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“Nur die wenigsten haben ein klares strategisches Zielbild”

15.07.2015 – Dietmar_Kottmann_Oliver_WymanDie fortschreitende Digitalisierung fordert die etablierten Geschäftsmodelle der Versicherer hinaus, erklärt Dietmar Kottmann, Partner in der Praxisgruppe Versicherungen bei Oliver Wyman, im Interview mit VWheute. Er bemängelt, dass nur die wenigsten Versicherer ein klares strategisches Zielbild für ihre digitale Transformation haben.

VWheute: Wie sieht das Versicherungsunternehmen der Zukunft aus?

Kottmann: Fest steht bereits heute, dass die Informationsverarbeitung als Kernfunktion von Versicherern durch die Digitalisierung effizienter werden wird. Darunter fallen Bereiche wie der Risikoausgleich im Kollektiv und der Betrieb. Die offene Frage ist, wie die verschiedenen Vertriebswege und Zugänge zum Kunden aussehen werden und wie viel Umsatz Versicherer durch “Stand-Alone”-Produkte machen werden, in Anbetracht der Entwicklung, dass Versicherungsdienstleistungen zu einem natürlichen Bestandteil umfassender digitaler Produkte und Dienstleistungen werden.

VWheute: Mit welchen Strategien gestalten Versicherer die digitale Transformation?

Kottmann: Einige reagieren noch punktuell auf externe Änderungen wie Kundenverhalten oder die Rolle von Internetmaklern wie Check 24. Andere haben sich digitale Zielbilder geschaffen und daraus Maßnahmen abgeleitet. Allerdings sind auch diese Zielbilder heute noch an vielen Stellen evolutionär an den unmittelbaren Notwendigkeiten wie Self-Service oder Interaktionsbedürfnisse der Vertriebe ausgerichtet. Somit sind sie stark durch den vermehrten Einsatz digitaler “Features” geprägt. Nur die wenigsten haben darüber hinaus ein klares strategisches Zielbild.

VWheute: In welchen Bereichen muss es die meisten Veränderungen geben, wenn man als Unternehmen zukunftsfähig bleiben möchte?

Kottmann: Einigkeit herrscht über die Notwendigkeit, die heutigen Vertriebe zu digitalisieren und digitale Kanäle zu nutzen. Das beinhaltet bereits umfassende Veränderungsprogramme. Im Bereich Produkte gibt es darüber hinaus zunehmend Aktivitäten, etwa jüngst durch die wachsende Aufmerksamkeit zum “Internet of Things”, die unter Stichworten wie Telematik oder Domotik getrieben werden. In meinen Augen werden die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Betriebe noch zu sehr auf die IT fokussiert. So werden weiterreichende Implikationen wie die zunehmende Möglichkeit der Automatisierung wissensbasierter Aufgaben oder die Digitalisierung der Supply-Chain unterschätzt. Auch komplett neue Geschäftsmodelle, wie die Rolle von Versicherungen in digitalen Ökosystemen, spielen oft noch eine zu kleine Rolle.

VWheute: Was sind die größten Herausforderungen bei der Umsetzung von Digitalstrategien und IT-Optimierung?

Kottmann: Entscheidend ist es, die strategische Bedeutung der Digitalisierung über die heutige oft begrenzte wirtschaftliche Bedeutung hinaus richtig zu würdigen. Dazu müssen die Unternehmen hinreichend Ressourcen zur Verfügung stellen, sich ein klares und machbares Ziel setzen und dies nachhaltig verfolgen. Daran scheitert es heute noch oft, vor allem, wenn nur einzelne Entscheidungsträger hinreichend weit denken, die Ziele ohne die anderen aber nicht erreichen können.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteurin Julia Kolhagen.

Bild: Dietmar Kottmann (Quelle: Oliver Wyman)

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