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“Keine Wunderwaffe im Köcher”

14.06.2016 – lutz_morjan_nnEs gibt für Versicherer keine “Wunderwaffen” bei ihren Anlagen-, bzw. Anlagestrategien, konstatiert Lutz Morjan von NN Investment Partners im Exklusivinterview mit VWheute. Dennoch arbeiten viele Versicherer “sehr hart an der Neuausrichtung der Kapitalanlage”, betont der Experte, welcher die Gründe dafür vor allem in Solvency II und dem derzeitigen Marktumfeld sieht.

VWheute: Vor einem Jahr lautete Ihr Befund: Die Kapitalanlagepolitik der Versicherer ist noch nicht auf das risikobasierte Aufsichtsregime ausgerichtet. Wie lautet Ihr Befund nach dem ersten halben Jahr Solvency II?

Lutz Morjan: Die Versicherer arbeiten sehr hart an der Neuausrichtung der Kapitalanlage. Es ist jedoch noch ein gutes Stück Weg zu gehen. Dafür gibt es einige Gründe. Zum einen sind die Unterschiede zwischen Solvency I und Solvency II sehr groß, insbesondere in der Bewertung von Risiken und der Schwankungsanfälligkeit der Bilanzen. Es gilt, Erfahrungswerte für die Wirkungsweise zu sammeln.

Zum anderen sind gleichzeitig wegen des derzeitigen Marktumfeldes viele bekannte, vertraute Assetklassen nicht attraktiv. Die Renditen und Risikoprämien sind extrem niedrig. Daher müssen sich Versicherer mit neuen Assetklassen vertraut machen, deren Umsetzung in den Portfolios aufwändiger ist (z.B. bei illiquiden Investments). Das nimmt viel Zeit in Anspruch und verlangt die Zusammenarbeit mit -kompetenten Partnern.

Es ist zu beobachten, dass sich die Regulierung für Solvency II in einigen Berechnungsmethoden bereits weiterentwickelt. Versicherer steuern deshalb auf ein sich bewegendes Ziel zu, dessen Kurs nicht genau vorhersehbar ist. Das macht es nicht gerade einfach, die Umstellung umzusetzen.

VWheute: Welche Vorschläge haben Sie gerade für Lebensversicherer, den ökonomischen Druck in der Kapitalanlage durch Regulierung und niedrige Zinsen zu verringern?

Lutz Morjan: Eine pauschale Empfehlung ist nicht möglich, da die Antwort vom Cash-Flow-Profil und der Art der Versicherung abhängt. Allerdings lässt sich empfehlen, die vorhandenen Risikoprämien stärker zu diversifizieren. Diese sind in bestehenden Portfolios häufig auf einige wenige wie Credit und Inflation im Euroraum konzentriert. Diese Risiken sind in der derzeitigen Marktlage aber nicht ausreichend kompensiert.

Die Grundlage ist eine Risikoeinschätzung der Investments und mit welcher Qualität sie die Verbindlichkeiten abdecken. Ein Run-off-Unternehmen braucht eine ganz andere Ausrichtung als ein auf Neugeschäft ausgerichteter Versicherer. Auch die sich ändernde Produktpalette muss berücksichtigt werden.

Wichtig ist, sich durch stärkere Diversifikation und ein optimiertes Laufzeitenmanagement Risikobudgets zu erarbeiten. Diese Risikobudgets können dann für ausgewählte Opportunitäten genutzt werden. Ausgangspunkt sollte aber ein detailliertes Verständnis für die Wirkungsweise einer Solvency II-Bilanz sein. Sie ist sehr viel schwankungsanfälliger, weil Kapitalmarktschwankungen direkt auf der Bilanz zu sehen sind.

Dabei kann die ganze Breite des Fixed-Income-Anlageuniversums genutzt werden, um die Risikoprämien besser zu diversifizieren. Durch die negative Realverzinsung partizipieren Versicherer nicht genug am Produktivitätswachstum. Gleichzeitig führen die niedrigen Spreads im Euroraum zu einer unzureichenden Kompensation von Ausfallrisiken.

VWheute: Ihr Credo lautet “Erträge steigern, Risiken optimieren und Kosten senken”. Wie lange, glauben Sie, wird die Versicherungswirtschaft benötigen, den Anforderungen von Solvency II und den Herausforderungen der niedrigen Zinsen gewachsen zu sein?

Lutz Morjan: Die Implementierung und das praktische Verständnis für Solvency II werden mehrere Jahre benötigen. Dabei wird sich auch die Zusammenarbeit mit externen Partnern verstärken, um Kosten zu senken und neue Kompetenzen einzukaufen.

VWheute: Welche “Wunderwaffen” (Anlagen-, bzw. Anlagestrategien) in der Kapitalanlage haben Sie für Versicherer im Köcher?

Lutz Morjan: Wunderwaffen gibt es keine. Versicherer befinden sich aber in einem Veränderungsprozess, bei dem wir unterstützen können. In der Kapitalanlage bilden sich einige Entwicklungen heraus. Alternativen zu der bestehenden Allokation sind – mit dem Ziel der Risikodiversifikation – Illiquidität (z.B. durch private Placements), Produktivitätsgewinne (realisierbar durch regionale Diversifikation z.B. in USA oder Emerging Markets), Fremdwährung (z.B. durch europäische Diversifikation), aktive Risikoprämien (z.B. in ineffiziente Märkte wie High Yield oder Frontier Markets), neue Industriesektoren (z.B. durch Senior Secured Bank Loans).
Die Auswahl dieser Ideen muss streng nach dem Verpflichtungsprofil erfolgen.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Rafael Kurz.

Bild: Lutz Morjan ist Head of Insurance Solutions bei NN Investment Partners in Frankfurt am Main (Quelle: NN)

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