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“Szenarien sind zumindest teilweise praxisfern”

26.01.2016 – georg_thurnes_aonDer Stresstest der Eiopa für Pensionskassen dürfte nach Einschätzung des stellvertretenden Aba-Vorsitzenden Georg Thurnes “nur wenig verwendbare Ergebnisse” bringen. Zudem seien die “Stressszenarien des Eiopa-Stresstests für deutsche EbAV zumindest teilweise zu praxisfern”, kritisiert er im Exklusiv-Interview für VWheute. Zudem sei der Test insgesamt “ohne wirkliche Aussage”.

VWheute: Welche Erwartungen haben Sie an den Stresstest der Eiopa?

Georg Thurnes: Erwartungen? Eigentlich wenige, denn es dürften nur wenig verwendbare Ergebnisse resultieren. Ein Stresstest für Einrichtungen der betrieblichen Altersversorgung (EbAV, bei uns Pensionskassen und Pensionsfonds) soll im Rahmen des Risikomanagements zum Zwecke der Risikobudgetierung dienen, also Hilfestellung bei der Frage geben, wieviel Risiko eine EbAV “sich leisten” kann. Dazu sollte für bestimmte, für das Unternehmen real mögliche fiktive Worst-Case-Szenarien an den Kapitalmärkten und bei der Schadensentwicklung (Langlebigkeit) getestet werden, wie sich diese Szenarien auf die relevanten Steuerungsgrößen wie die Bedeckung der Verpflichtungen und die Erfüllung der Solvabilitätsvorschriften auswirken.

Damit wird ein sachgerechter Stresstest wichtiger Teil der Unternehmenssteuerung. Die Stressszenarien des Eiopa-Stresstest sind aber für deutsche EbAV zumindest teilweise zu praxisfern und der Test insgesamt ist, soweit er auf Eiopas sogenannter Holistischen Bilanz (HBS) aufsetzt, ohne wirkliche Aussage, da der HBS-Ansatz rein fiktiv ist und somit keinerlei Steuerungsrelevanz für deutsche EbAV hat. Und soweit der Test auf der HGB Bilanz aufsetzt, ist er zwar etwas näher an der Realität, weist aber immer noch einige Defizite auf. Aus den Ergebnissen des EIOPA Stresstest dürfen und können daher keine Schlussfolgerungen mit Relevanz gezogen werden. In die Steuerung deutscher EbAV fließt neben anderen Größen und Methoden der wesentlich passendere Stresstest nach BaFin-Vorgaben ein!

VWheute: Wie bewerten Sie die aktuellen Diskussionen um die Stabilität von Pensionskassen?

Georg Thurnes: Der Eiopa-Stresstest wird wie gesagt sicherlich keine belastbare Antwort auf die Stabilitätsfrage geben. Aber auch ansonsten fällt eine einheitliche, allgemeine Antwort auf diese Frage schwer. Die Leistungs- und Finanzierungssysteme sind hierfür zu unterschiedlich. Diese reichen von Leistungen mit sehr niedrigem Garantiezinsniveau wie etwa der Beitragszusage mit Mindestleistung bis hin zu echten Leistungszusagen, von Firmen- bis zu Konzern- oder Branchenkassen oder gar Pensionskassen und Pensionsfonds, die frei im Markt agieren. Die Finanzierung ist mal allein durch den Arbeitgeber, mal durch Arbeitgeber und Arbeitnehmer gemeinsam und mal wirtschaftlich im Schwerpunkt allein vom Arbeitnehmer (Entgeltumwandlung) getragen.

Die Verwendung von Überschüssen kann leistungserhöhend oder beitragsmindernd vorgesehen sein und schließlich trifft man auf Rechnungszinssätze zwischen Null und vier Prozent. Gemein ist allen EbAV, dass der Arbeitgeber für die Leistungserbringung subsidiär haftet. Aus meiner Sicht und meinem Erfahrungsbereich ist die Kombination von EbAV und Arbeitgeber(n) grundsätzlich willens und in der Lage, die Herausforderungen zu stemmen, die aus dem anhaltenden Niedrigzinsumfeld an den für deutsche EbAV relevanten Kapitalmärkten ergeben. Man sollte sie dabei unterstützen und ihnen keine weiteren Steine in den Weg – wie extrem aufwändige, aber rein fiktiven und daher wertlosen Modellrechnungen zu HBS-Ansätzen.

VWheute: Wie sehen Sie die Pensionskassen aufgestellt?

Georg Thurnes: Das ist je nach Kassen-, Arbeitgeber und Mitgliederstruktur ein sehr inhomogenes Bild. Was man sagen kann ist, dass das Problembewusstsein für die Folgen einer länger anhaltenden Niedrigzinsphase gereift ist. In den meisten mir bekannten Fällen sind Maßnahmen vollzogen oder eingeleitet. Dies umfasst im Rahmen des gesetzlich Möglichen die Eindämmung weiteren Leistungszuwachses in Alttarifen, bei Leistungszusagen die Erhöhung von Beiträgen, wo zur Reservenstärkung geeignet die (sukzessive) Senkung des Rechnungszinses, die Ansammlung pauschaler Rückstellungen, aber auch die arbeitgeberseitige Schaffung zusätzlicher Risikopuffer beispielsweise durch Garantien, damit die EbAV in risiko- und ertragreichere Anlageklassen investieren kann.

VWheute: Wo sehen Sie die (politischen) Baustellen?

Georg Thurnes: Hier ist zuvorderst die derzeit auf dem europäischen Entscheidungsweg befindliche Pensionsfondsrichtlinie zu nennen. Diese darf – wie aktuell vorgesehen – keine neuen, Solvency-II-ähnlichen Eigenkapitalvorschriften bringen und auch ansonsten den insbesondere als betriebliche Sozialeinrichtungen agierenden EbAV keine weiteren operational oder kostenmäßig unangemessenen Hindernisse schaffen. Insbesondere muss in dem Zusammenhang der Einfluss von Eiopa endlich definiert bzw. klargestellt werden, und zwar dahingehend, dass sich Eiopa systemischen Finanzrisiken widmet, bei denen EbAV allerdings nahezu keine Rolle spielen dürften.

Ansonsten sollte sich Eiopa hinsichtlich gestalterischer Bemühungen betreffend EbAV m.E. mehr zurückhalten – das gehört ins Arbeits- und Sozialrecht. Darüber hinaus gibt es sehr viele größere und kleinere “Baustellen”, denen man sich national und/oder auf europäischer Ebene annehmen könnte, um EbAVs gerade in so schwierigen Zeiten wie der anhaltenden Niedrigzinsphase mehr Hilfestellung zu geben. Ein Beispiel bildet die Berücksichtigung von Charakteristika, die EbAV fundamental von Lebensversicherungsunternehmen unterscheiden, bei der Formulierung von Bedeckungsvorschriften.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Rafael Kurz.

Bild: Georg Thurnes, stellvertretender Vorsitzender der aba und Chefaktuar von Aon Hewitt. (Quelle: Aon)

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