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Das Geschäft mit der Angst und dem Terror

21.08.2017 – terror_barcelona_dpaParis, Nizza, Berlin, Manchester und nun Barcelona – die Terroranschläge in der katalanischen Hauptstadt und im benachbarten Cambrils und Alcanar haben erneut zahlreiche Tote und Verletzte gefordert. Vieles spricht bereits für einen islamistischen Hintergrund der Tat. Der katalanische Innenminister Joaquim Forn betonte zudem einen Zusammenhang der Taten, die zudem seit längerem vorbereitet worden sein sollen.

Bislang gehen die Ermittlungsbehörden von mindestens 14 Toten und etwa 130 Verletzten aus. Nach Angaben der katalanischen Regionalregierung kamen die Toten und Verletzten aus mehr als 34 Ländern. So wurde von den Behörden unter anderm der Tod zweier Italiener, einer Belgierin, einer Portugiesin und eines US-Amerikaners bestätigt.

Nach Angaben des Auswärtigen Amtes befinden sich unter den Verletzten auch 13 Deutsche mit teils lebensgefährlichen Verletzungen. Zudem schloss der Ministeriumssprecher nicht aus, dass sich auch unter den Todesopfern deutsche Staatsbürger befinden können.

Wer haftet für die Terrorfolgen?

Mit dem neuerlichen Terroranschlag stellt sich nunmehr erneut die Frage, wer für die Folgen aufkommen wird. So kommt der Spezialversicherer Extremus in der Regel für die Folgeschäden eines Terroranschlages in Deutschland auf. Jüngstes Beispiel ist der Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin im Dezember 2016.

Dabei hat der Spezialversicherer sein Leistungsspektrum zum Jahresbeginn noch erweitert. Neu sind nun auch Rückversicherungsschäden in Deutschland durch Zulieferer, externe Versorger und Zugangsbeschränkungen. Ebenfalls mitversichert sind auch Betriebsunterbrechungsschäden aufgrund einer Terror-Drohung. Weitere Deckungsbausteine sind nach Unternehmensangaben auch Wechselwirkungsschäden des Versicherungsnehmers von und nach Deutschland.

Zu den Kunden gehören laut einem Bericht der Welt neben Unternehmen, Flughäfen, Einkaufszentren inzwischen auch Fußballvereine aus der Ersten und Zweiten Bundesliga, in deren Stadien regelmäßig Veranstaltungen stattfinden. Gleichzeitig konstatiert Extremus-Chef Gerhard Heidbrink eine steigende Nachfrage nach entsprechendem Versicherungsschutz: “Schon die zurückliegenden Anschläge haben zu einer deutlichen Geschäftsbelebung geführt”.

Schäden in Milliardenhöhe möglich

Wenig verwunderlich, können die Schäden nach Einschätzung des Experten gar in die Milliardenhöhe gehen. Demnach gebe es in Deutschland bereits etwa 120 Orte, wo ein Terroranschlag Schäden von einer oder sogar 1,5 Mrd. Euro anrichten könnte. Und auch die privaten Versicherungskonzerne verzeichnen eine steigende Nachfrage.

“Seitdem sich der islamistische Terror auch in Europa ausbreitet, versichern sich immer mehr Veranstalter gezielt gegen Anschläge. Der Schutz gegen Terror hat sich mittlerweile zum Standard in Veranstaltungsversicherungen entwickelt”, konstatiert AGCS-Terrorversicherungsexperte Björn Reusswig gegenüber der Welt. So gebe es bereits für Firmenfeste oder große Hochzeiten bereits entsprechende Anfragen für Terrorversicherungen.

Inwieweit dieser auch für die Folgeschäden der deutschen Opfer in Spanien aufkommt, ist bislang nicht bekannt. Allerdings im iberischen Königreich in der Regel das staatliche Versicherungskonsortium Consorcio de Compensación de Seguros bei Terrorrisiken subsidiär in Leistung. Seine Wurzeln hat der Pool bereits aus der Zeit des ETA-Terrors. Allein Ende 2016 waren bei dem Konsortium insgesamt 322 Mitarbeiter beschäftigt.

Sicher ist jedenfalls, dass die Anfrage nach Terrorabdeckungen durch den neuerlichen Anschlag weiter steigen wird. So existiert beispielsweise in Frankreich ein staatlicher Entschädigungsfonds für Terroropfer. Allein die Anschläge in Paris sowie die Gegenattacke im Vorort Saint-Denis 2016 beanspruchten den Fonds mit schätzungsweise 300 bis 350 Mio. Euro. Zahlreiche Festivals und Sommerveranstaltungen wurden daraufhin wegen erhöhter Terrorgefahr abgesagt.

In Großbritannien ist für die Entschädigung von Terror-Opfern die Criminal Injuries Compensation Authority (CICA) zuständig. CICA ist im schottischen Glasgow ansässig und beschäftigt 300 Mitarbeiter. Die Entschädigung bemisst sich im Stil einer Unfallversicherung nach einer bis 250.000 Pfund gehenden Gliedertaxe. Hinzu kommen noch Einkommenseinbußen sowie 2.500 Pfund an Beerdigungskosten. In jedem Fall gilt eine 500.000 Pfund hohe Deckelung je Opfer. Entschädigungsanträge müssen innerhalb von zwei Jahren gestellt werden. Es gibt auf Personenschäden spezialisierte Anwälte, deren Websites speziell auch Erfolgshonorar-basierte Opfervertretung vor CICA anbieten.

Halbstaatlicher Terrorschutz im Vereinigten Königreich

Dennoch ist das Vereinigte Königreich aufgrund seiner Insellage – mit Ausnahme der Anschläge von London und Manchester – weitgehend Terroranschlägen aus dem Ausland. verschont gehörten. Dennoch gehören Bomben doch immer wieder zu den Werkzeugen der innerbritischen Auseinandersetzungen, wie der Nordirland-Konflikt zeigt. Neben dem CICA existiert in Großbritannien zudem eine Art halbstaatliche Terrorversicherung.

Zu den führenden Anbietern gehört die Pool Reinsurance Company Limited. Diese genießt eine kartellrechtliche Ausnahmegenehmigung unter dem Competition Act 1998. Die in den letzten (bis auf 2016 dividendenfreien) 23 Jahren vereinnahmen Prämien sowie die hierauf erwirtschafteten Anlagegewinne haben Vermögen über 5,8 Mrd. Pfund entstehen lassen. Zusammen mit einer zwei Mrd. Pfund muss diese privat platzierte Retro-Deckung erst aufgebraucht sein, bis die keinesfalls gratis gewährte Staatsgarantie zum Zuge kommt.

Pool Re zählt 194 Mitglieder, davon 110 aktive Zedenten. Je 100.000 Pfund an zedierter Rückversicherungsprämie gewähren in den Versammlungen eine Stimme. Von den 3.060 Stimmen liegen 2.822 bei 80 britischen Versicherungsgesellschaften, 128 bei 36 Lloyd’s Syndikaten. Zwei deutsche Versicherer halten zusammen fünf Stimmen.

Pool Re tritt gegenüber britischen Erstversicherern einschließlich den Lloyd’s Syndikaten sowie den Niederlassungen ausländischer Versicherer als Ausschnitts-Rückversicherer auf. Eine Preisdifferenzierung nach der subjektiven Exposure-Einschätzung wird nicht vorgenommen.

In 2016 nahm Pool Re 300,5 Mio. Pfund an Bruttoprämie ein und zahlte 249,7 Mio. Pfund an Retro-Prämie an HMT (Retro-Vertragspartner sind die “Lords Commissioners of Her Majesty’s Treasury”) sowie 35,4 Mio. via Guy Carpenter an sonstige Rückversicherer. Aus der verdienten Nettoprämie von 15,6 Mio. Pfund mussten zudem Nettoschäden von 1,3 Mio. Pfund beglichen werden. Nach Unkosten von 10,5 Mio. Pfund (bei 21 Mitarbeitern) blieb ein technischer Gewinn von 6,2 Mio. Pfund.

Wesentlich beeindruckender war das Investmentergebnis, das einschließlich unrealisierter Gewinne der Pool Re zu einem Vorsteuer-Gewinn von 351,9 Mio. Pfund verhalf. Pool Re ist körperschaftssteuerpflichtig, das Ergebnis nach 20 Prozent Steuern belief sich für 2016 auf 298,3 Mio. Pfund (2015: 100,5 Mio. Pfund).

Die Bilanz gleicht einem Goldschatz: nicht ausgeschüttete Gewinne haben sich über die Jahre zu einem Eigenkapital von 5,7 Mrd. Pfund und zu eine Bilanzsumme von 6,5 Mrd. Pfund aufgetürmt. Hieraus erklärt sich das Investmentergebnis in der GuV.

Vereinbarungsgemäß führt Pool Re von den Bruttoprämien 50% (150,3 Mio £) sowie auch noch eine weitere, erst durch Dividendenerklärungen ausgelöste zusätzliche Retro-Prämie von 99,4 Mio. £ an HMT ab. Die HMT-Retrozessionsprämien könnte man fast als eine weitere auf der Branche lastende Sachversicherungs-Prämiensteuer betrachten. 2016 erhielten die Aktionäre erstmals eine Dividende: 33,5 Mio. £. Die Dividende soll künftig 25% des Nachsteuer-Ergebnisses vor Zusatz-Retro-Prämie betragen.

Seit seiner Gründung hat Pool Re bislang einen Schadenersatz über 600 Mio. Pfund geleistet. Die Summe der gegenwärtigen Property-Exponierungen beläuft sich derzeit auf 2.000 Mrd. Pfund. Pool Re verfügt über eigene, von Universitäten programmierte Software zur Kumuleinschätzung.

Autos als Terrorwaffe sind bislang nicht versicherbar

Westliche Statussymbole – sprich Autos – sind als Terrorwaffe hingegen noch nahezu unversicherbar. So können Terroropfer ihre Ansprüche gegen Kfz-Haftpflichtversicherer in Deutschland kaum durchsetzen.

In Frankreich ist man hier bereits einen Schritt weiter: Hier existiert dafür ein Entschädigungsfonds, der unter anderem gespeist wird durch Beiträge von Versicherungsnehmern, die je Versicherung (Pkw, Haus etc.) eine Sondersteuer von jährlich 4,30 Euro zahlen müssen. Gemeinsam mit der öffentlichen Hand arbeiten Frankreichs Versicherer an neuen Finanzierungsformen. Allein in diesem Jahr umfasst der Fonds nach Regierungsangaben eine Reserve von 1,3 Mrd. Euro.

Ein verpflichtender Abschluss von Terrorversicherungen wird es in Deutschland nach Ansicht der Terrorexpertin Ina Straub von Aon Deutschland jedenfalls in absehbarer Zeit wohl nicht geben. (vwh/td/cpt)

Bild: Blumen und Kerzen nach dem Terroranschlag auf der Rambla in Barcelona. (Quelle: dpa)

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