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Top-Ökonomen fordern Rente mit 70

10.08.2017 – Lebensversicherung_FotoliaPolitversprechen erfreuen sich im Wahlkampf bekanntlich besonderer Beliebtheit, vor allem dann, wenn es um die gesetzliche Rente und Wählerstimmen für die eigene Partei geht. Doch Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), und Michael Hüther, Chef des Instituts für Wirtschaftsforschung (IW), appellieren an die Politik, auch über eine Rente mit 70 zu reden.

“Alle Parteien führen eine sehr unehrliche Debatte. Sie kündigen Pläne an, etwa die weitere Erhöhung der Mütterrenten, die massiv zulasten der jüngeren Generationen gehen würden”, betont Fratzscher. Gleichzeitig bezeichnete der Wissenschaftler die Rente mit 63 und die Erhöhung der Mütterrenten als die “größten sozialpolitischen Fehler, die die große Koalition gemacht hat”. So handele es sich dabei um eine “riesige Umverteilung von jungen zu alten Menschen, die sich noch rächen wird”.

Das arbeitgebernahe Instituts für Wirtschaftsforschung kritisiert dabei vor allem die Wahlprogramme der Großen Koalition: “Völlig unverantwortlich tun CDU/CSU und SPD in ihren Wahlprogrammen so, als gäbe es entweder keinen Handlungsbedarf oder sogar Gelegenheit für weitere Rentengeschenke. Das ist fatal”, wird IW-Präsident bei RP online zitiert.

Die übereinstimmende Forderung der Ökonomen ist jedenfalls klar: Die Rente mit 70 muss kommen. “Für jedes Jahr zusätzlicher Lebenserwartung müssen die Menschen acht Monate länger arbeiten, damit das Rentensystem überhaupt finanzierbar bleibt. Wir müssen irgendwann über die Rente mit 70 reden”, betont Fratzscher. “Die Rente mit 67 gilt ab 2030 für alle. Die Anpassungstreppe sollte anschließend verlängert und der neue Zielwert bei 70 Jahren liegen”, ergänzt Hüther.

Unterschiedliche Rentenkonzepte der Parteien

In der Politik werden die beiden Top-Ökonomen mit ihrer Forderung derzeit allerdings kaum Gehör finden. Demnach sieht die CDU bei der Rente bis 2030 keinen Handlungsbedarf. Daher ist auch das Renteneintrittsalter kein Thema im Wahlprogramm. Für den Lebensabend der aktuellen Babyboomer soll eine Kommission nach der Bundestagswahl entsprechende Lösungen erarbeiten. Die Schwesterpartei CSU kämpft indes gar für eine Ausweitung der Mütterrente: Auch Frauen, die vor 1992 Mutter geworden sind, sollen drei Jahre Kindererziehungszeit auf die Rente angerechnet bekommen. Aktuell sind es zwei Jahre.

Die Sozialdemokraten fordern indes ein garantiertes Rentenniveau per Gesetz von 48 Prozent und einem Beitragssatz von unter 22 Prozent. Zudem will die SPD im Falle eines Wahlsieges eine Solidarrente für Geringverdiener mit mindestens 35 Beitragsjahren einführen.

Die Linken fordern hingegen eine Rückkehr zum Rentenalter mit 65. Zudem sollen künftig auch Beamte, Selbstständige und Politiker in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen. Das Rentenniveau soll auf 58 Prozent steigen, eine Mindestrente von 1.050 Euro will die Linke einführen und die Arbeitgeberbeiträge erhöhen. Auch die Grünen streben mittelfristig eine Rentenversicherung für alle an, jeder Arbeitgeber soll zudem eine Betriebsrente anbieten.

Lediglich die FDP lehnt ein starres Renteneintrittsalter ab. Das Prinzip der Liberalen scheint einfach: Wer länger arbeitet, soll mehr Rente erhalten und wer früher in Rente geht, soll weniger bekommen. Zudem sollen die Zuverdienstmöglichkeiten ausgeweitet werden.

Übertrifft Österreich die deutsche Rentenversicherung?

Mit einem Rentenalter von 67 oder gar 70 wäre Deutschland jedenfalls im europaweiten Durchschnitt. So plant Irland derzeit, das Renteneintrittsalter bis 2021 auf 67 Jahre und bis 2028 dann auf 68 Jahre anzuheben. In Großbritannien liegt das Rentenalter derzeit bei 65 Jahren und soll bis 2028 schrittweise auf 67 Jahre angehoben werden. Auch in anderen Ländern wie beispielsweise Polen und den Niederlanden ist eine Anhebung bis 67 geplant.

Als besonders vorbildlich gilt hingegen die sogenannte “Pensionsversicherung” in Österreich. So hat die Deutsche Rentenversicherung Bund einmal einen groben Systemvergleich Rentenversicherung/Pensionsversicherung versucht. Zunächst das schockierende Ergebnis: die monatliche Bruttorente liegt in Österreich umgerechnet auf der Basis von 14 Zahlungen mit durchschnittlich 1.436 Euro um 58 Prozent über dem deutschen Niveau von durchschnittlich 909 Euro. Und würde man die beiden Sonderzahlungen unberücksichtigt lassen, wäre die Durchschnittsrente mit brutto 1.231 Euro immer noch um 35 Prozent höher.

Mitentscheidend für die Leistungsfähigkeit des Rentensystems sind zunächst einmal die Beitragseinnahmen. Die Abgabequote liegt im Nachbarland mit 22,80 Prozent um 4,1 Prozentpunkte über dem deutschen Beitragssatz (18,7 Prozent). Eine weitere Besonderheit ist, dass der Arbeitgeberanteil 12,55 Prozent beträgt und der Arbeitnehmeranteil bei 10,25 Prozent liegt. In Deutschland gilt die paritätische Finanzierung mit jeweils 9,35 Prozent.

Dank der guten wirtschaftlichen Entwicklung und der damit verbundenen höheren Erwerbstätigkeit wird der Beitragssatz in Deutschland bis 2021 bei 18,7 stabil bleiben und würde dann im Jahr 2022 nur auf 18,8 Prozent angehoben werden müssen. Nach den Faustregeln der deutschen Rentenversicherung spült eine Beitragsanhebung um einen vollen Prozentpunkt etwa 14 Mrd. Euro in die Kasse. Und mit Hilfe eines halben Beitragspunktes kann man das Rentenniveau von derzeit 48,2 Prozent um einen Prozentpunkt anheben. Rein rechnerisch würde die Anhebung des deutschen Beitragssatzes auf das österreichische Niveau das Rentenniveau um gut acht Prozentpunkte auf 56,2 Prozent anheben.

Ein wesentlicher Unterschied in den beiden Rentensystemen besteht im erfassten Personenkreis, der in der gesetzlichen Rentenversicherung abgesichert ist. In Deutschland sind es von einigen Ausnahmen abgesehen alle abhängig Beschäftigte. Im Nachbarland werden grundsätzlich alle Erwerbstätigen auch Beamte erfasst, was den Kreis der Beitragszahler erheblich verbreitert.

Die aktuelle Diskussion in Deutschland zeigt, dass es deutliche Bestrebungen gibt, Selbstständige, die nicht über eigene Versorgungswerke abgesichert sind, zu einer eigenen Altersversorgung zu verpflichten. Strittig dabei ist, ob alle in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen müssen oder ob es auch private Versicherungslösungen geben soll. (vwh/td/brs)

Den vollständigen Beitrag “Deutsche Rentenversicherung in Erklärungsnot” lesen Sie in der aktuellen Ausgabe des Business- und Managementmagazins Versicherungswirtschaft.

Bildquelle: Fotolia

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