der auch für die Fragen des Standortausbaus zuständig ist.

Die IHK Frankfurt hat als einzige, neben Köln, einen Ausschuss für Versicherungsfragen. Auch das zeichnet den Standort für die Ansiedlung britischer Versicherer aus. Die Möglichkeiten der Aus- und Weiterbildung sind hervorragend. Denken Sie nur an das International Center for Insurance Regulation (ICIR) im House of Finance der Goethe Universität – einzigartig in der deutschen Hochschullandschaft. Die Entwicklungen in Sachen Insurtech werden in Frankfurts Incubatoren und Acceleratoren für digitale Startups maßgeblich vorangetrieben.

VWheute: Wie kann die Rhein-Main-Region auch im innerdeutschen Standortwettbewerb mehr Versicherer anziehen?

Hubertus Väth: Die Region Rhein-Main liegt innerhalb Deutschlands auf dem vierten Rang. Denken Sie beispielsweise an die R+V Versicherung, an die Alte Leipziger, die Helvetia, die Basler, die Deutsche Familienversicherung und die Sparkassenversicherung. Grundsätzlich lässt sich aber sagen, dass es keinen echten innerdeutschen Standortwettbewerb in der Versicherungsbranche gibt und auch keine Standortverlegungen. Ähnliches gilt für die ausländischen Versicherer mit Ausnahme einiger weniger amerikanischer und japanischer Unternehmen. Die Branche ist sehr standorttreu oder standortgebunden, wenn Sie so wollen.

VWheute: Kann Frankfurt den Ansturm der Brexit-Firmen und ihrer Mitarbeiter überhaupt stemmen? Steigen die Immobilienpreise?

Zunächst einmal werden die Arbeitsplätze in Frankfurt und in der Region nicht über Nacht kommen. Das ist ein Prozess, der sich über Jahre hinziehen wird. Klar ist aber auch, dass dieses neue Wachstum zusätzliche Anstrengungen erfordert. Eine aktuelle Studie der WHU – Otto Beisheim School of Management im Auftrag von Frankfurt Main Finance hat ergeben, dass 10.000 zusätzliche Arbeitsplätze im Bankgewerbe in Frankfurt in Folge des Brexit bis zu 88.000 weitere Arbeitsplätze in anderen Branchen in der Rhein-Main-Region mit sich bringen. Das lässt auch das Steueraufkommen steigen.

Insofern nehmen auch die Mittel zu, das Wachstum zu bewältigen. Auf der Seite der Gewerbeimmobilien steht Frankfurt im nationalen und internationalen Vergleich sehr gut da. Büroraum ist in ausreichendem Maße in hervorragenden Lagen vorhanden, und in naher Zukunft kommen weitere Flächen dazu. Die Leerstandsquote ist mit rund zehn Prozent im nationalen Vergleich hoch, ein deutliches Anziehen der Quadratmeterpreise ist also auf absehbare Zeit nicht zu erwarten. Bezüglich des privaten Wohnraums arbeiten die Verantwortlichen daran, neue Flächen als Bauland auszuweisen und zu verdichten.

Bild: Hubertus Väth, Geschäftsführer von Frankfurt Main Finance, der Initiative des Finanzplatzes Frankfurt (Quelle: Väth)

Die Fragen stellen VWheute-Redakteur David Gorr.

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