Versicherungswirtschaft-heute

          Mobilversion

 

Towers Watson: “Telematik-Tarife sind in fünf Jahren etabliert”

12.08.2015 – gero_niessen_towersDas Prinzip des Versicherungskollektivs, wonach jeder Versicherte den gleichen Beitrag zahlt, werde “immer dann ein Stück weit ‘untergraben’, sobald ein neues Merkmal zur Differenzierung bei der Tarifierung eingeführt werde”, sagt Gero Nießen, Director bei Towers Watson, im Exklusiv-Interview gegenüber VWheute. Allein auf dem deutschen Kfz-Versicherungsmarkt gebe es bereits zehn Merkmale.

VWheute: In Deutschland werden Telematik-Angebote der Versicherer häufig noch sehr kritisch gesehen. In den USA, Italien oder Großbritannien sieht es hingegen anders aus. Was ist in diesen Ländern anders und wie können Telematik-Tarife auch am deutschen Markt erfolgreich etabliert werden?

Gero Nießen: In den USA gibt es zwei Hauptgründe für die höhere Marktdurchdringung von Telematik-Tarifen. Als der Versicherer Progressive – der die lokale Konkurrenz bereits bei Einführung von Bonitätsinformationen im Pricing hinter sich ließ – den ersten Telematik-Piloten startete, war der Markt aufgrund der Erfahrungen mit den Bonitätsinformationen gewarnt und zog schnell nach.

Ein anderer Grund ist die OBD-Schnittstelle, der Anschluss für die Blackbox. Deren Anordnung im Fahrzeug ist in amerikanischen Autos normiert, und zwar so, dass sie den Fahrer nicht stört. In Europa gibt es diese Normierung nicht, dadurch kann die Schnittstelle gegebenenfalls ungünstig positioniert sein, beispielsweise im Bereich der Pedale. Dies ist momentan noch bei rund 25 – 35 Prozent der Autos der Fall.

Aufgrund regulatorischer Vorgaben müssen italienische Versicherer einen Telematik-Tarif anbieten. Manche Versicherer wehren sich jedoch dagegen und befinden sich momentan im Rechtsstreit mit dem Staat. Zudem ist in Italien das Prämienniveau höher als in Deutschland. Dadurch rechnet sich das Telematik-Geschäft dort eher als in Ländern mit niedrigerem Preisniveau.

In Großbritannien sind die Prämien gerade für junge Fahrer im internationalen Vergleich besonders hoch. Manchmal ist die Jahresprämie für die Versicherung höher als der Wert des Gebrauchtwagens. Somit ist dort ein Telematik-Tarif besonders für junge Menschen attraktiv, die bei sicherer Fahrweise sparen können.

In Deutschland könnten Telematik-Tarife zunächst in den hochpreisigen Segmenten etabliert werden. Dazu zählen unter anderem junge Fahrer oder Fahrer, die aufgrund eines Schadens zurückgestuft werden. Aktuell mangelt es im deutschen Markt aber an der Granularität und der Auswertung der erfassten Telematik-Daten. Nur wenn Daten die Fahrweise vollständig erfassen können, zum Beispiel durch sekündlichen Informationsfluss, können sie adäquat in den Kontext gesetzt werden. Und nur dadurch können zum Beispiel einzelne Fahrmanöver wie ein Überholvorgang identifiziert und auch risikotechnisch klassifiziert werden. Darüber hinaus müssen die Telematik-Daten in Verbindung mit den üblichen Bestands- und Schadeninformationen ausgewertet werden. Aktuell ist dies bei vielen Unternehmen noch nicht der Fall.

VWheute: Telematik-Angebote dürften vor allem von den “guten” Fahrern in Anspruch genommen werden. Im alten Tarif bleiben dann die schlechten Risiken zurück. Besteht hier nicht die Gefahr, dass Telematik-Tarife das Prinzip des Versicherungskollektivs untergraben?

Gero Nießen: In seiner strengsten Form besagt das Prinzip des Versicherungskollektivs, dass jeder Versicherungsnehmer den gleichen Beitrag zahlt. Demnach wird das Prinzip immer dann ein Stück weit “untergraben”, sobald ein neues Merkmal zur Differenzierung bei der Tarifierung eingeführt wird. Aktuell werden zur Berechnung der Versicherungsprämien im deutschen Kraftfahrtmarkt bereits mehr als zehn Merkmale verwendet. Als vor einiger Zeit in den meisten Tarifen der Faktor “Alter des Fahrzeugs bei Erwerb durch den Versicherungsnehmer” eingeführt wurde, sprach niemand von der Untergrabung des Prinzips. Vielmehr war hiermit ein einfach zu erhebendes Merkmal identifiziert worden, das eine verbesserte Schadenprognose erlaubte. Richtig angewendet, kann die Nutzung von Telematik-Daten ein genau solches neues Merkmal hervorbringen, wie der Drive-Ability-Pool in den USA zeigt.

VWheute: Ein Blick in die Zukunft: Wie wird der deutsche Kfz-Versicherungsmarkt in fünf Jahren aussehen? Welche Rolle werden Telematik-Tarife spielen?

Gero Nießen: Telematik-Tarife werden sich in den kommenden fünf Jahren in einigen Segmenten etabliert haben. So könnte ich mir intelligente Produkte für junge Nutzer, hohe Typklassen oder auch schadenbelastete Verträge vorstellen. Gewinnbringend ist die Anwendung von Telematik natürlich auch für das Flottengeschäft. Neben der heute schon vielfach praktizierten Möglichkeit zur Flottensteuerung, können Telematik-Tarife in diesem Bereich, neben dem reinen Absenken der Versicherungsprämie durch die Förderung vorausschauender Fahrweise, natürlich auch signifikante Kosten durch geringeren Verschleiß und weniger Kraftstoffverbrauch auf der Haben-Seite verbuchen. Allerdings sind hier – gerade bei größeren Flotten – oftmals herausfordernde Diskussionen mit den Betriebsräten zu führen.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteurin Julia Kolhagen.

Bild: Gero Nießen ist Director bei Towers Watson in Köln und spezialisiert auf Pricing und Produktmanagement in der P/C-Versicherung. (Quelle: Towers Watson)

bestellen_vwh

Expert: Deckungskonzepte und Datendebatte , in VW 8/15 (Einzelartikel zu 3,81 Euro)

- Anzeige -
- Anzeige -
- Anzeige -

 

VVW | Kontakt | AGB | Datenschutzerklärung | Impressum | Mediadaten