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Wenn Versicherer in die Gene blicken

14.02.2018 – DNA_Vaterschaft_Abstammung_Erkrankung_ by_Denise_pixelio.deSollen Versicherer Einblicke in Ergebnisse bereits durchgeführter DNA-Tests bekommen – die Schweiz diskutiert intensiv. Sogar der Nationalrat wird über das Thema debattieren, die Kluft verläuft zwischen Daten- und Verbraucherschützern und wirtschaftsnahen Debattieren. Die Frage wird auch Deutschland erreichen, den Gentests sind auf den Vormarsch.

Immer mehr Menschen lassen sich auf eigene Kosten die DNA entschlüsseln. Die Absichten sind unterschiedlich, einige wolle die eigene Abstammung klären, andere Informationen über Erbkrankheiten erlangen oder das eigene Krankheitsrisiko einschätzen. In anderen Bereichen der Gesellschaft sind Gentests längst Standard. Die deutsche Polizei hat laut Bundeskriminalamt alleine beim Delikt Diebstahl seit dem Jahr 2000 bei rund 138.000 Personen DNA-Treffer erzielt, die bei der polizeilichen Aufklärung eminent wichtig sind.

Die Kosten für DNA-Test befinden sich im freien Fall. Anfang des 21. Jahrhunderts beliefen sie sich noch auf rund 95.000 Dollar pro Test, heute wirbt ein Unternehmen mit einer Valentinstag DNA-Aktion für 69 Euro pro Test. Beim Doppelkauf sinkt der Preis auf 118 Euro.

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Haben Versicherer ein Recht auf DNA-Tests?

Die Tests sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen und haben längst die Versicherungswelt erreicht. Bisher waren in der Schweiz Versicherungsgesellschaften der Einblicke in Gentest-Ergebnisse untersagt, das wollen bürgerliche Politiker jetzt ändern. Die Befürworter argumentieren, dass sie niemanden zu Tests zwingen wollen, aber sie fordern ein Einsichtsrecht der Versicherer im Bereich der Lebensversicherung. Es braucht nicht viel Fantasie um weitere Versicherungsgeschäftsfelder auszumachen, die ebenfalls brennend an solchen Ergebnissen interessiert wären.

Gerecht sei es, wenn bei einem Vertragsabschluss beide Parteien vorab über sämtliche Risiken informiert wären, sagt Nationalrätin Andrea Gmür-Schönenberger von der Christlichdemokratischen Volkspartei. Die Kritiker halten dagegen, dass durch Gentests eine Zweiklassen-Versicherungslandschaft entstehe. Der Nationalrat der Sozialdemokratischen Partei Schweiz Matthias Aebischer fürchtet, dass künftig nur noch der Interessent eine Versicherung erhalte, der einen “reinen Genpool” vorweisen könne. Nicht zuletzt wegen der Wortwahl weckt dieser Satz böser Assoziationen.

Einen wichtigen Punkt bringt die Präsidentin der Patientenstelle Schweiz Erika Ziltener in die Diskussion ein. Ein Gentest zeigt ein Risiko auf, ist aber keine Kristallkugel, mit der in die Krankheitszukunft gesehen werden kann: “Man darf aufgrund eines Risikos nicht jemanden ausschließen oder benachteiligen”, erklärt sie.

Die Situation hierzulande?

Es ist verständlich, dass Versicherer so viel Informationen wie möglich erlangen wollen, denn letztendlich würden bessere Daten zu genaueren Kalkulationen führen und damit wohl auch zu niedrigeren Preisen für das Kollektiv. Wie die rechtliche Situation in Deutschland tatsächlich aussieht, erläutert der GDV auf Nachfrage: “Die Nutzung von Informationen aus Gentests durch Versicherer ist in § 18 des Gendiagnostikgesetzes (GenDG) geregelt. Ein Versicherer darf danach vom Versicherungsnehmer weder vor noch nach Abschluss des Versicherungsvertrags

1. Die Durchführung genetischer Untersuchungen oder Analysen verlangen oder

2. Die Mitteilung von Ergebnissen oder Daten aus bereits durchgeführten genetischen Untersuchungen oder Analysen verlangen oder solche Ergebnisse oder Daten entgegennehmen oder verwenden.

Eine Ausnahme von der 2. Vorgabe gilt bei Lebensversicherungen, Berufsunfähigkeitsversicherungen, Erwerbsunfähigkeitsversicherungen und Pflegerentenversicherungen: Wenn die Versicherungssumme höher ist als 300.000 Euro bzw. die vereinbarte jährliche Rente höher als 30.000 Euro ist, muss der Kunde Ergebnisse aus bereits durchgeführten genetischen Untersuchungen offenlegen.
Die gesetzliche Regelung deckt sich mit der freiwilligen Selbstverpflichtung der deutschen Versicherungswirtschaft, die schon vor Erlass des GenDG in der Versicherungsbranche etabliert war. Die deutsche Versicherungswirtschaft sieht aktuell keinen Anlass für eine Abweichung vom GenDG.”

Die Branche in Deutschland will am DNA-Verbot derzeit nicht rütteln. Vielleicht kommt nach der Entscheidung in der Schweiz wieder Schwung in die Diskussion. Die Möglichkeiten der DNA-Analyse sind ebenso vielfältig wie die ethischen und sozialen Fragen, die durch eine Nutzung entstünden. (vwh/mv)

Bild: DNA-Test (Quelle: Denise / www.pixelio.de / PIXELIO)

Grafik: Statista

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