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Versicherer fürchten Asymmetrien und Antiselektion

12.11.2014 – OLYMPUS DIGITAL CAMERAVon VWheute-Korrespondentin Elke Pohl.

Wie werden sich Fortschritte in den Gentechnologie und der Neurobiologie auf das Geschäftsmodell der Personenversicherer auswirken? Diese Frage stand im Zentrum einer öffentlichen Fachdiskussion in Berlin, veranstaltet vom Verein zur Förderung der Versicherungswissenschaft in Berlin e.V.

Die Frage, ob Leben und Gesundheit angesichts immer besserer und individualisierter Prognoseverfahren überhaupt noch versicherbar sind, antworteten die eingeladenen Experten zwar generell mit ja. Dennoch äußerten sie große Bedenken, vor allem mit Blick auf die aktuelle Gesetzeslage. Ob und wie Informationen aus Gentests für die Kalkulation von Versicherungsprämien zurate gezogen werden dürfen, regelt gegenwärtig das Gendiagnostikgesetz (GenDG). Hier sei im Paragraf 18 ein faktisches Verbot vorgesehen, mit einigen Ausnahmen, erklärte Dr. Stephan Becker, medizinischer Direktor des Lebens-Rückversicherers Scor Global Life aus Köln.

Demnach darf der Versicherer erstens weder verlangen, dass ein Antragsteller einen Test absolviert, noch darf er zweitens Ergebnisse aus bereits vorgenommenen Test verlangen, entgegennehmen oder verwenden. Einschränkend legt der Gesetzgeber fest, dass zweitens dann nicht zutrifft, wenn es bei Lebensversicherungen um Summe von mehr als 300.000 Euro und bei Berufs-, Erwerbsunfähigkeits- und Pflegerentenversicherungen um Jahresrenten von mehr als 30.000 Euro geht. Da der Kunde wegen seines Gentests weiß, dass er künftig erkranken wird (so genannte prädiktive Tests), der Versicherer aber nicht, verschärfe sich die Informationsasymmetrie und führe zu einer Antiselektion. Bei biometrischen Risiken sei mit einer Prämiensteigerung zu rechnen, wenn das GenDG so beibehalten werde. Doch überbewerten dürfe man dies auch nicht, da Tests meist nur monogene Erkrankungen wie Mukoviszidose ans Tageslicht befördere, die nur rund ein Prozent der Erbkrankheiten ausmachen. Die überwältigende Mehrheit sei multigenetisch bedingt, habe also mehrere Ursachen und werde zudem von Umwelt und Lebensweise beeinflusst, wie Diabetes.

Was Versicherer unter den genannten Bedingungen dürfen ist, Ergebnisse von Tests entgegennehmen. Zwar steige die Zahl der Antragsteller, die Gentests einreichen, allerdings auf einem sehr niedrigen Niveau – unter einem Prozent momentan, machte Dr. Florian Rechfeld deutlich, bei der Swiss Re für die medizinische Forschung zuständig. Und prädikative Tests, wie sie bisweilen für unter 100 Dollar angeboten werden, seien umstritten, weil sie nur einen Ausschnitt an Erbkrankheiten erfassen und ohne Hinzuziehung eines Arztes erstellt würden. Ob sich der Genotyp überhaupt für die Risikotarifierung eigne, sei noch nicht klar. Fakt sei aber, dass die Genomsequenzierung in absehbarer Zukunft zu den Patientenunterlagen gehören könnte wie das Blutbild.

Auf interessante medizinische Neuerungen wie Blutdruckmessgeräte am Smartphone und tragbare Ultraschallgeräte machte Alexander Rettkowski aufmerksam, bei der Generali für die Leistungs- und Risikoprüfung verantwortlich. All diese Geräte liefern Daten und machen Leben vermessbar, was die Frage aufwerfe, was diese Informationen für Versicherer bedeuten. Fortschritte in der Therapie und damit auch in der Versicherbarkeit werden Ansätze wie eine personalisierte Pharmakotherapie, also auf den Patienten zugeschnittene Medikamente, sowie die integrative Medizin bringen, bei der die unnatürliche Trennung zwischen Körper und Geist aufgehoben werde. „Wenn Versicherer wissen, dass eine Krankheit gut behandelt werden kann, kann sie auch gut versichert werden“, fasste er zusammen.

Bild: Auf dem Podium: Stephan Becker, Florian Rechfeld, Alexander Rettkowski (v.l.) (Quelle: epo)

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