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“Internetmedizin ist eHealth weit voraus”

07.09.2015 – markus_mueschenich_privat“Die Internetmedizin ist dem, was wir heute als eHealth bezeichnen so weit voraus, wie Google dem Brockhaus”, sagt Markus Müschenich, Vorstand Bundesverband Internetmedizin und Managing Partner von Flying Health, im Exklusiv-Interview mit VWheute. So wisse man bereits heute, “was in fünf Jahren in unserem Gesundheitswesen los sein wird.”

VWheute: Als Vorstand des Verbandes für Internetmedizin können Sie uns sicher sagen: Was wird in Sachen E-Health in fünf Jahren bereits selbstverständlich sein, woran heute kaum einer denkt?

Markus Müschenich: Die Internetmedizin ist dem, was wir heute als eHealth bezeichnen so weit voraus, wie Google dem Brockhaus. Wir wissen also heute bereits, was in fünf Jahren in unserem Gesundheitswesen los sein wird. In fünf Jahren werden wir uns wundern, warum man früher noch für jede Kleinigkeit persönlich zum Arzt gehen musste. Gerade hat die Technikerkrankenkasse mit dem Startup Patientus die Videosprechstunde im Deutschen Gesundheitswesen salonfähig gemacht und bezahlt Ärzten die Konsultation via Internet. Wenn nur fünf Prozent der Arztkontakte in Deutschland online stattfinden, werden sich im Jahr 2020 25 Mio. Patienten online mit ihrem Arzt treffen.

Die kontinuierliche Betreuung von Patienten – seien es Diabetiker oder Schwangere – wird über sogenannte mobile HealthCompanions erfolgen. HealthCompanions kombinieren elektronische Patientenakten, medizinische Expertensysteme und Patiententagebücher. Ein gutes Beispiel ist das Startup OneLife. Hier können Schwangere via App ihren Tagesablauf dokumentieren, werden aktiv nach möglichen Problemen befragt und ein Algorithmus auf der Basis der medizinischen Leitlinien gibt Tipps und identifiziert mögliche Risiken.

Das Ganze wird angebunden an Arzt, Hebamme und die Geburtsklinik. Das ist gute Medizin im Closed Loop. Für Diabetiker steht mit mySugr ein HealthCompanion für Diabetiker bereit. Im Jahr 2020 werden chronisch kranke Patienten regelhaft per App versorgt werden. Wohlgemerkt: Apps, die alle als Medizinprodukt zertifiziert sein werden.

Die Königsdisziplin der Internetmedizin ist die vollständig digitale Therapie. Das Startup Caterna bietet die weltweit erste “App-auf-Rezept”. Eine nur über das Internet erhältliche Therapie für Kinder mit einer Amblyopie – also einer Sehbehinderung-, die von einem Augenarzt verschrieben werden muss und mittlerweile von verschiedenen Krankenkassen bezahlt wird.

Und die Therapie funktioniert so: Die Kinder sitzen zuhause vor einem Computerbildschirm und spielen einfache Computerspiele. Während sie dies tun, laufen im Hintergrund des Bildschirms wellenförmige sogenannte Sinusoidal-Muster ab, die über viele Jahre an der Universität Dresden erforscht und entwickelt wurden. Diese Muster wirken direkt im Gehirn der Kinder und sollen dazu führen, dass die Kinder ihr Sehvermögen schneller wiedererlangen als mit der Standardtherapie.

Ein anderes Beispiel bietet Tinnitracks mit einer digitalen Therapie für Patienten mit Tinnitus. Im Jahr 2020 werden wir auf die Frage, wo wir behandelt werden nicht nur sagen “im Krankenhaus” oder “in der Arztpraxis”. Dann wird das Internet als Behandlungsort nicht mehr ungewöhnlich sein.

VWheute: Welche Hausaufgaben müssen Stakeholder wie Versicherer, Ärzte und Patienten noch machen bis dahin?

Markus Müschenich: Die Krankenkassen bezahlen mittlerweile zumindest vereinzelt die Medizin via Internet. Hier ist der Damm gebrochen. Und auch die Ärzteschaft hat Ihre Blockadehaltung aufgegeben. Die Bundesärztekammer hat sich sogar dazu bekannt, dass Medizin via Internet besser sein kann als die herkömmliche Medizin. Das ist großartig. Die Krankenhäuser machen sich langsam auf den Weg in Richtung Internetmedizin.

Ich glaube die Stakeholder des deutschen Gesundheitswesens haben verstanden, dass es kein zurück mehr gibt. Die Patienten wollen die vernetzte Medizin und wählen sich ihre Ärzte, Krankenhäuser und Krankenkassen danach aus, ob diese die Innovationen unterstützen bzw. bezahlen. Wer nicht vom Gesundheitsmarkt verschwinden will, ist gut beraten, aktiv in das neue Zeitalter der Internetmedizin einzutreten.

VWheute: Was braucht es von der Politik?

Markus Müschenich: Die Politik hat mit dem eHealth-Gesetz einen Versuch gestartet, die regulatorischen Rahmenbedingungen anzupassen. Leider repräsentiert das Gesetz einen technischen sehr veralteten Stand und berücksichtigt beispielsweise nicht die Möglichkeiten der mobilen Kommunikation, die heute (s.o.) schon möglich sind. Auch hat die Politik möglicherweise nicht verstanden, dass Internetmedizin nicht an Landesgrenzen halt macht. Unser Gesundheitswesen tritt mit der Internetmedizin in den globalen Gesundheitsmarkt und damit auch in den globalen Wettbewerb um den Patienten und Versicherten ein.

Die Mayo Clinic in Rochester/USA plant im Jahr 2020 über den Einsatz mobiler Gesundheitstechnologien und in Kooperation mit Apple 200 Mio. Patienten zu behandeln. Damit ist klar, dass diese Patienten auch in Europa behandelt werden. Dieser globale Wettbewerb der nahen Zukunft braucht auch eine neue politische Antwort und Begleitung.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Rafael Kurz.

Bild: Markus Müschenich ist Vorstand des Bundesverbandes Internetmedizin und Managing Partner von FLYING HEALTH-die Startupmanufaktur, Berlin. (Quelle: privat)

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