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“Radikaler Richtungswechsel völlig unverzichtbar”

12.07.2017 – Straubhaar.Thomas_045Thomas Straubhaar gehört zu den Befürwortern des bedingungslosen Grundeinkommens. Seinen Berechnungen zufolge sollte jeder Bundesbürger – vom Neugeborenen bis zum Rentner – 1.000 Euro im Monat einschließlich einer Basis-Gesundheitsversorgung erhalten. Welche Chancen dieses Modell eröffnen würde, erklärt der Wirtschaftsprofessor im Interview mit der Versicherungswirtschaft.

VWheute: Nach Ihrem Ansatz sollte jeder Bundesbürger – vom Neugeborenen bis zum Rentner – 1.000 Euro im Monat einschließlich einer Basis-Gesundheitsversorgung erhalten. Jeder, der arbeitet, bekommt trotzdem dieses Einkommen, zahlt aber vom ersten Cent an 50 Prozent Einkommenssteuer. Wie haben Sie das errechnet?

Thomas Straubhaar: In Deutschland geben wir über 900 Mrd. Euro pro Jahr für das Sozialsystem aus. Das ergibt im Durchschnitt 1.000 Euro pro Person im Monat. Das ließe sich mit einem Steuersatz von 50 Prozent auf die gesamte in Deutschland jährlich erwirtschaftete Wertschöpfung finanzieren. Dabei sollte es keine Unterscheidung zwischen den Einkommensarten geben, Kapital- und Zinserträge, Arbeitseinkommen, Gewinne und Dividenden sollten alle gleichermaßen besteuert werden. Mathematisch gesehen führt das zu einem progressiven Steuersystem – wer mehr verdient, zahlt absolut und relativ mehr, da bei einem geringeren Einkommen das bedingungslose Grundeinkommen – das ja nicht besteuert wird – stärker ins Gewicht fällt. Damit sind die zwei Bedingungen, die an ein gerechtes  Steuersystem gestellt werden, erfüllt, nämlich dass es an die individuelle Belastungsfähigkeit angepasst und gerecht ist.

VWheute: Glauben Sie, dass das bedingungslose Grundeinkommen irgendwann tatsächlich umgesetzt werden wird oder wird es doch nur eine Utopie bleiben?

Thomas Straubhaar: Ich glaube nicht, dass es 1:1 umgesetzt wird. Als Ökonom ist es nicht meine Aufgabe, realpolitische Konzepte umzusetzen. Als Wissenschaftler habe ich die Freiheit, aber auch Verpflichtung, ein logisch konsistentes  Modell zu entwickeln, an dem sich alle reiben können. Darüber, wie ein Basismodell konkret aussehen könnte, wird es noch viele Diskussionen geben. Ich glaube aber, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis einzelne Bausteine umgesetzt werden. Schon in der nächsten Legislaturperiode werden wir den Übergang von den beitrags- zu steuerfinanzierten Sozialleistungen sehen, und es wird sich früher oder später durchsetzen, dass Kapital und Arbeit gleich besteuert werden müssen. Außerdem wird sich etwas in Richtung Flexibilisierung des Ruhestands entwickeln – viele dieser Themen werden sehr schnell umgesetzt werden.

VWheute: Die Versicherungswirtschaft wird in den nächsten Jahren u.a. als Folge der Digitalisierung stark von Arbeitsplatzabbau betroffen sein. Könnte das bedingungslose Grundeinkommen einen Ausweg darstellen, der neue Chancen eröffnet?

Thomas Straubhaar: Ja, ich halte einen radikalen Richtungswechsel für völlig unverzichtbar, gerade auch, damit wir die sich bietenden Chancen der Digitalisierung nutzen können. Die Versicherungswirtschaft wird zu den Branchen gehören, bei denen die Digitalisierung das Geschäftsmodell dramatisch verändern wird. Das wird zum einen die Vermittlung und die Kundenansprache betreffen. Dann wird durch Big Data der Kundenbestand immer mehr gläsern, transparent und damit berechenbar werden. Das kann man positiv oder negativ sehen, aber die Risiken jedes Einzelnen können immer präziser abgeschätzt und entsprechend die Beiträge angepasst und maßgeschneiderte Lösungen erarbeitet werden. Für das bisherige Versicherungsmodell, das auf dem solidarischen Ausgleich und der großen Zahl beruhte, ist das eine ganz neue Herausforderung. Als Drittes wird das Zahlungsverkehrssystem betroffen sein – sehr vieles muss ganz neu gestaltet werden.

VWheute: Ist die Branche schon darauf eingestellt, dass sie sich verändern muss?

Thomas Straubhaar: Das tut sie ja derzeit, viele sind hier sehr pfiffig und offensiv unterwegs. Versicherung soll Sicherheit gewähren – und hier muss es einen Paradigmenwechsel geben. Das Grundeinkommen soll vor existenziellen Risiken schützen, für die es eben gerade keine privaten Versicherungsmodelle gibt. Also, wenn Partnerschaften auseinanderbrechen und Kinder von alleinerziehenden Elternteilen zu versorgen sind, oder wenn eine berufliche Ausbildung entwertet wird, weil digitale Systeme mit künstlicher Intelligenz den Sachbearbeiter, die Kassiererin oder den Wirtschaftsprüfer ersetzen. In Zukunft wäre dann das Existenzminimum von vornherein gesichert, und privat wären jene Risiken zu versichern, die der Sicherung des Lebensstandards dienen, was insbesondere mit Bildung und Gesundheit zu tun hat.

VWheute: Welche Chancen hätten die Versicherer?

Thomas Straubhaar: Sie könnten ganz neue Märkte erschließen. Heute ist es doch so, dass es für die meisten Menschen schwierig ist, sich adäquat zu versichern, denn sie wissen nicht, was wirklich auf sie und ihre Familie zukommen wird, welche Grundrisiken sie abdecken müssen. Durch das bedingungslose Grundeinkommen würde dieser Druck genommen werden und die Versicherungswirtschaft bekäme Chancen für neue Modelle die insbesondere lebenslang Bildungs- und Gesundheitsaspekte abdecken.

Das Interview führte VWheute-Korrespondentin Susanne Görsdorf-Kegel

Bild: Thomas Straubhaar, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Hamburg (Quelle: Körberstiftung)

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