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Rückversicherungsbranche auf Talfahrt

09.09.2016 – MonteCarloDie Attacke auf das World Trade Center in New York bedeutete für die Assekuranz einen 40 Mrd. US-Dollar Marktschaden. Andererseits war dies aber auch ein “market turning event”, also der Katalysator für ein wesentlich strikteres Underwriting. Hinzu kamen auch noch im wesentlichen schadenfrei verbleibende US-Hurrican-Saisons, die den aktuarisch kalkulierten Schadenbedarf bei weitem unterschritten.

Eine neue Haftpflicht-Serie wie Asbestose wollte sich ebenfalls nicht einstellen. So beschwerten die Zeichnungsjahre 2012 bis 2014 der Rückversicherungsbranche hohe Gewinne. Auf Kalenderjahresbasis war es möglich, üppig zu reservieren, sodass künftige Kalenderjahre jeweils Besserabwicklungsgewinne aus Vorjahresreserven um die sechs Prozentpunkte aufwiesen.

Seit 2015 scheint diese ungewöhnlich lang andauernde Glückssträhne der Branche zu Ende zu sein. Von allzu guten Ergebnissen verführt, von Maklern bedrängt, vor dem Hintergrund der zunehmenden Substitution durch Risikoverbriefungen und möglicherweise gar an die eigene Unfehlbarkeit selbst glaubend, konzedieren Underwriter immer mehr, was Raten und Bedingungen betrifft. Für das erste Halbjahr 2016 meldet die Ratingagentur Fitch eine von 88,3 Prozent auf 92,7 Prozent angestiegene Combined Ratio. Auch diese Zahl dürfte noch durch angebliche Besserabwicklungen der Vorjahresreserven geschönt sein. Die Kapitalmarktzinsen sind bis zu einer zehnjährigen Laufzeit für einige EU-Länder negativ, sodass gegenwärtig für die Aktionäre kaum noch eine auskömmliche Rendite auf das eingesetzte Eigenkapital herausschauen dürfte.

Ein derartiger misslicher Zustand pflegt meist mehre Jahre lang anzuhalten, bis erneut ein katastrophales Ereignis bei allen Marktteilnehmern jedenfalls den noch Überlebenden die Erkenntnis reifen lässt, so könne es nicht weitergehen. Im Hinblick auf ein solches Szenario äußert Fitch die Befürchtung, einige Marktteilnehmer könnten sich allzu sehr mit Cat-Risiken vollgesogen haben und durch das Eintreten eines solchen Ereignisses dann in ernste Bedrängnis geraten.

Soweit die Schweinezyklus-Routine. Jedoch hat sich diesmal noch ein ungewöhnlicher Umstand dazugesellt. Sollte es tatsächlich zum Brexit kommen und sollte es nicht gelingen, für Großbritannien – oder was nach der Abspaltung Schottlands noch davon übrig bleiben mag – eine Art Assoziierung zu verhandeln, so könnte britischen Versicherern und möglicherweise auch bermudischen der Zutritt zum EU-Markt zumindest wesentlich erschwert werden. Selbst die Äquivalenz müsste verhandelt werden und EU-Zedenten müssten möglicherweise von ihren Londoner Underwritern die Deponierung der zedierten technischen Rückstellungen verlangen.

Gleichzeitig könnte die Bedeutung Londons für die Branche insgesamt schwinden, auch was ihre Hilfstruppen wie Makler, Schadengutachter und spezialisierte Anwälte betrifft. Es fragt sich, wo das Ersatz-Rückversicherungscluster entstehen wird. Dublin scheint aufgrund von gleicher Sprache, gleichem Rechtssystem, einem 12,5-prozentigen Steuersatz und forgesetzter EU-Mitgliedschaft besser platziert als Zürich, Luxemburg oder München. Noch ist Zeit für die Politiker, an alternativen Standorten den Wettbewerb ernsthaft aufzunehmen. (cpt)

Bild: Spielbank Monte Carlo (Quelle: hkm)

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