Versicherungswirtschaft-heute

          Mobilversion

 
- Anzeige -

Risiko und kein Ende

29.04.2016 – Risiko_ZDFRisiken beherrschen derzeit den globalen Welthandel stärker denn je. Dabei hat der Katalog an Unsicherheiten im “Coface Risikouniversum” deutlich zugenommen, wie Mario Jung, Senior Regional Economist für Nordeuropa, beim 10. Coface Kongress Länderrisiken in Mainz konstatiert. Dabei machte der Experte vor allem drei Faktoren aus, welche derzeit die deutsche Exportwirtschaft besonders beschäftigen.

“Erstens: Wir haben eine Schwäche der Emerging Markets, die uns auch über den Tag hinaus noch beschäftigen wird. Zum zweiten: Wir haben eine starke Volatilität der Rohstoffpreise gesehen. Und zum dritten haben wir sehr sehr große Risiken für die politische Stabilität”, fasst der Coface-Experte die derzeitigen Herausforderungen für die Weltwirtschaft zusammen.

Besonders bemerkenswert: Gerade die politischen Risiken kommen derzeit aus stark entwickelten Volkswirtschaften, ergänzt Jung: “Sogar eine US-Präsidentschaftswahl wird derzeit als politisches Risiko wahrgenommen. Für mich ist das auch ein neues Phänomen.”

Diese drei Kernrisikofelder seien zudem noch vor dem Hintergrund eines “immer noch problematischen weltwirtschaftlichen” Umfeldes zu sehen. “Das heißt: wir haben immer noch eine globale Wachstumsschwäche. Das heißt: wir haben ein sehr schwaches Wirtschaftswachstum”, erläutert Jung vor den etwa 500 Teilnehmern des Kongresses.

Einen Grund sieht der Coface-Experte in einer globalen Wachstums- und Investitionsschwäche. “Das heißt: die Unternehmen halten sich mit Investitionen zurück. Und solange sie dies nicht tun, kommt die Weltwirtschaft nicht so dynamisch auf die Beine wie es vor der Finanzkrise 2005 bis 2009 der Fall war”, betont Jung. So liege das Investitionsniveau der Industriestaaten laut einer aktuellen Studie noch immer fünf Prozent unter dem Niveau vor der Finanzkrise, ergänzt der Coface-Experte.

“Das heißt: Wir haben eine Belastung auf dieser Seite. Und als weiterer Belastungsfaktor kommen nun die Emerging Markets hinzu”, so Jung. Als zentrale Beispiele für diese Entwicklung nennt der Coface-Experte vor allem die Schwellenländer China und Brasilien.

So erwartet der Kreditversicherer für das Reich der Mitte in diesem Jahr eine Abkühlung des Wachstums auf 6,5 Prozent. Dabei laste zum einen das blutleere Wachstum der Weltwirtschaft auf den chinesischen Exporten. Zum anderen sei dies auch “politisch gewollt”, betont Jung. So werde der Umbau des chinesischen Wirtschaftsmodells “in den folgenden Jahren” noch andauern, prognostiziert der Coface-Experte.

“Für die Weltwirtschaft bedeutet das nichts Gutes”, betont Jung. Denn das schwächelnde Wirtschaftswachstum in der Volksrepublik einher mit einer Zunahme der Zahlungsverzögerungen und den Überkapazitäten in vielen Branchen. “Können Sie sich vorstellen, dass China allein in zwei Jahren so viel Beton produziert hat, wie die USA im gesamten 20. Jahrhundert?”, fragte Jung in die Runde.

Ein weiteres Sorgenkind ist für den Kreditversicherer das größte Land auf dem südamerikanischen Kontinent. Dabei belasten neben den wirtschaftlichen auch politische Probleme, welche die Stimmung von Verbrauchern und Unternehmen in Brasilien beeinträchtigen und damit die Rezession weiter verschärfen. Allen voran: die Korruptionsaffären um die amtierende Staatspräsidentin Dilma Rousseff, die angespannte Lage der Staatsfinanzen und die ausbleibenden Reformen – gekoppelt mit einer hohen Inflation, welche die Ausgabenspielräume der privaten Haushalte weiter einschränkt. Vom Slogan in der Staatsflagge sei das Land nach Ansicht des Coface-Experten jedenfalls weit entfernt: “Ordnung und Fortschritt sehen anders aus”.

Auch die russische Volkswirtschaft hat laut Coface neben dem Verfall der Rohstoffpreise auch mit gravierenden strukturellen Problemen zu tun. Dabei sei es keine neue Erkenntnis, dass das russische Wirtschaftsmodell weiterhin sehr stark auf dem Export von Rohstoffen und rohstoffnahen Bereichen basiere, während die übrigen Wirtschaftszweige kaum für internationalen Wettbewerb gerüstet seien.

Zudem fügen politische Schwierigkeiten der heimischen Wirtschaft zusätzlichen Schaden zu, darunter die Sanktionen infolge des Ukraine-Konflikts. Dabei beobachtet Coface-Experte Jung ein “sehr interessantes Phänomen”: Mit der sogenannten “Importsubstitution” kommt die russische Führung vor allem bei der Lebensmittelproduktion voran. Ein Beispiel: das sibirische Institut für Käseherstellung. Allerdings könne dies laut Coface die Wohlfahrtsverluste der russischen Verbraucher durch die Handelsbeschränkungen bei weitem nicht aufwiegen.

Die politischen Risiken für die deutsche Exportwirtschaft sehen die Experten von Coface jedoch vor allem auch in der Europäischen Union (EU) selbst, deren Zusammenhalt stark gefährdet sei. “Denken Sie nur daran, wie viele Exit wir in den vergangenen zwölf bis 15 Monaten diskutiert haben”, erinnert Jung. Angefangen habe dies mit Griechenland (Grexit-Diskussion). “Jetzt sind wir bei Großbritannien – Brexit-Diskussion. Zwischendrin hatten wir das Referendum in Schottland (“Whisky-Exit”?)”, betont der Coface-Experte.

Abgerundet wird die aktuelle Krise von den nationalistischen Lösungen und der mangelnden Kooperationsbereitschaft sowie politischen Desintegrationsprozessen vor dem Hintergrund der aktuellen Flüchtlingsproblematik sowie eine fortschreitenden Fragmentierung der nationalen Parlamente. So zeigen die Beispiele Spanien, Portugal und Irland, dass es immer schwieriger werde, Mehrheiten für stabile, reformorientierte und proeuropäische Regierungen zu finden.

Die deutsche Wirtschaft steht nach Ansicht der Coface-Experten in diesem Jahr jedenfalls auf soliden Beinen. Kritischer Faktor bleibe hingegen die Frage, ob die Risiken im europäischen Umfeld auch Risiken bleiben oder zu handfesten Krisen werden. (td)

Link: Steigende Exportrisiken für deutsche Wirtschaft (Tagesreport vom 03.03.2016)

Bildquelle: ZDF

- Anzeige -
- Anzeige -
- Anzeige -

 

VVW | Kontakt | AGB | Datenschutzerklärung | Impressum | Mediadaten