Versicherungswirtschaft-heute

          Mobilversion

 
- Anzeige -

“Unrechtsbewusstsein aus den Fugen geraten“

13.09.2016 – Timo_Heitmann_GothaerDurch Versicherungsbetrug entsteht laut GDV allein in der Schaden- und Unfallversicherung jährlich eine Einbuße von rund vier Mrd. Euro. Die Hemmschwelle auf Seiten der Versicherungsnehmer sinkt, sagt Timo Heitmann, RTL-Versicherungsdetektiv und Teamleiter der Schadenaußenregulierung bei der Gothaer. Zusammen mit Schadenleiter Harald Neugebauer spricht er mit VWheute über Prävention und Betrugserkennung.

VWheute: Versicherungsbetrug gilt als vermeintlicher “Volkssport”. Wie beurteilen Sie die aktuelle Entwicklung aus Sicht des Schadenregulierers?

Timo Heitmann: Sowohl im Arbeitsalltag als auch in Gesprächen zum Thema Versicherung in meinem privaten Umfeld erlebe ich es weniger so, dass die Betroffenen aus aktiver Motivation heraus überlegen, wie sie bei einer Versicherung unberechtigte Ansprüche geltend machen können. Vielmehr geschieht der Betrug meist aus einer Notlage heraus, der Schaden hat sich ereignet, die Hemmschwelle, die Unwahrheit zu sagen, sinkt beim ansonsten redlichen Bürger und in dieser Situation steigt dann die Bereitschaft zum Betrug. Das Gerechtigkeitsempfinden und das Unrechtsbewusstsein sind dabei meiner Meinung nach aus den Fugen geraten. Hier sind alle Beteiligten gefragt, sowohl die Kunden, aber auch die Versicherungsbranche selbst. Es muss zum einen noch stärker deutlich gemacht werden, dass die redlichen und ehrlichen Kunden über ihre Beiträge den Betrug mit finanzieren. Zum anderen bedarf es noch härterer Sanktionen gegen die Straftäter.

VWheute: In der Branche herrscht zwar Einigkeit über die Notwendigkeit eines effektiven Betrugsmanagements. Allerdings sind die Ansätze im aktiven Betrugsmanagement sehr heterogen. Wo sehen Sie derzeit die Ansätze für ein effektives Betrugsmanagement?

Harald Neugebauer: Der Hauptansatz ist, neben einer guten und modernen systemgestützten Betrugserkennung mit prädiktiven Elementen, die Erkennung solcher Fälle durch den Schadenmitarbeiter. Ist ein Betrug identifiziert, ist die zielgerichtete Bearbeitung dieser Fälle ein wesentlicher Ansatz. Hierbei ist Spezialisten Know-how wichtig und erfolgskritisch. Ein weiterer wichtiger Ansatz ist die Prävention und sowie die Öffentlichkeitsarbeit. Wenn die öffentliche Meinung den Versicherungsbetrug weiterhin als “Kavaliersdelikt” ansieht, bleiben viele Waffen stumpf. Andere Länder sind da schon weiter und gehen in der Öffentlichkeit mit deutlicheren Worten – auch mit entsprechenden Medienkampagnen – gegen Versicherungsbetrug vor.

VWheute: Stichwort: Methoden und Strategien der Betrugserkennung und Betrugsprävention. Wo sehen Sie derzeit die größten Herausforderungen für die Versicherer?

Harald Neugebauer: Die größten Herausforderungen bestehen in der immer schwieriger realisierbaren Balance zwischen Kostendruck und Ressourceneinsatz, vor allem beim Personal bei Versicherern und Behörden. Sichtbar wird das vor allem bei der Aufklärung dubioser Schadensfälle bei niedrigeren Entschädigungsbeträgen. Hinzu kommen datenschutzrechtliche Vorgaben, die den Austausch und die Vernetzung unter den Versicherern erschweren. Zudem gelangen vermehrt und deutlich schneller als früher neue Betrugstechniken “auf den Markt”, insbesondere auch durch die neuen Medien.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Tobias Daniel.

Bild: Über die Problematik des Versicherungsbetrugs informiert der Teamleiter Schadensregulierung der Gothaer, Timo Heitmann. (Quelle: Gothaer)

- Anzeige -
- Anzeige -
- Anzeige -

 

Verlag Versicherungswirtschaft | Kontakt | AGB | Datenschutzerklärung | Impressum | Mediadaten