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IFRS 17: Rechtfertigt der Erkenntnisgewinn den Aufwand?

22.05.2017 – hans_peter_hochradl_deloitteIFRS 17 soll eine weltweit einheitliche Grundlage für die Bilanzierung von Versicherungsverträgen schaffen. Dabei sollen die neuen Regeln “deutlich näher an einer Solvency II-Bilanz sein und sollte damit eine konsistente Geschäftssteuerung erleichtern”, erläutert Hans Peter Hochradl von Deloitte im Exklusiv-Interview mit VWheute. Offen bleibe hingegen, ob der Erkenntnisgewinn auch den hohen Aufwand rechtfertige.

VWheute: Nach jahrelangem Ringen und vielen Diskussionen wurde am Donnerstag der neue IFRS 17-Standard “Versicherungsverträge” veröffentlicht. Wie lautet Ihre Einschätzung?

Hans Peter Hochradl: IFRS 17 ist der neue internationale Standard für die Bewertung von Versicherungsverträgen. Die meisten der kapitalmarktorientierten deutschen Versicherungsunternehmen werden IFRS 17 für Versicherungs- und Rückversicherungsverträge, die sie zeichnen, und für Rückversicherungsverträge, die sie abschließen, anwenden.

Im Vergleich zur aktuellen Rechnungslegung wird sich die Passivseite der Versicherungsbilanz und die Gewinn- und Verlustrechnung der Versicherungsunternehmen massiv verändern. Die deutschen Versicherungsunternehmen haben sich schon seit einiger Zeit mit den Auswirkungen von IFRS 17 befasst, jetzt geht es darum, die Detailkonzeptionen und die Implementierung vorzubereiten und zu starten.

VWheute: Es geht um größere Transparenz und Vergleichbarkeit über Ländergrenzen hinweg. Im Grundsatz ist das Ziel doch eigentlich gut. Wieso ist der neue Standard bei den Versicherern umstritten?

bharat_bhayani_deloitteBharat Bhayani: IFRS 17 umfasst die Abbildung der aus Versicherungsverträgen resultierenden Vermögenswerten und Verbindlichkeiten. Im Unterschied zu den aktuellen IFRS-Bewertungs- und Bilanzierungsregeln reflektieren die Versicherungsverbindlichkeiten künftig das aktuelle Zinsniveau und bilden den Wert der z.T. hohen langfristigen Zinsgarantien und Optionen ab. Insgesamt wird die IFRS-Bilanz mit IFRS 17 deutlich näher an einer Solvency II-Bilanz sein und sollte damit eine konsistente Geschäftssteuerung erleichtern.

Die Vergleichbarkeit des Gewinnausweises zwischen den Unternehmen unter dem bestehenden IFRS-Standard ist aufgrund der vielen Wahlmöglichkeiten nur eingeschränkt möglich. Der neue Standard wird die Gewinnvereinnahmung anhand der Risikotragung und der erbrachten Dienstleistung vereinheitlichen. Des Weiteren wird der neue Standard die Transparenz zukünftig zu erwartender Gewinne aus dem aktuellen Versicherungsbestand eines Unternehmens erhöhen.

Nichtdestotrotz stellt sich die Frage, ob der Erkenntnisgewinn im Vergleich zu Solvency II durch den neuen Standard die hohen Umsetzungsaufwände rechtfertigt. Des Weiteren wird die Kommunikation mit den Stakeholdern die Unternehmen aufgrund der höheren Bilanzvolatilität vor Herausforderungen stellen.

VWheute: Was kommt auf die Versicherer künftig zu?

Hans Peter Hochradl: Der neue Standard tritt zum 1. Januar 2021 in Kraft. Zeit lassen sollte man sich dennoch nicht. Ich empfehle, die Implementierungsstrategie gründlich zu überlegen. Durch die große Anzahl der notwendigen Anpassungen insbesondere in der IT-Systemlandschaft ist es sinnvoll, Teilimplementierungen und eine stufenweise Produktivschaltung der veränderten IT-Systeme in Betracht zu ziehen. Beispielsweise sollten aktuarielle Systeme, zentrale Datenspeicher und Buchungsgeneratoren frühzeitig im Laufe des Jahres 2020 produktiv geschaltet werden. Damit wird einerseits ein erhebliches Projektrisiko der Stichtagsimplementierung zum 1. Januar 2021 gelöst, zeitgleich auch die Anforderung nach Vergleichsperioden – Quartal und Jahr – erfüllt und die veränderten Prozesse können in 2020 verprobt und optimiert werden.

Kurzfristig gilt es – sofern noch nicht erledigt – eine realistische Implementierungs- und Rollout-Roadmap aufzustellen und Planungssicherheit zu gewinnen über benötigte Ressourcen, die Abhängigkeiten zu anderen Projekten und die wesentlichen Aufwandstreiber sowie individuell passende Projektmanagement-Ansätze festzulegen – immerhin sprechen wir von einem mehr als drei Jahre dauernden Projekt oder Programm. Ich bin überzeugt, dass ein guter Projekt- bzw. Programm-Management-Ansatz sehr wesentlich zum Erfolg dieses Vorhabens beiträgt und viel Projektstress vermeiden kann.

Bharat Bhayani: Bereits bei der Umsetzung von Solvency II wurden die aktuariellen Systeme mit viel Aufwand aufgerüstet. Der neue Standard wird im Zusammenhang mit einem Fast Close-Prozess die Umstellungserfordernisse bezüglich Granularität und Geschwindigkeit der Berechnungen nochmals erhöhen.

VWheute: Welche strukturellen Veränderungen bzw. Umstellungserfordernisse werden den Versicherern die größten Probleme bereiten? Wie ist das zu lösen?

Bharat Bhayani: Zukünftig werden strukturell zusätzlich zu dem Rechnungswesen und dem Aktuariat die aktuariellen Systeme aus dem Risikomanagement in den Abschlussprozess mit einbezogen. Die Aktuarssysteme sind anzupassen und zu erweitern, da eine Cash-Flow-orientierte Sicht große Datenmengen und viele neue Kalkulationen erwarten lassen. Wir arbeiten mit Versicherungsunternehmen v.a. an Automatisierungen in den aktuariellen Prozessen und gemeinsam mit allen Bereichen an der Erhöhung der Datenqualität, um die Durchlaufzeiten zu reduzieren. Ebenso diskutieren wir Schätzverfahren, um Komplexität aus den zeitlich eng getakteten Abschlusskalendern zu nehmen.
Der Umsetzungsaufwand bezüglich der aktuariellen Systeme und Prozesse wird insbesondere für Lebens- und Krankenversicherer vergleichbar oder tendenziell sogar noch höher als bei Solvency II sein.

Hans Peter Hochradl: Für die Buchungsprozesse konzipieren wir mit unseren Kunden neue zentrale Datenspeicher im Zusammenspiel mit den aktuariellen Systemen sowie zentrale Kalkulationswerkzeuge, welche beispielsweise Diskontierung, Eruierung von verlustträchtigen Verträgen, Berechnung des Risikoaufschlags sowie die schrittweise Auflösung der vertraglichen Servicemarge berechnen und über viele Jahre hinweg nachvollziehbar vorhalten. Ebenso erarbeiten wir Lösungsoptionen für Buchungsgeneratoren, welche nach festgelegten Events Buchungsdaten für die Bilanz und GuV aufbereiten, sowie Lösungsoptionen für das Hauptbuch und Konsolidierungsverfahren.

Ein großer Diskussionspunkt mit vielen Versicherern ist die Prozess- und Verarbeitungsgeschwindigkeit bei den Quartals- und Jahresabschlüssen, um den vorgegebenen Zeitplänen des Managements, der Aktionäre und der Analysten gerecht zu werden. Wir erwarten viele Umstellungen, vermehrte Automatisierung und Standardisierung in den Modellen und neue Ansätze, z.B. die schon erwähnte stärkere Nutzung von Schätzverfahren. Weiterhin erwartet die Branche auch organisatorische Anpassungen, z.B. ein weiteres Zusammenrücken der Funktionen Aktuariat und Rechnungswesen.

Diese sehr vereinfachte Auflistung zeigt bereits das Ausmaß der erforderlichen Änderungen, insbesondere in der IT-Systemlandschaft. Die Versicherungsbranche hofft zudem, Teile der Investitionen in die Solvency II-Plattformen wiederzuverwenden – dies sollte genau geprüft werden, da sich bei Detailbetrachtung zeigt, dass bei vielen Gemeinsamkeiten auch viele Unterschiede bestehen. Ich bin überzeugt, dass es entscheidend sein wird, einen “gesunden Pragmatismus” zu zeigen und Vereinfachungen, wo möglich und sinnvoll, auch anzuwenden.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Michael Stanczyk.

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