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“Paul” kostet Vereinigte Hagel rund 30 Mio. Euro

03.07.2017 – Rainer_Langner_Vereinte HagelFrost und Unwetter haben die Agrarversicherer in diesem Jahr besonders getroffen. Während das Statistische Bundesamt “eine äußerst geringe Kirschenernte” durch Spätfröste befürchtet, kosten sämtliche Wetterkapriolen in 2017 die Vereinige Hagel bereits 60 Mio. Euro. VWheute sprach exklusiv mit Vorstandschef Rainer Langner über das aktuelle Wetter.

VWheute: Was war ihr erster Gedanke, als Sie vom Ausstieg der USA aus den Pariser Verträgen hörten?

Rainer Langner: Die erste Reaktion war sicherlich Enttäuschung über die Entscheidung des amerikanischen Präsidenten, der dies ja in seiner ihm eigenen Art über Twitter verlauten ließ. Allerdings spiegelt dieses Verhalten auch die Umsetzung seiner Wahlversprechen und seiner Leitlinie “America first” wider. Aus meiner Sicht wird er Amerika damit mittelfristig aber eher schaden als nutzen, wenn man zum Beispiel bedenkt, dass unter der Obama-Administration die Zahl der Arbeitsplätze in der Solarbranche bereits auf das Doppelte derer in der Kohle-, Öl- und Gasförderung angewachsen ist. Vielleicht kann er damit ein kurzes Strohfeuer entfachen, das seine Anhänger zufriedenstellt.

Langfristig koppelt er Amerika damit aber bei der Entwicklung von Zukunftstechnologien ab und isoliert sein Land auch moralisch. Klimaexperten schätzen, dass der Ausstieg der Amerikaner rund 0,3 Grad Celsius der Erderwärmung ausmachen könnte. Das ist schon ein enormer Anteil. Ich bin der Meinung, dass daher die anderen Staaten, allen voran die der EU, China oder Kanada beim Klimaschutz enger zusammenrücken müssen. Hieraus können sich dann auch in anderen Bereichen, zum Beispiel beim Handel, Vorteile für dieses Staaten entwickeln. Dass Donald Trump seinen eher protektionistischen Kurs ändert, erwarte ich jedenfalls nicht. Die Enttäuschung über sein Verhalten beim Klimaschutz ist bei mir auch heute noch zu spüren.

VWheute: Ist der Klimawandel anhand von Daten belegbar und wie verändert sich dadurch ihr Kerngeschäft, die Kalkulation von Risiken?

Rainer Langner: Klima ist ja nichts anderes als Statistik, hat also mit dem Wetter an einem bestimmten Tag an einem bestimmten Ort nur bedingt etwas zu tun. Daher wurde der Klimawandel bis vor kurzem von Kritikern auch noch nicht als reales Problem akzeptiert. Es gibt aber ganz klare Fakten, die den Klimawandel belegen. War der Vegetationsbeginn vor 50 Jahren noch Anfang April, so hat er sich bis heute um rund eine Woche nach vorne verschoben – als Folge von gestiegenen Temperaturen, die für das Pflanzenwachstum entscheidend sind.

Außerdem hat sich die Anzahl der Hitzetage mit mehr als 30 Grad Celsius pro Jahr in den letzten drei Jahrzehnten im Schnitt verdreifacht. Folgen davon sind zunehmende Frühjahrstrockenheiten, aber auch zunehmende Frostschäden. Dies klingt auf den ersten Blick widersprüchlich. Setzt aber das Pflanzenwachstum aufgrund der gestiegenen Temperatursummen früher ein, kann auch die besonders frostempfindliche Phase der Kultur früher eintreten – und ist damit den auch weiterhin vorkommenden Spätfrösten ausgesetzt. Ein Spätfrost Anfang April ist eben trotz Klimawandel wahrscheinlicher als ein Spätfrost Mitte Mai.

Denn wie eingangs erwähnt sagt das Klima nichts über das konkrete Wetter und die Temperauren an einem einzelnen Tag aus. Auch die zunehmend fehlende schützende Schneedecke im Winter begünstigt so genannte Auswinterungsschäden bei den Kulturen. Unser Kerngeschäft hat sich bereits verändert – vom reinen Hagelversicherer hin zur Mehrgefahrenversicherung. Neben dem Ursprungsrisiko Hagel wird die Absicherung gegen Sturm, Starkregen und Frost für unsere Landwirte immer wichtiger. Das zeigt ganz deutlich die immer weiter steigende Nachfrage nach unserem Produkt Secufarm.

VWheute: Zuletzt hat das Sturmtief “Paul” für hohe Schäden gesorgt, gibt es dazu neue Zahlen oder Erkenntnisse?

Rainer Langner: Dieses Sturmtief hat ja am Nachmittag und Abend des 22. Juni 2017 über Deutschland gewütet. Neben den beklagenswerten Personenschäden und den teils erheblichen Schäden an Gebäuden und Fahrzeugen hat es auch die Landwirtschaft schwer erwischt. Alleine an diesem einzigen Schadentag wurden uns rund 100.000 Hektar als geschädigt gemeldet. Das schwerste Schadengebiet geht dabei einmal diagonal durch die ganze Republik. Beginnend bei Cuxhaven über das Alte Land südlich von Hamburg, Uelzen, Wolfsburg, Magdeburg und Dessau bis zum Elb-Sandstein-Gebirge wurden Schäden gemeldet.

Das “Epizentrum” lag dabei in der Gegend rum um Magdeburg und Dessau-Roßlau. Hier waren flächendeckend Totalschäden in allen Kulturen zu verzeichnen. Eine weitere Gewitterlinie zwischen dem Ruhrgebiet und Göttingen sorgte vor allem in Brilon, Diemelstadt und Warburg für erhebliche Schäden. Weiterhin betroffen waren Mittel- und Nordhessen sowie punktuell Regionen in ganz Deutschland. Die Sachverständige waren bereits kurz nach den Schadenmeldungen vor Ort, um die einzelnen Feldstücke aufzunehmen und zu regulieren. Betroffen waren alle Ackerbaukulturen wie Getreide, Raps, Mais, Erbsen und Lupinen, aber auch Sonderkulturen aus dem Bereich Obst und Gemüse. Insgesamt waren weit über 200 Sachverständige im Einsatz. Allein für Sturmtief “Paul” rechnen wir mit einer Entschädigung von rund 30 Mio. Euro.

VWheute: Jens-Uwe Rohwer, Vorstandsvorsitzender der Ostangler Versicherung, sagte kürzlich im VWheute-Interview: “Extremwetter ist ein großes Risiko für uns”. Sehen sie das bei der Vereinigte Hagel auch so, nehmen diese Ereignisse tatsächlich zu und wird es irgendwann so weit kommen, dass die Schäden durch solche Extremwetterphänomene gar nicht mehr versicherbar sind, weil die Beiträge für die hohen Risiken nicht mehr aufzubringen sind?

Rainer Langner: Extremes Wetter ist für uns eigentlich Risiko und Werbung zugleich. Im Gegensatz zur Ostangler als Mehrspartenversicherung ist das Wetter für uns ja das einzige Risiko. Und das haben wir in beinahe 200 Jahren zu kalkulieren gelernt, bei uns dreht sich seit jeher das Geschäft um besondere Wetterlagen. Aber es ist schon richtig, dass extreme Wetterereignisse in der letzten Dekade zugenommen haben. Dabei sind es gar nicht mal nur Hagelunwetter; vielmehr sind die Schäden durch Sturm und Starkregen angestiegen. Ein Beispiel: 130 Liter Regen entsprechen in den meisten Regionen Deutschlands rund einem Fünftel des Jahresniederschlags.

Gemessen wurde diese Menge im niederrheinischen Kleve – aber innerhalb von 24 Stunden am 1. Juni 2016. In Münster wurde dieser Wert zwei Jahre zuvor sogar noch übertroffen. Das Elbehochwasser von 2002 und das Hochwasserereignis an Mulde und Saale vom Juni 2013 wurden beide als Jahrhundertereignisse betitelt – dazwischen lagen aber gerade einmal elf Jahre. Auch Tornados mit extremen Windgeschwindigkeiten werden in Deutschland mittlerweile regelmäßig gesichtet. Wir beobachten darüber hinaus auch, dass heutzutage keine unwetterfreien Gebiete mehr in Deutschland existieren. Die Wetterereignisse treten zunehmend kleinräumig auf, was den Wetterdiensten auch die verlässlichen Vorhersagen von lokalen Unwettern erschwert.

Angesichts der zunehmenden Schäden haben mehrere Bundesländer erklärt, dass es zukünftig keine ad hoc-Zahlungen bei versicherbaren Risiken mehr geben wird. Stattdessen müssten die Bürger und damit auch die Landwirte ihr Risikomanagement in Eigenregie betreiben. Dass die Schäden zukünftig nicht mehr versicherbar sein werden, glaube ich nicht. Unserer Gesellschaft kommt dabei im Moment natürlich auch die Risikostreuung über Europa und unsere schlanke Kostenstruktur zugute.

Vielmehr sehe ich im Moment die Chance, dass das eigene Risikomanagement in Form von Versicherungen zukünftig auch bei uns in Deutschland gefördert werden könnte. In den meisten EU-Ländern ist es bereits heute so, dass ein Teil der Prämie aus EU- bzw. nationalen Mitteln übernommen wird. Die schlimmen Frostschäden dieses Frühjahr im Wein- und Obstbau haben dieser Diskussion aktuell Anschub gegeben. Bei flächendeckenden Kumulrisiken wie Trockenheit werden wir um irgendeine Form einer Public-Private-Partnership ohnehin nicht herumkommen, um dies stemmen zu können. Ich bin mir aber sicher, dass wir unseren Landwirten auch in Zukunft faire Angebote zur Deckung ihrer Risiken machen können.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Maximilian Volz.

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