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Bräuchle: Mittelalterliche Burg schützt nicht vor Hackern

06.12.2016 – braeuchle1Die aktuellen Cyberpolicen am Markt sind derzeit bei den Wordings sehr weit entwickelt. Allerdings konzipiere jeder Versicherer “sein Wording sehr individuell. Das macht die Situation für Kunden unübersichtlich”, kritisiert Georg Bräuchle, Geschäftsführer bei Marsh Deutschland, gegenüber VWheute. Auch der Deckungsumfang beim Diebstahl des geistigen Eigentums sei unterentwickelt.

VWheute: Das Thema Versicherung und Internet gehört derzeit zu den Dauerbrennern in der Versicherungsbranche. Wie kundenorientiert sind die Cyberpolicen eigentlich derzeit gestaltet? Sind diese wirklich nah am Kunden?

Georg Bräuchle: Grundsätzlich haben sich die Cyber-Wordings sehr weit entwickelt. Insofern kann man diese eher allgemeine Frage – mit gewissen Einschränkungen – mit Ja beantworten. Beim Deckungsumfang sind derzeit noch der Schutz bzw. der Diebstahl geistigen Eigentums sehr unterentwickelt. Dies geschieht zwar häufig, wird aber vom Bestohlenen – insofern man hier überhaupt von Diebstahl reden kann – oft gar nicht bemerkt. Dieser Tatbestand ist versicherungstechnisch schwierig zu kalkulieren, aber die Kunden würden sich hier noch mehr wünschen.

Darüber hinaus ist die fehlende Transparenz über die Policen sehr lästig. Jeder Versicherer konzipiert sein Wording sehr individuell. Das macht die Situation für Kunden unübersichtlich.

VWheute: Nehmen wir ein aktuelles Beispiel: Rund 900.000 Kunden der Telekom waren kürzlich von einem Hackerangriff betroffen. Im April dieses Jahres kam eine Studie zu dem Schluss, dass ein Hackerangriff im Durchschnitt 795.000 Euro kostet. Wie bewerten Sie eine solche Aussage? Lassen sich die Kosten überhaupt kalkulieren?

Georg Bräuchle: Eine solche pauschale Aussage kann ich nicht nachvollziehen. Die Schäden sind je nach Geschäftsmodell des betroffenen Unternehmens extrem unterschiedlich. Für einen Online-Händler entsteht beispielsweise ein ganz anderer Schaden als für ein Produktionsunternehmen. Dies kann man in keiner Weise miteinander vergleichen. Für Privatpersonen ist in diesem Fall wahrscheinlich gar kein materieller Schaden entstanden.

Die Frage bei diesen Unterbrechungen ist: Worin liegt der Schaden? Kann ich die entgangenen Umsätze in den nächsten Tagen nachholen? Auch bei einem Online-Shop gehen nicht alle Kunden sofort zur Konkurrenz, sondern tätigen ihren Kauf eventuell in den nachfolgenden Tagen.

Als Online-Händler können Sie hier zwar durchaus Ansprüche geltend machen, doch wird der Versicherer fragen, welche Umsätze Sie dann in den folgenden Tagen erzielt haben und ob der Umsatz wieder ein Stück weit nachgeholt wurde. Es geht darum zu prüfen, wie hoch der Schaden – also der entgangene Umsatz – tatsächlich ist.

VWheute: Kurzer Blick in die Zukunft: Welche Herausforderungen und Lösungsansätze sehen Sie für die deutsche Wirtschaft angesichts der digitalen Bedrohung?

Georg Bräuchle: Es gibt in der Industrie seit geraumer Zeit den Ansatz, dass man sich von der “Firewall-Philosophie” verabschiedet, die im Grunde auf das Prinzip einer mittelalterlichen Burg zurückgeht. Man baut eine Mauer um die Burg und wenn die nicht reicht, wird eine zweite Mauer gebaut. Aber eine Lücke findet der Angreifer dann dennoch.

Unternehmen nutzen heute sehr viel stärker die Möglichkeiten der Verschlüsselungstechnologie, die mittlerweile technisch sehr weit fortgeschritten ist. Die großen Datenmengen werden in kleinere Einheiten segmentiert und in sich geschlossene Bereiche geschaffen.

Ganz gut lässt sich das bereits an Beispielen der Industrie 4.0 sehen. Wenn es einem Angreifer gelingt, in einen dieser Bereiche einzudringen, weil er die Verschlüsselung geknackt hat, dann ist er noch lange nicht im nächsten. Dies kann man sich wie kleine Informationscontainer vorstellen: Der Eindringling bricht einen auf, aber er ist damit nicht in der ganzen Halle und kann alles ausräumen. Verschlüsselungstechnologien sind also ein Weg, den die Industrie inzwischen zum großen Teil geht, um den Schaden möglichst zu minimieren.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Tobias Daniel.

Bild: Georg Bräuchle, Geschäftsführer und Chief Market Officer bei Marsh Deutschland (Quelle: Marsh)

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