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Unternehmen meiden das Thema Entführungen

26.06.2015 – niclas_van_bernstorff_xlcatlinVon Niclas von Bernstorff.

Versicherungen zum Schutz gegen Entführung, Erpressung und Lösegeldforderungen gehören zum Portfolio des Spezialversicherers XL Catlin. Die Deckung umfasst u.a. auch Entführungen auf Reisen, Freiheitsberaubung, tätliche Angriffe und Gewalt am Arbeitsplatz.

Viele international tätige Unternehmen kennen das Problem: Ob lediglich ein einzelner oder gar hunderte von Mitarbeitern im Ausland beschäftigt werden, ob kurz- oder langfristig oder auf Geschäftsreise, es ist immer mit unbekannten Gefahren verbunden, einen Mitarbeiter in Krisenregionen zu entsenden. Gerade in Bezug auf Entführungen.

Heute findet der größte Teil der gemeldeten Entführungen – entgegen der öffentlichen Wahrnehmung – in Asien und im pazifischen Raum statt, insbesondere in Indien, Pakistan, Afghanistan und auf den Philippinen. Während Mexiko Spitzenreiter bei Entführungen bleibt, stellen die Ölstaaten Afrikas, also Nigeria, Kenia, der Sudan, Mali und Libyen, ein zunehmendes Risiko dar. Nach dem arabischen Frühling und dem Bürgerkrieg in Syrien gehört auch der Nahe Osten zu den Hochrisikoländern.

In Lateinamerika ziehen sich die Entführungsfälle immer länger hin, weil viele Entführer sich vermehrt auf wohlhabende Opfer konzentrieren und sehr ausdauernd sind. Gemäß der Sicherheitsberatung Terra Firma Risk Management nehmen aber auch Express-Entführungen kontinuierlich zu: Statt über Lösegeld zu verhandeln, geht es bei dieser Version von Entführung um gezielte Zugriffe, kurze Geiselnahmen und kleinere Geldsummen.

Insbesondere für multinational operierende Unternehmen ist die Verschärfung der rechtlichen Bestimmungen hinsichtlich der Zahlung von Lösegeldern an bestimmte Personen und Organisationen eine zunehmende Herausforderung. In der Vergangenheit haben Staaten auch einmal im Hintergrund oder auf Umwegen über die Freiheit von Entführungsopfern verhandelt. Unternehmen haben da zumeist eine andere Risikoumgebung. Deshalb sollte sinnvollerweise zwischen an Staaten gerichtete und den an Unternehmen oder Privatpersonen gerichtete Forderungen unterschieden werden.

Viele betroffene Regierungen streben nach Geheimhaltung. Die Berichterstattung in den Medien beruht oftmals auf unzureichenden Informationen. Es sind viele Zahlen im Umlauf. Das US-amerikanische Finanzministerium schätzt, dass seit 2008 etwa 165 Mio. US-Dollar (ca. 153 Mio. Euro) beinahe ausschließlich von europäischen Regierungen an das Al-Qaida Netzwerk geflossen sind. Die Außenministerien Deutschlands, Frankreichs, Italiens, Österreichs und der Schweiz hingegen versichern, keine Gelder gezahlt zu haben. Einerseits behauptet Al-Qaida, etwa die Hälfte seiner operativen Ausgaben mit Entführungen zu bestreiten, andererseits wird dem Netzwerk immer häufiger die großzügige Finanzierung durch wohlhabende Unterstützer unterstellt.

Unterdessen bleibt ferner ungereimt, ob es Terror-Organisationen – allen voran dem IS – nicht eigentlich vielmehr um Propaganda als um Finanzierung geht. Verfolgt man die medienwirksamen Inszenierungen der Entführungen durch den IS, ist eine Professionalisierung kaum zu übersehen. Dabei sind die Botschaften meist nicht weniger scharf als die bewegten Bilder: Wir sind grausam, wir sind fest entschlossen, wir entscheiden über Leben und Tod, wir sind nicht aufzuhalten, wir verhandeln auf Augenhöhe, kein englischer Premier oder amerikanischer Präsident kann uns von unseren Plänen abhalten.

Nach Meinung von Experten war die 200 Mio. US-Dollar Lösegeldforderung des IS für zwei japanische Geiseln im Januar 2015 weniger die tatsächlich erwartete Summe. Vielmehr war es die Anspielung auf die Ankündigung Japans, den Kampf gegen den IS-Terror mit 200 Mio. Dollar zu unterstützen.

Während sich Staaten häufig mit angeblich politisch motivierten Entführern konfrontiert sehen, geht es bei Unternehmen in aller Regel um die Erpressung eines möglichst hohen Lösegelds. Darüber herrscht verhältnismäßig viel Klarheit, auch wenn es zu der Anzahl von Entführungsfällen, der Höhe des Lösegeldes und dem Gefährdungsgrad einzelner Länder keine verlässlichen Zahlen gibt. Erfahrene Krisenberater wie der Partner von XL Catlin, Terra Firma Risk Management, gehen von jährlich etwa 40.000 Entführungsfällen weltweit aus, wobei die Dunkelziffer (also nicht bekannte oder gemeldete Fälle) bei etwa 90 Prozent liegt. Demnach könnte es tatsächlich an die 400.000 Entführungsfälle geben.

Dass für Entführungsopfer unterschiedlicher Nationalität auch unterschiedliche hohe Lösegelder verlangt und gezahlt werden, empfindet man als perfide. Es verdeutlicht aber zugleich die Natur einer modernen Entführung: Es ist ein Geschäft – ein Geschäft mit eigenen Regeln. In diesem Regelwerk ist eine deutsche Krankenschwester mehr wert als ein afghanischer Chirurg. Untrainierte Geschäftsreisende sind interessantere Opfer als erfahrene und instruierte Auslandsmitarbeiter (Expats). Bei mittelständischen Unternehmen gibt es höhere Foderungen als bei Großkonzernen. Bei diesen sind jedoch die Fristen kürzer.

Mit dem Thema Entführung setzt sich kein Unternehmen gerne auseinander. Wenn es dann wider Erwarten zu einem Vorfall kommt, geht alles sehr schnell. Doch gerade dann ist Vorsicht geboten, denn das einzige Ass im Ärmel des erpressten Unternehmens ist, dass die Entführer das Geschäft nur mit eben diesem Unternehmen machen können. Bei keiner anderen Partei vermuten die Entführer den Verhandlungswillen. Diese Ausgangslage sollte sich das Unternehmen in den Verhandlungen zu Nutze machen. Denn bei den Verhandlungen gilt: „Wer das erste Knopfloch verfehlt, kommt mit dem Zuknöpfen nicht zu Rande“.

Link: Fast Fast Forward

Bild: Niclas von Bernstorff, Underwriter Crisis Management bei XL Catlin (Quelle: XL Catlin)

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