Lebensversicherungen zwischen Regulatorik, Niedrigzins und Run-off

07.06.2017 – Schinneburg_kasparAlle – außer Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) – klagen über niedrige Zinsen. Was aber, wenn die Klagen erhört werden und die Zinswende kommt? Sind dann die neuen Rechenmodelle und die darauf basierenden Produkte wieder hinfällig? Wird die mühsam geschaffene Statik gleich wieder bedroht? So weit ist es zwar noch nicht.

Wenn aber der Abteilungsleiter Lebensversicherung und Kapitalanlagen der Bafin auf einem Kongress die Frage stellt: Sind die deutschen Lebensversicherer für einen Zinsanstieg gerüstet?, sollte die Branche genau hinhören, was der Regulator zu sagen hat. Schließlich gilt: Wo Rauch ist, gibt es Feuer. Nutzen wolle er “eine Phase an den Märkten, wo eine Änderung nicht unmittelbar bevorsteht”, um sich mit möglichen Konsequenzen für Unternehmen, Strategien und Produkte im Bereich der Lebensversicherer Gedanken zu machen, so die einführenden Worte von Bafin-Abteilungsleiter Kay Schaumlöffel. Low for long oder back to normal, so die international diskutierte Fragestellung. Zwar seinen langfristig niedrige Zinsen auf Dauer schädlich, aber auch ein plötzlicher Anstieg könne unliebsame Auswirkungen haben, ist sich zumindest das European Systemic Risk Board (ESRB) sicher.

Hinsichtlich einer HGB-Bilanz wirkt ein Zinsanstieg auf der Aktivseite mit einem Wertverlust bei zinssensitiven Aktiva, die dem Umlaufvermögen zugeordnet sind, was für die meisten Lebensversicherer kaum bedeutsam sein dürfte. Auf der Passivseite sinkt jedoch der Sicherungsbedarf, führte Schaumlöffel weiter aus. Gleichzeitig würden die Bewertungsreserven (BWR) sinken, oder es entstünden sogar stille Lasten. Ein Anstieg um 200 Basispunkte würde im Branchenmittel saldierte BWR nahe null ergeben. Bei stillen Lasten wäre eine Bedeckung des Sicherungsvermögens nach Zeitwerten möglicherweise nicht mehr existent, mit der Konsequenz, dass die Bafin zusätzliche Zuführungen verlangen könnte. Bei der Zinszusatzreserve (ZZR) kann es bei einer dauerhaften Erhöhung des Zinsniveaus ebenfalls ein “Nachlaufproblem” geben: Bis 2021 müsste die ZZR dann noch um 35 Mrd. Euro erhöht werden.

Die Probleme bei schnellem Anstieg

Mit Blick auf Solvency II hat die Aufsicht errechnet, dass bei einem Zinsanstieg von 50 Basispunkten (BP) die Eigenmittel anstiegen, bei einem Zinsanstieg von 100 BP diese jedoch sänken. In der Folge könne die Überschussbeteiligung allerdings erst mit deutlicher Verzögerung angehoben werden, mit unklaren Konsequenzen für das Neugeschäft wie für die Stornoquoten. In diesem Zusammenhang zitierte Schaumlöffel eine Untersuchung der Deutschen Bundesbank, die ähnliche Sorgen formulierte und zu dem Ergebnis kam, dass ab einem Zinsanstieg von 210 BP ein existenzbedrohender Massenstorno einsetzen könnte. Diesem Szenario mochte die Bafin aber nicht folgen, denn die Auswirkungen auf die einzelnen Versicherungsunternehmen seien individuell. Diese sollten jedoch alle gesetzlichen Regelungen rechtzeitig prüfen, dabei mehrere “Zinsstresse” rechnen und lang laufende illiquide Anlagen beobachten. Die Antwort auf die Frage: “Was passiert bei steigenden Zinsen, ab wann tut es weh?”, gibt der Aufseher hier im Video:

IDD verändert alles

Zuvor hatte Stephan Schinnenburg, Mitglied des Vorstandes der Ergo Lebensversicherung AG, in seinem Vortrag auf die in der Branche seiner Meinung nach noch nicht voll umfänglich ermessenen Auswirkungen der zum 23.02.2018 einsetzenden Vermittlerrichtlinie IDD fokussiert. Als “regulatorischen Nullpunkt” bezeichnete Schinnenburg die Insurance Distribution Directive. Gut möglich, dass sie sogar zum Ausgangspunkt weiterer, tiefer gehender Regulatorik werden könnte, so der Manager in seiner Einschätzung. Schinnenburg wiedersprach der weit verbreiteten Einschätzung in den Versicherungsunternehmen, wonach die IDD vor allen Dingen ein Vermittlerthema sei. Vielmehr wäre “die gesamte Wertschöpfungskette betroffen”, das würde den betroffenen Unternehmen aber erst jetzt so langsam klar. Noch sei genügend Zeit, sich darauf einzustellen, größere Veränderungen im aktuell laufenden Gesetzgebungsprozess erwartet der Ergo-Vorstand nicht mehr. Wichtig sei bei der Umsetzung aber, die Balance zu wahren zwischen dem Schutz der Verbraucher und der Achtung vor dem mündigen Bürger. Wer wann und bei welchem Beratungsschritt zukünftig von der IDD betroffen sein wird, führte Schinnenburg an konkreten Beispielen aus der Praxis aus.

Wasser ist bei Run-off kein Wein

Run-off-Modell – wo liegen die Hebel, was sind die Fallen?, so lautete die Fragestellung, der sich die Versicherungsexperten der Boston Consulting Group um Bartek Maciaga und Walter Reinl gestellt haben. Ganz im Gegensatz zu Business Cases, die den Run-off im Bereich Leben als aussichtsreiches Geschäftsmodell zur Übernahme und Abwicklung von Altbeständen erkoren haben, stellten die Berater eigene Erfahrungen aus dem internationalen Umfeld vor und schlossen mit der Feststellung: Man kann aus Wasser keinen Wein machen. Die Einzelheiten hier im Video:

(vwh/ak)

Bild: Ergo-Vorstand Stephan Schinnenburg gibt Orientierung im Abkürzungsdschungel der Regulierung. (Quelle: Alexander Kaspar)


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