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„Das Modell Kfz-Versicherung ist in Gefahr“

29.09.2016 – Andrej_Cacilo_Frauenhofer Institut Es ist nur noch eine Frage der Zeit, wann die ersten Autos autonom durch Deutschland fahren werden – besonders, weil die deutsche Automobilindustrie in diesem Bereich technisch eine Führungsposition einnimmt. Doch wann wird es soweit sein und welche Auswirkungen hat es auf die Versicherungswirtschaft? VWheute hat mit einem Experten im Bereich Technologieinnovationen und mobiles Fahren gesprochen: Andrej Cacilo vom Frauenhofer Institut. In der aktuellen Ausgabe des Beratermagzins Value (4/2016) finden Sie einen ausführlichen Artikel zum Thema autonomes Fahren.

VWheute: Wann fahren die ersten Autos fahrerlos durch Deutschland?

Andrej Cacilo: Man muss differenzieren. Der nächste Schritt ist das hochautomatisierte Fahren, das uns bereits in zwei bis vier Jahren erwartet. Die Funktion wird zunächst auf Autobahnen beschränkt sein. Dem Fahrer wird es dabei erstmals erlaubt sein, während der Fahrt Nebentätigkeiten nachzugehen, beispielsweise E-Mails zu schreiben, zu lesen oder sich zu entspannen. Er bleibt aber im Kreislauf, das heißt. stößt das System absehbar an seine Grenzen, muss der Fahrer das Fahrzeug innerhalb einer zeitlichen Vorgabe wieder übernehmen. Das autonome Fahren bedeutet hingegen, dass der Fahrer gänzlich zum Passagier wird und das Fahrzeug über gar keine Bedienelemente (Pedale, Lenkrad) mehr verfügt. Das wird erst deutlich später der Fall sein – erste Anwendungen im Realbetrieb sind ab 2025 denkbar. Diese Anwendungen werden aber vermutlich dort eingesetzt, wo die Umgebungs- und Straßenbedingungen einfach sind und sicherlich zunächst eine Reihe von Beschränkungen (Stadtzonen, Geschwindigkeiten etc.) aufweisen. Die derzeit laufenden internationalen Testfahrten zeigen jedoch, dass es im komplexen urbanen Umfeld noch sehr viele Entwicklungsherausforderungen auf dem Weg dahin zu meistern gibt.

VWheute: Autonomes Fahren wird wohl geringere Unfallzahlen bedeuten – ist das Modell der Kfz-Versicherung in Gefahr und wie sollten die Versicherer heute schon reagieren?

Andrej Cacilo: Ja, langfristig ist das heutige Geschäftsmodell der Kfz-Versicherung in Gefahr. Allerdings wird der zeitliche Verlauf der Effekte häufig überschätzt. Wenn ab 2018, 2019 hochautomatisierte Fahrzeuge auf den Markt kommen, dann werden diese zunächst von der Oberklasse in den Markt diffundieren müssen. Zudem decken die Systeme nur die Fahrt auf Autobahnen und bestenfalls autobahnähnlichen Straßen ab. Also nur einen einstelligen Bereich der Unfälle mit Personenschaden. Hinzu kommt: Ein großer Teil der Autobahn-Unfälle passiert außerhalb der Systemgrenzen der hochautomatisierten Fahrzeuge, das heißt. der Mensch wird in diesen Situationen weiterhin fahren. Allerdings sollen diese Relativierungen nicht negieren, dass es langfristig zu einem Strukturwandel der Kfz-Versicherung kommen wird. Daher ist es aus Sicht der Versicherungen nötig, das Thema „automatisiertes Fahren“ offensiv anzugehen, um a) eine starke Wettbewerbsposition im Markt der automatisierten Fahrzeuge aufzubauen und b) neue Geschäftsfelder erschließen zu können. Die Rolle und (Daten-)Zugriffsmöglichkeiten der Versicherungen sind derzeit noch nicht abschließend definiert.

VWheute: Die Integration autonomer Fahrzeuge könnte den Absatz von KFZ senken, wie reagiert der Autostandort Deutschland darauf – insbesondere die Versicherer?

Andrej Cacilo: Die Automobilindustrie reagiert, indem sie nicht nur am bestehenden festhält, sondern versucht, die sich neu aufbauenden Märkte Inhouse oder durch Kooperationen mitzugestalten. Hierzu zählen insbesondere flexible Sharing-Konzepte oder Ridehailing-Angebote, die in den nächsten Jahren durch automatisiertes Fahren völlig verändert werden. Wie die Automobilindustrie insgesamt, wird sich auch die Kfz-Versicherung in den nächsten Jahren und Jahrzehnten neu erfinden. Nun schlägt die Stunde des Business Development.

VWheute: Glauben Sie, dass der Deutsche, der Autofahren liebt, sich mit einem langsamen und selbstfahrenden Auto anfreunden kann, dass er nicht mehr selbst beeinflussen kann?

Andrej Cacilo: Das halte ich für eine Generationenfrage. Das Auto hat bereits heute bei jungen Käuferschichten in urbanen Räumen an Relevanz verloren. Jüngere Altersgruppen weisen zudem ein besonders großes Interesse an autonomen Fahrzeugen und eine hohe Zahlungsbereitschaft für die Nutzungsmöglichkeit der damit einhergehenden „Zeit“ auf. Bedenkt man, dass sich autonome Systeme nicht ab morgen, sondern eher in 10-20 Jahren sukzessive im Markt ausbreiten werden, erwartet ich eine größtenteils und in wachsendem Maße aufgeschlossene Bevölkerung. Der „klassische“ deutsche Autofahrer wird zudem in den nächsten Jahren mit hochautomatisierten Fahrfunktionen an autonomes Fahren „herangeführt“.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Maximilian Volz.

Andrej Cacilo arbeitet am Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) im Bereich Mobility Innovation. Der Betriebswirt beschäftigt sich unter anderem mit der Implementierung und den systemischen Folgen von Technologieinnovationen im Bereich Mobilität Er leitete Forschungsprojekte und ist Autor zahlreicher Fachartikel.

Bild: Andrej Cacilo (Quelle: Andrej Cacilo)

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