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Risikoforscher: Seltene Risiken werden überschätzt

25.11.2014 – Renn_RisikoforscherDie systemischen, schleichenden, aber dafür äußerst gefährlichen Risiken werden unterschätzt, sagt Risikoforscher Ortwin Renn. Risikomanagement muss sich an einer Balance zwischen Effizienz und Resilienz orientieren. Er fordert im exklusiven Interview mit VWheute zum querdenken auf. Es könnte sich für die Branche lohnen, die eher alltäglichen aber teuren Risiken in den Blick zu nehmen.

VWheute: Wovor müssen wir uns tatsächlich fürchten und wogegen müssen wir uns wirklich versichern?

Die sogenannten systemischen, schleichenden Risiken werden eher unterschätzt oder erhalten nicht die gleiche Aufmerksamkeit wie plötzlich eintretende, katastrophale Auswirkungen. Dabei sind vor allem drei globale Gefahrenherde zu beachten: die zunehmende Eingriffstiefe menschlicher Eingriffe in die Natur (Klimawandel, Schadstoffausstoß, Flächen- und Wassernutzung); mangelnde und wenig effektive Steuerung von zentralen Prozessen in Wirtschaft und Politik (Kapitalmärkte, Korruption, Kapazitätsdefizite); negative Begleiterscheinungen der Globalisierung und Modernisierung (ungleiche Lebensbedingungen, mangelnde Sicherheit, Identitätsverluste). Viele dieser systemischen Risiken sind gar nicht versicherbar, das macht auch einen Teil ihrer Brisanz aus. Hier sind größere kollektiv wirksame Lösungen wie etwa Klimafonds gefragt.

Auf individueller Ebene sind es die vier Volkskiller, die für jeden einzelnen in Deutschland von besonderer Bedeutung sind. Das sind: unausgewogene Ernährung, Rauchen, Trinken und Bewegungsmangel. Rauchen, übermäßiges Trinken von Alkohol, ungesunde Ernährung, mangelnde Bewegung. Diese vier Faktoren sind Expertenschätzungen zufolge für 40 bis 60 Prozent aller vorzeitigen Todesfälle verantwortlich! Keine andere Ursache kommt auch nur nahe an die Größenordnung dieser vier tödlichen Risiken heran. Das liegt daran, dass die Folgen nicht unmittelbar erkennbar sind. Auch hier können wir nur wenige Versicherungslösungen anbieten. Das sind alles Risiken, bei denen der einzelne sein Verhalten ändern muss.

Sie stellen in ihrem Buch die Frage, „Wieso fürchten wir uns vor dem Falschen?“ Wovor fürchten wir uns und welchen Einfluss hat dies auf unser (Ver-)sicherungsbedürfnis?

Ortwin Renn: Zunächst einmal halten wir alles Natürliche für risikolos oder risikoarm und alles Künstliche für hoch gefährlich. Wir erleben die Natur als ein idyllisches Refugium, das es nur gut mit dem Menschen meinen kann. Friedliche Schwäne im Park, schmackhaftes Gemüse und frische Luft suggerieren: Natur ist Gesundheit pur! Aber die Natur steckt voller Gifte und Gefahren: viele Pflanzen, die nicht gefressen werden wollen, schützen sich mit Giftstoffen vor Fressfeinden. Zudem fallen mehr als 80.000 Menschen jedes Jahr den Naturgefahren wie Erdbeben, Überschwemmungen oder Wirbelstürmen zum Opfer. Bei uns sind es Gott sei Dank nur wenige, was den Eindruck von der Idylle Natur nur noch bestärkt.

Zum zweiten fürchtet sich der Mensch eher vor Gefahren, die er nicht aus eigener Erfahrung kennt oder direkt sinnlich wahrnehmen kann. Beispiele dafür sind: radioaktive Strahlung, BSE-Erreger oder Innenraumbelastung durch Formaldehyd.


Zum dritten werden wir heute in der virtuellen Welt tagtäglich Zeuge von unzähligen Katastrophen und Unfällen. Von daher verfestigt sich das Bild, dass die Welt immer risikoreicher und gefährlicher wird. Dies ist aber statistisch überhaupt nicht der Fall: wir erfahren nur mehr über die Gefahren und ihre negativen Auswirkungen.

Für die Versicherungswirtschaft bedeutet dies: viele der alltäglichen Risiken wie Übergewicht oder Rauchen werden weitgehend unterschätzt, dafür ist die Zahlungsbereitschaft gering, andere eher seltene Risiken werden überschätzt. Die werden aber oft gar nicht von Versicherungen erfasst.


Wie tragen Sie mit Ihren Erkenntnissen zum Risikomanagement von Unternehmen bei?

Risikomanagement muss sich an einer Balance zwischen Effizienz und Resilienz orientieren. Zudem müssen die Lösungen für die betroffenen Menschen fair sein. Das bedeutet: Wir müssen die Unsicherheiten bei der Risikoerfassung mehr beachten und Lösungen anbieten, die auch noch dann greifen, wenn unvorhergesehene Ereignisse eintreten. Wir brauchen ein Risikomanagement, das die Risiken nachweislich begrenzt, mit den knappen Ressourcen haushälterisch umgeht, unwahrscheinliche aber mögliche Rückschläge verkraften hilft und eine gerechte Verteilung von Nutzen und Risiko ermöglicht.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Rafael Kurz.

Foto: Ortwin Renn, Professor für Umwelt und Techniksoziologie an der Universität Stuttgart (Quelle: Ortwin Renn)

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