Versicherungswirtschaft-heute

          Mobilversion

 

- Anzeige -

Teurer Medizinfortschritt, explodierende Prämien

15.09.2014 – medizinrechtstag_petry_manbrues_150Beim 15. Deutschen Medizinrechtstag in Berlin ging es unter anderem auch um das Thema Haftpflichtversicherung bei schweren und schwersten Personenschäden. Die jüngsten Diskussionen über die Haftpflichtsituation von Hebammen haben die Problematik in den Blick der Öffentlichkeit gerückt. Dank des medizinischen Fortschritts haben heute auch schwerst behinderte Menschen die Chancen auf ein langes Leben. Auf der anderen Seite explodieren die damit verbundenen Kosten und in der Folge die Haftpflichtprämien.

Nach Einschätzung des Geschäftsführers des Spezialmaklers Ecclesia Versicherungsdienst GmbH, Franz-Michael Petry, hat sich die Gesundheitswirtschaft zu einer „Hochrisikobranche“ entwickelt, wobei immer weniger Versicherer bereit seien, diese Risiken zu zeichnen. „Es sind nur noch fünf bis sechs Versicherer am Markt“, sagte Petry. Krankenhäuser müssten Prämienerhöhungen von bis zu 50 Prozent verkraften und bei Neuverträgen sei mit Aufschlägen von bis zu 100 Prozent zu rechnen. Eine ähnliche Entwicklung zeichne sich bei der Berufshaftpflichtversicherung für Ärzte ab. Auf der anderen Seite zeige sich bei den schweren Schadenfällen, dass die Folgekosten immer weiter anstiegen. Eine Deckungssumme von fünf Mio. Euro je Fall sei nicht mehr ausreichend; er empfehle eine Deckung von bis zu 15 Mio. Euro. Wollten Krankenhäuser die damit verbundenen extremen Prämiensteigerungen vermeiden, dann müssten sie einen sehr hohen Selbstbehalt eingehen oder sich auf geringere Deckungssummen einlassen.

Petry machte die Problematik der Großschäden an einigen Beispielen deutlich, wobei diese auch nach 20 Jahren noch nicht vollständig abgerechnet sind. Betrachte man die Schadenentwicklung im Heilwesen im Zeitraum 1996 bis 2006 dann habe der Schadenaufwand in 98,8 Prozent aller Fälle bis maximal 200.000 Euro betragen, sagte Petry. In nur 1,2 Prozent der Fälle sei diese Summe übertroffen worden. Schaut man aber auf die Verteilung des Schadenaufwands, dann entfallen 64 Prozent auf diese kleine Gruppe von 1,2 Prozent. Diese Diskrepanz wird auch deutlich, wenn man sich die Schadensmeldungen der Jahre 1987 bis 2006 anschaut. Insgesamt gab es knapp 75.000 Meldungen und davon machten die schwersten 100 Fälle 0,1 Prozent aus. Diese hatten aber zugleich am Gesamtschadenaufwand von 835 Mio. Euro einen Anteil von 230 Mio. Euro oder 27,6 Prozent. Und in den Blickpunkt rückt dabei wiederum die Geburtshilfe. Allein 66 der 100 schwersten Fälle fielen auf Schäden bei der Geburt. In der weiteren Häufung folgen dann sieben Fälle in der Kinderheilkunde (Pädiatrie) und in sechs Fälle in die „schneidende Medizin“ (Chirurgie).

Petry, aber auch der auf die Regulierung von Geburtsschäden spezialisierte Fachanwalt Jürgen Korioth, machten an Einzelfällen deutlich, dass es bei schweren Fällen leicht zu Schadensummen von fünf Mio. Euro kommen kann, wenn alle Teilaspekte berücksichtigt werden. So haben Gerichte etwa die Höhe des Schmerzensgelds stetig nach oben angepasst. Dieses habe sich heute bei 500.000 Euro eingependelt, sagte Korioth, der sich Kapitalabfindungen für seine Mandanten gegenüber skeptisch äußerte. Eine Einmalzahlung ist eine Wette auf die Lebenserwartung. Diskutiert wurden auf der Tagung auch Lösungsansätze, wie man vor allem auf der Kostenseite den Druck nehmen kann. So könnten etwa die Krankenkassen, die ja in Vorleistung treten, auf ihre Regressansprüche verzichten – das wurde von Anja Mertens vom AOK-Bundesverband als systemwidrig kategorisch abgelehnt. Professor Dieter Hart warb für sein Modell eines vor allem staatlich finanzierten Patientenentschädigungsfonds, der aber politisch kaum realisierbar sein dürfte. Mit Blick auf die gravierenden Probleme bei der Geburtshilfe sagte Petry, die Risikokosten einer Geburt lägen bei rund 350 Euro. Bei knapp 700.000 Geburten im Jahr wäre dann eine Schadendeckung gegeben. „Aber wer soll das bezahlen?“, fragte Petry. (brs) 

Bild: Franz-Michael Petry, Geschäftsführer des Spezialmaklers Ecclesia Versicherungsdienst GmbH. (Quelle: brs)

- Anzeige -
- Anzeige -
- Anzeige -

 

VVW | Kontakt | AGB | Datenschutzerklärung | Impressum | Mediadaten