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Betrugsbekämpfung: “Daten sind nicht immer relevant”

03.09.2015 – michael_weydeMan kann “nicht allgemein beantworten, welche Daten eine Relevanz für die Betrugsbekämpfung haben”, sagt Michael Weyde, Geschäftsführer von Priester & Weyde Ingenieur- und Kfz-Sachverständigenbüro, im Exklusiv-Interview mit VWheute. Aufdecken könne man eine Täuschung nur, “wenn man Wissen oder sicherere Annahmen hat, die sich mit den Angaben des Täuschenden nicht in Einklang bringen lassen”.

VWheute: Welche Daten mit Relevanz für die Betrugsbekämpfung werden denn so in modernen Kfz erhoben?

Michael Weyde: Erfasst werden einerseits Fahrdaten und anderseits fahrzeugspezifische Daten, aber auch Umgebungsdaten, wie z.B. die Außentemperatur. Diese Daten werden an verschiedenen Stellen gespeichert, z.B. im Schlüssel eines Autos. Fahrdaten werden hingegen in den Steuergeräten für den Air-Bag, aber auch in den Steuergeräten für Bremse bzw. ABS und ESP sowie im Automatikgetriebe und dem Motorsteuergerät gespeichert. Welche Daten in welchen Fahrzeugen gespeichert werden ist sehr unterschiedlich, nach Fahrzeughersteller, Modell und ggf. auch konkretem Baujahr sowie Auslieferungsland.

Somit kann man auch nicht allgemein beantworten, welche Daten eine Relevanz für die Betrugsbekämpfung haben. Grundsätzlich gilt, dass es sich beim Betrug um eine Täuschung handelt, die begangen wird, um sich oder einem Dritten einen finanziellen Vorteil zu verschaffen. Das Aufdecken einer Täuschung gelingt nur, wenn man Wissen oder sicherere Annahmen hat, die sich mit den Angaben des Täuschenden nicht in Einklang bringen lassen.

Solche Widersprüche aufzudecken kann z.B. gelingen, wenn aus den Airbag-Daten hervorgeht, dass der Unfall zu einem ganz anderen Zeitpunkt stattfand oder dass der Motor im Moment des Anstoßes gar nicht in Betrieb war, aber das Gegenteil behauptet wurde. Auch die in Fahrzeugschlüsseln ggf. hinterlegten Daten wie Kilometerstand, Öl-, Wasser und/oder Außentemperatur, sowie letzte Nutzung des Fahrzeuges mit dem konkreten Schlüssel können bei der Bewertung von Fahrzeugdiebstählen und zur Abgrenzung von fingierten Ereignissen verwendet werden und eine Aufklärung bringen, die ohne solche Daten niemals möglich wäre.

VWheute: “Wir kennen jeden Autofahrer, der die Verkehrsregeln bricht”, hat jüngst Ford-Europa-Chef Jim Farley gesagt. Welchen Einfluss werden Blackboxes und Co. auf die Arbeit von Gutachtern haben? Werden diese gar arbeitslos?

Michael Weyde: Die Rekonstruktion von Unfällen wird präziser. Dadurch wird es zu einer Erhöhung der Rechtssicherheit kommen. Alle Daten bedürfen der Auswertung und auch der Interpretation, daher wird es auch weiterhin Gutachter im Verkehrsbereich geben, aber deren Tätigkeit wird sich sehr verändern.

VWheute: Welche Hürden gibt es in der Nutzung von Fahrzeugdaten zu überwinden?

Michael Weyde: Die vollständige Bereitstellung der Daten durch die Fahrzeughersteller muss gesichert sein, damit die Kräfte ausgeglichen sind. Es kann nicht sein, dass die Fahrzeughersteller Daten speichern und dem Kunden bzw. auch den Strafverfolgungsbehörden vorenthalten. Hierzu sind zum Teil auch juristische Rahmenbedingungen zu klären bzw. in Europa einheitlich zu regeln.

VWheute: Welche Perspektiven sehen Sie hier für die Versicherungswirtschaft mit Blick beispielsweise auf Typ- und Regionalklassen?

Michael Weyde: Anhand von Fahrzeugdaten kann eine Bewertung (Scoring) des individuellen Fahrverhaltens erfolgen. Hierdurch ist es möglich, das Unfallrisiko individuell zu bestimmen. Dabei bedarf es aber geeigneter Scoring-Modelle, sonst wird es nämlich keineswegs zu einer “gerechteren” Risikobewertung kommen. Grundsätzlich wird sich durch Fahrzeugdaten in Zukunft eine Erhöhung der Rechtssicherheit einstellen, weil bewusst oder unbewusst gemachte falsche Angaben zum Schadenhergang aufgedeckt werden können.

Dadurch wird es zwar nicht zwingend zu einer Kostenreduktion bei den Sachschadenleistungen kommen, aber die Kosten der Rechtsverfolgung können deutlich niedriger werden. Insbesondere Rechtsschutzversicherer können hier eine sinnvollere Bewertung der Erfolgsaussichten von Prozessen vornehmen und werden von der Kostenreduktion bei der Rechtsverfolgung profitieren. Last not least werden Betrugstaten im Kfz-Bereich schwieriger zu begehen bzw. leichter nachzuweisen sein, so dass mit einer erheblichen Reduktion derartiger Fälle und den damit verbundenen Kosten zu rechnen ist.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Rafael Kurz.

Bild: Michael Weyde Michael Weyde ist Geschäftsführer von Priester & Weyde Ingenieur- und Kfz-Sachverständigenbüro und hat gestern seine Thesen bei der K-Tagung von Scor und Meyerthole Siems Kohlruss in Köln vorgetragen. (Quelle: privat)

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