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“Rente ab 71 ist unvermeidlich”

07.12.2016 – isabe_schnabel_svr“Eine Erhöhung des gesetzlichen Renteneintrittsalters ab dem Jahr 2030 ist unvermeidlich, wenn man die Renten sichern will”, konstatiert Isabel Schnabel, Professorin für Finanzmarktökonomie und Mitglied im Sachverständigenrat, gegenüber VWheute. Allerdings würde ein Rentenalter von 71 Jahren erst die “Personen betreffen, die 2080 in Renten gehen”, ergänzt die Expertin.

VWheute: Die Wirtschaftsweisen fordern in ihrem Jahresgutachten eine Anhebung des Rentenalters auf 71 Jahre, was auch auf heftige Kritik gestoßen ist. Warum erachten Sie die Rente mit 71 als notwendig und wie weit würde dies zu einer Entlastung der Rentenkassen führen?

Isabel Schnabel: Eine Erhöhung des gesetzlichen Renteneintrittsalters ab dem Jahr 2030 ist unvermeidlich, wenn man die Renten sichern will, ohne gleichzeitig die Beiträge oder die Steuerzuschüsse für die Rentenversicherung massiv zu erhöhen. Der Sachverständigenrat fordert eine Kopplung des gesetzlichen Renteneintrittsalters an die fernere Lebenserwartung, so dass das Verhältnis zwischen Lebensarbeitszeit und Rentenzeit näherungsweise konstant bliebe. Dies würde die gesetzliche Rentenversicherung deutlich entlasten und die Generationengerechtigkeit wahren. Ein Rentenalter von 71 Jahren würde erst Personen betreffen, die 2080 in Renten gehen. Personen mit gesundheitlichen Einschränkungen könnten wie bisher früher in Rente gehen. Zusätzlich sollte der Renteneintritt weiter flexibilisiert werden.

VWheute: Die niedrigen Zinsen beschäftigen derzeit nicht nur die Sparer, sondern vor allem auch die Versicherer. Die Wirtschaftsweisen fordern angesichts dessen ein früheres Ende der lockeren Geldpolitik. Was wären aus Ihrer Sicht die Alternativen und welche Maßnahmen wären nötig, um gerade die Lebensversicherung wieder attraktiver zu machen?

Isabel Schnabel: Ein allmählicher Ausstieg aus der extrem lockeren Geldpolitik erscheint sinnvoll, weil die Nebenwirkungen der Maßnahmen ihren Nutzen inzwischen zu übersteigen drohen. Dies sind vor allem die Risiken für die Finanzstabilität. Es ginge ja nicht darum, unmittelbar die Zinsen zu erhöhen. Man könnte die Anleihekäufe zunächst verlangsamen und dann ganz auslaufen lassen.

Angesichts der langen Niedrigzinsphase lässt sich das auf Garantien beruhende deutsche Lebensversicherungsmodell kaum aufrechterhalten. Es ist wahrscheinlich, dass man stärker zu einem System übergehen wird, in dem die Beiträge und nicht die Leistungen festgelegt werden (“defined contribution”). Man sollte sich aber darüber im Klaren sein, dass dann die privaten Haushalte die Risiken aus der Zinsentwicklung tragen.

VWheute: Werfen wir noch einen kurzen Blick in die Glaskugel: Die Wirtschaftsweisen kritisieren in ihrem Jahresgutachten den mangelnden Reformeifer der Großen Koalition. Was müsste die Bundesregierung aus Ihrer Sicht nach den Bundestagswahlen 2017 besser machen?

Isabel Schnabel: Die Bundesregierung sollte ihre Bemühungen darauf konzentrieren, die Zukunftsfähigkeit Deutschlands zu erhöhen. Dies erfordert zunächst einmal tragfähige öffentliche Haushalte. Hierzu sollte der Konsolidierungskurs fortgesetzt werden. Außerdem sollten die öffentlichen Haushalte nicht durch zusätzliche strukturelle Ausgaben, beispielsweise im Bereich der Sozialversicherung, belastet werden.

Zweitens muss die Nachhaltigkeit der sozialen Sicherungssysteme sichergestellt werden, ohne die junge Generation übermäßig zu belasten. Hierzu gehört wesentlich eine weitere allmähliche Verlängerung der Lebensarbeitszeit. Schließlich sollte die Flexibilität im Arbeitsmarkt nicht weiter beschränkt werden, um weniger qualifizierten Personen den Zugang zum Arbeitsmarkt zu ermöglichen. Bei der Bildung sollte die Chancengerechtigkeit im Vordergrund stehen, um die Lohn- und Vermögensmobilität zu erhöhen.

In Europa sollte sich die Bundesregierung für eine konsequente Anwendung des Subsidiaritätsprinzips einsetzen. Aufgaben wie die Klimapolitik, die Sicherung der Außengrenzen und die Terrorismusbekämpfung sollten auf europäischer Ebene wahrgenommen werden. Die Fiskal-, Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik sollten hingegen auf der nationalen Ebene verbleiben. Angesichts der Ankündigungen von Donald Trump ist die Bundesregierung zudem noch stärker gefordert, sich für Freihandel einzusetzen.

“Das Gutachten macht deutlich, dass sowohl in Deutschland als auch im gesamten Euroraum ein deutlicher Reformbedarf besteht”, glaubt Astrid Frey Kaufmann, Senior Economist, Deputy Head ER&C Macro der Swiss Re. “Die Meinungen im Euroraum gehen allerdings weit auseinander, wie diese Reformen auszusehen haben. Wir sind deshalb nicht allzu optimistisch, dass diese Reformen rasch angegangen werden. Für Versicherer dürfte das Umfeld in Europa schwierig bleiben. Das Wachstum ist moderat und die Zinsen werden wohl über längere Zeit niedrig bleiben. Es ist keine rasche Erholung bei den Anlageerträgen in Sicht”, ergänzt die Expertin auf Anfrage von VWheute.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Tobias Daniel.

Heute referiert der Wirtschaftsweise Jochen Andritzky in Berlin zum Thema “Zeit für Reformen: Einblick ins Jahresgutachten der Wirtschaftsweisen”.

Bild: Isabel Schnabel ist Professorin für Finanzmarktökonomie und wurde im Juni 2014 in den Sachverständigenrat berufen. (Quelle: Sachverständigenrat)

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