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Run-off kratzt am Image einer ganzen Branche

30.11.2017 – 270008_web_R_K_B_by_momosu_pixelio.deRun-off beschäftigt seit Monaten die Öffentlichkeit. Was zunächst nur als Betriebsunfall einiger weniger, kleinerer Anbieter am Markt bewertet wurde, entwickelt sich zum Flächenbrand. Mit der Generali und der Ergo haben sich vor Monaten zwei große Player am Markt offenbart, dass sie Investoren oder speziellen “Run-off”-Plattformen rund elf Millionen Verträge gegen bares Geld andienen wollen.

Nach Experten-Schätzungen sollen bis zu 20 Millionen Policen auf diese Weise den Besitzer wechseln. Das würde bedeuten, dass bei insgesamt rund 90 Millionen Verträgen rund jeder fünfte Kunde einen neuen Ansprechpartner und Treuhänder seiner eingezahlten Leistungen erhält. Zwar wird immer wieder erklärt, dass die Kundeninteressen auch nach einem Verkauf vollumfänglich gewahrt bleiben. Die “Run-off”-Plattformen betonen, welche Vorteile im Kostenbereich und durch das professionelle Kapitalanlagen-Management entstehen würden. Das täuscht aber nicht darüber hinweg, dass ein bei Abschluss des Vertrages gegebenes Vertrauens-Versprechen nicht mehr gilt.

Das dürfte die gesamte Branche durchrütteln. Das gute Image, vor allem eine in Jahrzehnten erworbene Glaubwürdigkeit, ist in Gefahr. Kunden, die vor vielen Jahren den Werbesprüchen glaubten, dass die Lebensversicherung ihnen Sicherheit für das Alter gibt, mit einer guten Rendite obendrauf, sind verunsichert. Nicht von ungefähr wettern Versicherungsvorstände gegen den Abverkauf. Rainer M. Jacobus, Vorstandschef der Ideal, bezeichnet “Run-off”-Pläne mit der für ihn bekannten klaren Ansage als “Kolateralschaden für die Branche”. Er, wie auch der Vorstandsvorsitzende der Nürnberger Versicherungen, Armin Zitzmann, lehnen einen “Run-off” für ihre Häuser strikt ab. Sie haben schnell erkannt, in welch schweres Fahrwasser die private Altersvorsorge geraten kann, wenn dem Beispiel Folge geleistet wird.

Jacobus sieht in diesem Zusammenhang vor allem auch deutliche Probleme mit der Politik bei der geplanten Neujustierung der Zinszusatzreserve, was nunmehr erschwert werden könnte. Gerade die Vermittler, die einstmals ihre Kunden von der Richtigkeit privater Vorsorge überzeugten, hätten jetzt Erklärungsbedarf, betont Zitzmann. Als Vertriebsexperte weiß er, welchem Leidensdruck die Vermittler an der Verkaufsfront ausgesetzt sind. “Run-off” würde ja auch bedeuten, dass die Verkäufer zwar weiter ihre Kunden betreuen können, aber nicht mehr zum möglicherweise mal von ihnen selbst vermittelten Altersvorsorge-Vertrag. Welch peinliche Situation!

Selbst die Manager anderer Häuser sind hinter vorgehaltener Hand entsetzt. Die Niedrigzinsphase koste schon Kraft genug, sagen sie, um weiterhin modifizierte, moderne Lebensversicherungsprodukte mit einer verhältnismäßig ordentlichen Rendite verkaufen zu können. Vertrauen und Sicherheit waren einst die unschlagbaren Werbeargumente für die Lebensversicherung gegenüber anderen konkurrierenden Anlageformen. Das wollen viele Unternehmenslenker erhalten wissen.

Auch Hans-Georg Jenssen, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Verbandes Deutscher Versicherungsmakler, bewertet das “grundsätzlich als nicht positiv”. Er sieht zwar die Welt durch die “Run-offs” nicht untergehen. Allerdings hätten die Unternehmen ein Problem. „Diese sagen, dass sie bereit sind für die Altersversorgung mehr Verantwortung zu übernehmen, weil die Versicherer das besser könnten als der Staat. Er warnt aber auch: “Im Lichte von ‘Run-off’-Szenarien gibt es im Gegensatz dazu keine bessere Promotion für die sogenannte Deutschland-Rente”. Inzwischen melden sich, wie zu erwarten war, erste Politiker zu Wort. “Das werden wir in dieser Wahlperiode zu einem Regulierungsthema machen”, erklärt CDU-Vizefraktionschef Ralph Brinkhaus und spricht von Vertrauensbruch.

In die aktuell geführten Diskussionen platzt nun die Meldung herein, dass Ergo-Chef Markus Rieß wohl keinen Käufer für die Altbestände der Ergo Lebensversicherung sowie Victoria Versicherung gefunden hat und eine interne Lösung vorzieht. Dies habe der Vorstand nach intensiver Bewertung der unverbindlichen Angebote von Interessenten und unter Abwägung aller Optionen entschieden. Wahrscheinlich ist, dass Ergo keinen Investor gefunden hat, der die preislich (überhöhten) Wunschvorstellungen der Düsseldorfer erfüllen wollte. Vielleicht hat aber zusätzlich auch die Mutter der Ergo, die Munich Re, die Reißleine gezogen.

Man darf gespannt sein, wie die Generali sich entscheidet, die “ergebnisoffen” über einen externen oder internen “Run-off” entscheiden will. (wo)

Bildquelle: momosu/ Pixelio/ www.pixelio.de

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