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“Umbuchung von Abschlussprovisionen nicht hinreichend”

24.05.2016 – Grund_PrivatIntensität, Timing und der ökonomische Effekt des Lebensversicherungsreformgesetzes (LVRG) sind sehr unterschiedlich, konstatiert Frank Grund im Exklusiv-Interview mit VWheute. Wenn ein Lebensversicherer die Abschlusskosten senke, “muss das nicht gleich bedeuten, dass man auch die Kosten des Geschäftes senkt”, konstatiert der Versicherungschef der Bafin.

VWheute: Die Bafin und das LVRG fordern, alle möglichen Hebel in Bewegung zu setzen, um die Altverträge abzusichern. Tun die Lebensversicherer denn genug?

Frank Grund: Das LVRG hat zwei Hebel: Den Zillmersatz und die Reduktion der Abschlusskosten. Wir haben hier eine erste Erhebung durchgeführt, für interne Zwecke. Das LVRG wird 2018 evaluiert. Klar ist: Alle deutschen Lebensversicherer haben das Thema für sich adressiert. Aber die Intensität und das Timing sind unterschiedlich. Der ökonomische Effekt ist auch unterschiedlich. Wenn man sagt, man möchte die Abschlusskosten senken, muss das nicht gleich bedeuten, dass man auch die Kosten des Geschäftes senkt. An der Ecke sollte noch einiges passieren. Die bloße Umbuchung von Abschlussprovisionen in laufende Provisionen ist sicherlich nicht hinreichend. Aus meiner Sicht reicht das im Moment noch nicht.

VWheute: Umgekehrt haben die Lebensversicherer mehr Spielraum bei der Berechnung der Zinszusatzreserve bekommen. Wie viele Lebensversicherer nutzen das?

Frank Grund: Einige haben das genutzt. Das ist nicht abgeschlossen, die Unternehmen können weiterhin davon Gebrauch machen. In der Gesamtsumme ist der Effekt aber limitiert. Die damit verbundene Frage, ob es weitere Möglichkeiten gibt, werden wir mit den Unternehmen individuell besprechen. Die Überlegungen hierzu sind noch nicht abgeschlossen.

VWheute: Das LVRG ermöglicht, Risikoüberschüsse aus biometrischen Produkten im Notfall für die Sicherung von Garantien einzusetzen. Warum soll ein Kunde, der eine Berufsunfähigkeitsversicherung abgeschlossen hat, den hohen Bruttobeitrag zahlen, damit ein Kunde mit einem hoch verzinsten Altvertrag ihn vollständig ausbezahlt bekommt? Halten Sie das für gerecht?

Frank Grund: Das ist eine hypothetische Frage. Im Moment wird mehr Geld verdient, als für die Garantieverzinsung inklusive der Zinszusatzreserve benötigt wird, allerdings nicht nur durch ordentliche Kapitalerträge, sondern auch durch außerordentliche. Da werden Bewertungsreserven gehoben und nach der Mindestzuführungsverordnung verteilt. Zunächst sind die Kapitalerträge in toto aufzuzehren, inklusive der Anteile der Anteilseigner. Diese müssen ihren Teil dazugeben, um die Zinszusatzreserve zu stellen. Erst dann sind andere Ertragsquellen heranzuziehen, als logische Konsequenz daraus, dass wir in einem Kollektiv sind.

VWheute: Es ist vielfach kritisiert worden, dass Lebensversicherungsunternehmen Gewinnabführungsverträge mit ihren Mutterunternehmen abgeschlossen haben. Dadurch umgehen sie die Ausschüttungssperre des LVRG.

Frank Grund: Die Kritik kann ich nicht so ganz nachvollziehen. Dem Gewinnabführungsvertrag steht ja immer spiegelbildlich die Verlustausgleichsverpflichtung der Muttergesellschaft gegenüber. Insofern ist das ein fairer Ausgleich. Im Übrigen war das auch bekannt, als man das geregelt hat.

VWheute: Mit der Gruppenaufsicht nach Solvency II würde sich das ohnehin egalisieren.

Frank Grund: Für uns ist weiterhin die Solvenz des Solounternehmens wichtig. Das ist der absolute Maßstab. Sie ist entscheidend für die Leistungsfähigkeit des Einzel-Unternehmens. Die Gruppensolvabilität ist wichtig für die Finanzierungsfähigkeit innerhalb einer Gruppe.

VWheute: Man hört immer wieder Kritik an Features wie der Ultimate Forward Rate.

Frank Grund: Die Kritik bezieht sich auf eine Forward Rate, die wir in sechzig Jahren haben werden. Bei der Einführung von Solvency II war man von der Annahme ausgegangen, dass man über einen solchen langen Zeitraum von einem Inflationswert von zwei Prozent und einem Wachstumswert von 2,2 Prozent ausgehen kann. Wir können im Solvency-II-Regime in Marktwerten alles bis zu zwanzig Jahren messen. Darüber hinaus sind die Märkte nicht tief genug. Jetzt sagt man: Alle Zinsen gehen runter, auch die Ultimate Forward Rate muss runtergehen. Ich sehe das nicht so. Die Zeiträume, über die wir reden, sind sehr lang. Einen plausiblen Wert aufgrund aktueller Zinsveränderungen schnell zu reduzieren, halten wir für falsch. Das würde ein prozyklisches Verhalten in die Betrachtung hineinbringen.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Christoph Baltzer.

Bild: Frank Grund, Versicherungschef der Bafin (Quelle: privat)

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