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Reflektierte Auseinandersetzung mit herkömmlichen Rollenbildern nötig

18.06.2015 – uta_maier_graeweInnerhalb der Versicherungsbranche dürfte “eine reflektierte Auseinandersetzung mit herkömmlichen Geschlechterrollenbildern von Nöten sein”, meint Uta Meier-Gräwe, Professorin an der Justus-Liebig-Universität Gießen, im Exklusiv-Interview mit VWheute. Aus ihrer Sicht liegt eine der häufigsten Ursachen für die höhere Altersarmut von Frauen noch immer in den Unterbrechungen der Erwerbsbiographien.

VWheute: Sind Frauen aktuell stärker von Altersarmut bedroht als Männer? Was sind die Ursachen für die schlechtere Absicherung? Für welche Frauen ist die finanzielle Lücke im Alter besonders groß?

Uta Meier-Gräwe: Eine der Ursachen für die höhere Altersarmut von Frauen und für geringere Renten liegen in den häufigen Unterbrechungen der Erwerbsbiographien von Frauen, um die Haus- und Sorgearbeit für Kinder, Partner und pflegebedürftige Angehörige zu übernehmen. Außerdem sind Frauen meist in schlecht bezahlten Dienstleistungsberufen (Erzieherinnen, Verkäuferinnen, Altenpflegerinnen, Zahnarzthelferinnen etc.) tätig.

Hinzu kommt, dass die Erwerbstätigenquote von Frauen in Deutschland zwar seit Jahren beständig gestiegen ist, allerdings handelt es sich größtenteils um kleine, oft nicht einmal 20 Wochenstunden umfassende Teilzeitjobs. Vor allem allein erziehende Mütter haben heute in Deutschland die niedrigsten Einkommen und Wohlstandspositionen im Vergleich unterschiedlicher Lebensformen (Zwei-Elternfamilien, Paare ohne Kinder, Alleinstehende).

2011 waren 42,3 Prozent von ihnen armutsgefährdet, eine Lebenslage, die sich mit Eintritt ins Rentenalter bekanntlich verstetigt und nicht etwa verbessert. So einleuchtend die Aufforderung an diese Frauen auf den ersten Blick auch ist, individuell vorzusorgen, so wenig realitätsnah ist das angesichts von äußerst knappen Haushaltsbudgets. Sie versuchen, ihre Kinder nach besten Kräften zu versorgen und ihnen wenigstens einige Wünsche zu erfüllen.

Bei sich selbst machen diese Mütter ohnehin Abstriche und dann auch noch etwas monatlich für die Alterssicherung zu tun, fällt wirklich schwer. Existenzsichernde Löhne und die Aufwertung von Frauenberufen, aber auch bezahlbare Ganztagsplätze in Kita und Schule wären hier die wirksamsten Maßnahmen für armutsfeste Erwerbs- und Versicherungsbiografien. Einer aktuellen Studie zufolge kann die Einführung des gesetzlichen Mindestlohns eine Reduktion des Gender Pay Gap um 2,5 Prozentpunkte bewirken.

VWheute: Was wird sich für die zukünftigen Renterinnen-Generationen ändern und warum?

Uta Meier-Gräwe: Obwohl die erste Säule der Gesetzliche Rentenversicherung und auch der Prozentanteil der Witwenrenten in den kommenden Jahren zurückgefahren werden, tappen leider viele verheiratete Mütter in die Minijobfalle: um die Haus- und Sorgearbeit für ihre Kinder und den Ehemann zu übernehmen, sie bleiben häufig weit unter ihren beruflichen Möglichkeiten, die sie auf der Basis ihrer guten Ausbildungsabschlüsse und des immer deutlicher werdenden Fachkräftemangels eigentlich hätten.

Ehegattensplitting und die Mitversicherung in der Krankenkasse des Partners lassen solche Entscheidungen kurzfristig als “haushaltsökonomisch vernünftig” aussehen. Nach einer Scheidung und beim Blick auf den Rentenbescheid folgt dann allerdings die Ernüchterung. Seit der Novellierung des Unterhaltsrechts 2008 ist der geschiedene Partner nämlich nicht mehr verpflichtet, Unterhalt an seine Ex-Frau zu zahlen. Es gibt keine nacheheliche Statussicherung mehr nach dem Motto “Einmal Zahnarztgattin, immer Zahnarztgattin.”

Die geschiedene Ehefrau muss ihre Existenzgrundlage spätestens nach Vollendung des 3. Lebensjahres ihres jüngsten Kindes nun selbst verdienen. Jahrelang aus dem erlernten Beruf auszusteigen, ist deshalb keine gute Idee und erst recht keine kluge Vorsorgestrategie für die eigene Alterssicherung. Vielmehr sollten Frauen mit ihrem Partner um eine faire Arbeitsteilung ringen und sich nicht vorschnell auf die komplette Übernahme der unbezahlten Arbeit für Mann und Kind(er) einlassen.

Wenn sich ein Paar allerdings für die klassische Arbeitsteilung entscheidet, dann sollte die Altersvorsorge für die nicht erwerbstätige Mutter in einem Ehevertrag geregelt werden. Wie notwendig das ist, verdeutlichen die aktuellen Befunde der Zeitverwendungsstudie des Statistischen Bundesamtes 2012/13: Frauen in Deutschland arbeiten zwar pro Tag eine Stunde länger als Männer; allerdings zwei Drittel unbezahlt und nur ein Drittel bezahlt – und das auch noch schlecht!

VWheute: Wie können Frauen bei Ihrer Alterssicherung besser unterstützt werden? Was können die Versicherer konkret an Unterstützung bieten?

Uta Meier-Gräwe: Es ist also ein erheblicher und zielgruppenbezogener Beratungsbedarf vorhanden, der auch durch RepräsentantInnen der Versicherungswirtschaft gegenüber Frauen und Paaren offensiv zu übernehmen wäre.

Hier dürfte sicherlich auch innerhalb der Branche eine reflektierte Auseinandersetzung mit herkömmlichen Geschlechterrollenbildern von Nöten sein. Und politisch ist es im Grunde längst überfällig, steuer- und sozialpolitischen Fehlanreize wie Ehegattensplitting und die Mitversicherung in der Gesetzlichen Krankenkasse abzuschaffen.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteurin Julia Kolhagen.

Bild: Uta Meier-Gräwe, Professorin an der Justus-Liebig-Universität Gießen, referiert heute auf dem GDV-Round Table zum Thema “Alterssicherung von Frauen: Status quo und Perspektiven”. (Quelle: Uni Gießen)

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