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“Ständigen regulatorischen Schweinezyklus vermeiden”

18.11.2016 – Hufeld_frank_beer_bafin“An den Finanzmärkten werden die Lasten verschärfter Regulatorik häufig als hoch, gelegentlich als zu hoch, empfunden”, konstatiert Felix Hufeld, Präsident der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, gegenüber VWheute. Richtig sei jedoch, “dass Regulierung immer eine sensible Kalibrierung zwischen ‘zu viel’ und ‘zu wenig’ erfordert.”

VWheute: Wo sehen Sie systemische Risiken im Versicherungssektor? Welcher Bereich ist besonders betroffen?

Felix Hufeld: Die Finanzkrise hat uns vor Augen geführt, dass Ereignisse mit scheinbar begrenztem Umfang tatsächlich die Stabilität des Finanzsystems weltweit gefährden können, da es Ansteckungskanäle und Verflechtungsgrade gibt, die früher unterschätzt wurden. Bei der Betrachtung solcher systemischer Risiken lag der Fokus zunächst auf dem Bankensektor. Hier ist viel passiert, insbesondere was den Aspekt betrifft, global systemrelevante Institute regulatorisch zu identifizieren und entsprechende Aufsichtsmaßnahmen zu entwickeln.

In der Versicherungswirtschaft kann ein “hybrider Ansatz” die spezifischen Systemrisiken regulatorisch am besten erfassen. Maßgeblich ist dabei die Unterscheidung zwischen direktem und indirektem Systemrisiko. Als direktes Systemrisiko sind die potenziellen Folgen für das Finanzsystem zu bezeichnen. Verursacher können ein einzelner Versicherer oder eine Versicherungsgruppe sein. Die Ursachen dafür liegen in den Aktivitäten oder den Produktmerkmalen der Unternehmen selbst. Kombiniert mit Größe und Verflechtungsgrad eines Versicherers kann dies direkt zu Störungen mit systemweitem Ausmaß im gesamten Finanzsystem führen.

Als indirektes Systemrisiko kann man die potenziell negativen Folgen für das Finanzsystem bezeichnen, die dann durch die Aktivitäten eines oder vieler Versicherungsunternehmen ausgelöst werden, wenn sie zeitgleich auf negative Ereignisse oder Schocks reagieren, denen sie selbst ausgesetzt waren. Erst die gebündelten Reaktionen mehrerer Unternehmen führen dann zu systemischen Folgen für das Gesamtsystem. Zwischen direktem und indirektem Systemrisiko zu unterscheiden, ist notwendig, weil jeweils sehr unterschiedliche regulatorische Antworten und Aufsichtsmaßnahmen abzuleiten bzw. zu entwickeln sind.

VWheute: Gehen deutsche Versicherer zu viel oder zu wenig Risiko ein?

Felix Hufeld: Entscheidend ist, jeweils die individuelle Risikotragfähigkeit der Versicherungsunternehmen zu betrachten, die sowohl quantitative als auch qualitative Komponenten enthält. In quantitativer Hinsicht ist unter anderem eine dem Risiko angemessene Eigenmittelausstattung erforderlich. Hierfür wurde Anfang dieses Jahres mit Solvency II ein neues europäisches Aufsichtsregime eingeführt. Sämtliche quantifizierbare Risiken werden hier in einen Soll-Betrag für das Solvenzkapital “übersetzt”. In Höhe dieses errechneten Soll-Betrags müssen Versicherer Eigenmittel vorhalten.

Zudem sind Versicherungsunternehmen unter Solvency II gefordert, selbst einzuschätzen, ob ihre Eigenmittelausstattung angemessen ist. Die Berichte darüber gehen an die Aufsicht und können ggf. zur Erhöhung des Soll-Betrags führen. In qualitativer Hinsicht müssen die Versicherer insbesondere über ein angemessenes Risikomanagement, eine adäquate Geschäftsorganisation und die individuell erforderlichen Kompetenzen – etwa in der Kapitalanlage – verfügen.

Nachdem Solvency II nun fast ein Jahr scharf geschaltet ist, haben wir den Eindruck, dass die Branche insgesamt gut in der Solvency-II-Welt angekommen ist. Darüber hinaus besitzen Aufsicht und Gesetzgeber noch weitere Instrumente, um Risiken zu erkennen und zu begrenzen. Beispielsweise wurde beschlossen, den Höchstrechnungszins in der Lebensversicherung für neue Versicherungsverträge ab 01.01.2017 von aktuell 1,25 Prozent auf 0,9 Prozent zu senken. Jedoch stehen insbesondere solche Lebensversicherer, die in der Vergangenheit hohe Zinsgarantien gegeben haben und nun unter der fortdauernden Niedrigzinsphase leiden, unter unserer intensivierten Aufsicht.

VWheute: Versicherer kritisieren häufig eine zunehmende Regulierung. Ist die Kritik berechtigt?

Felix Hufeld: An den Finanzmärkten werden die Lasten verschärfter Regulatorik häufig als hoch, gelegentlich als zu hoch, empfunden. Richtig ist, dass Regulierung immer eine sensible Kalibrierung zwischen “zu viel” und “zu wenig” erfordert. Aber das allgemeine Regulationsniveau der Vorkrisenzeit wäre schlicht unzureichend. Mehrfach habe ich gesagt, dass es falsch wäre, in der Regulierung Bewegungsmustern à la Echternacher Springprozession zu folgen.

Ansonsten droht ein ständiger regulatorischer Schweinezyklus aus Krise – Regulierung – Deregulierung und erneuter Krise. So etwas kann in niemandes Interesse sein. Auch den Unternehmen sollte an Berechenbarkeit und Kontinuität gelegen sein. Wir tun gut daran, unsere regulatorische Strategie auch international zu verstetigen. Dabei müssen wir allerdings immer auch den Grundsatz der Proportionalität im Auge haben, um sachgerechte und situationsangemessene Lösungen für alle Marktteilnehmer zu finden.

Allerdings spricht nichts dagegen, den Status quo der Regulierung stets kritisch zu evaluieren und dort, wo wir entsprechenden Bedarf sehen, im Detail feinzujustieren. Bei den Versicherungsunternehmen hat sich die regulatorische Welt mit der Einführung von Solvency II massiv verändert. Für eine Beurteilung ist es jetzt noch zu früh. Wir sollten erst einmal umfassende Erfahrungen mit Solvency II sammeln, ehe wir an Analyse und Bewertung gehen.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Maximilian Volz.

Bild: Bafin-Präsident Felix Hufeld (Quelle: Frank Beer / Bafin)

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