Versicherungswirtschaft-heute

          Mobilversion

 

Heinzer: “Das größte Potenzial zur Marktveränderung hat Blockchain”

09.05.2017 – Heinzer Julia_AccentureDer 20. Tag dieses Monats dürfte für schwitzende Handflächen bei den Vorständen in der Branche führen. An diesem Tag müssen sie über ihre Kapitalsituation berichten. VWheute hat bei Julia Heinzer, Geschäftsführerin im Bereich Finanzen und Risiko und Expertin für Versicherungsregulierung bei Accenture, nachgefragt, wie sie die Situation einschätzt und mit ihr über Technologie, Ethik und weitere Themen gesprochen.

VWheute: Bis 20. Mai müssen die Versicherer gemäß Solvency II über ihre Kapitalsituation informieren. Nach Ansicht der Finanzaufseher liegen die deutschen Versicherungsunternehmen im Soll. Wie schätzen Sie die Lage ein?

Heinzer: Ich sehe das ähnlich. Das sogenannte “Day 1 Reporting” und die erste vierteljährliche Berichterstattung im letzten Jahr haben bereits einen positiven Trend gezeigt. Zum Januar 2016 erfüllten alle 84 geprüften Lebensversicherungen die regulatorischen Anforderungen mit einer durchschnittlichen Bedeckungsquote von 283 Prozent. In der Schaden- und Unfallversicherung kamen immerhin 183 der 186 getesteten Unternehmen den Solvency II-Anforderungen mit einer Bedeckungsquote von 278 Prozent nach. Gemäß der Einschätzung des GDV hat sich die Solvenzquote in diesem Segment bis Ende 2016 weiter stabilisiert. Wir erwarten deshalb keine negativen Überraschungen am 20. Mai. Wichtig ist allerdings, dass die Bedeckungsquoten der einzelnen Unternehmen nur als Indikator zu sehen sind. Einige Versicherungen verwenden die Standardformel, andere arbeiten mit ihren eigenen, Bafin-geprüften Modellen. Das macht Vergleiche schwierig. Eine realistische Einschätzung der verschiedenen Solvenzwerte bedarf deshalb einer Betrachtung über einen längeren Zeitraum sowie einer detaillierten Analyse der Assets.

VWheute: BNP-Chef David Furtwängler bekannte sich jüngst zu Compliance und Ethik in Versicherungsunternehmen. Dennoch sind die Spielregeln hart. Wie können die Versicherer effizient und dennoch compliant sein?

Heinzer: In den vergangenen Jahren hat die Branche große Fortschritte bei der Effizienz gemacht. Dass die Verwaltungskosten nicht in gleichem Maße gesenkt werden konnten, liegt an den immer zahlreicheren regulatorischen Anforderungen. Diese verursachen ja nicht nur Aufwand bei der Implementierung, sondern vor allem auch im Betrieb. Ein starker Aufwandstreiber ist die Komplexität, einhergehend mit der gleichzeitigen Erfüllung aller regulatorischen und internen Anforderungen, oft basierend auf ineffizienten „Legacy-Systemen“, die dafür gar nicht gemacht wurden. In diesem Kontext können folgende Maßnahmen eine effiziente Compliance fördern: Einerseits sollten Versicherer vor der Implementierung neuer Regularien wie zum Beispiel IFRS 17 oder GDPR von Beginn an alle Business-, IT- und Digitalisierungsaspekte ganzheitlich analysieren. Das erspart später bei der Umsetzung einige Umwege. Bei bestehenden Systemen mit zahlreichen Schnittstellen ist andererseits der Einsatz von Robotics zu empfehlen. Roboter reduzieren den Aufwand signifikant, bieten mittlerweile einwandfreie Qualität und vereinfachen durch ihre Protokolle spätere Audits, was ein nicht zu unterschätzender Vorteil ist.

VWheute: Technologische Innovationen üben derzeit einen enormen Druck auf die etablierten Player der Versicherungsbranche aus. Wo haben die Versicherer Ihrer Ansicht nach auf diesem Feld einen Nachholbedarf und welche Auswirkungen haben diese auf die aktuelle Regulatorik?

Heinzer: Die digitale Transformation ist für die Versicherungsbranche Herausforderung und Chance zugleich. Einige Innovationen können zur Effizienz beitragen, etwa Chatbots in einem Call Center oder Analytics in Underwriting, Risikomanagement und Betrugsbekämpfung. Bei anderen Innovationen sind die Auswirkungen noch weniger eindeutig.

CIOs, aber auch die CROs und CMOs der Versicherer beschäftigen sich zudem immer intensiver mit der Cybersicherheit. Die zunehmenden Angriffsvektoren, einhergehend mit dem digitalem Wandel und dem technologischen Fortschritt, bedürfen eines Umdenkens. Das betrifft einerseits die Perspektive der Versicherung: Wie schütze ich meine Daten und die Daten der Kunden? Welche Produkte biete ich meinen Kunden an und wie kann ich das Risiko berechnen? Welche Cyber-Angriff-Szenarien sind möglich und welche Schäden würden durch einen Cyber-Angriff, zum Beispiel auf die Stromversorgung in einer Region, entstehen? Anderseits müssen Versicherer Cybersicherheit auch aus der Perspektive des Kunden denken: Welche Risiken sind durch die bestehenden Policen gedeckt? Hier fehlt es an Erfahrungswerten, viele Faktoren sind schlecht abschätzbar. Die Branche würde deshalb von einer Kooperation verschiedener Marktteilnehmer, unter Umständen sogar mit dem Regulator, profitieren. Eine breite Datenbasis und eine umfassende Marktsicht würden allen Versicherern gleichermaßen Vorteile bieten.

Das größte Potenzial zur Marktveränderung wird derzeit der Blockchain zugesprochen. Fast alle größeren Versicherer arbeiten mittlerweile an dem Thema. Hier ist aber auch die Aufsicht gefordert. Schließlich stellt sich die Frage, wie ein globales, vollständig verteiltes Peer-to-Peer Versicherungs-Netzwerk reguliert werden sollte. (vwh)

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Tobias Daniel

Bild: Julia Heinzer (Quelle:Accenture)

- Anzeige -
- Anzeige -
- Anzeige -

 

VVW | Kontakt | AGB | Datenschutzerklärung | Impressum | Mediadaten