Aktuelles System zwingt zu unsinnigen Handlungen

16.11.2015 – Schneemeier_DAVDie politische Agenda hat Wilhelm Schneemeier, Vorsitzender der Deutschen Aktuarvereinigung, für die Herbsttagung parat: es geht um die Verlangsamung beim Aufbau der Zinszusatzreserve, den Erhalt des Garantiezinses in Leben sowie die Vermeidung von Beitragssprüngen in der PKV. Im Interview mit VWheute geht er in die Details.

VWheute: Das Themenspektrum Ihrer Herbsttagung reicht von Herausforderungen der Lebensversicherung inkl. neuer Produkte bis hin zu Möglichkeiten von Big Data im Versicherungskontext: Wo können Sie mit der DAV Akzente für die Branche setzen?

Wilhelm Schneemeier: „Die Aufgabe der Aktuare ist es, langfristig ein solide kalkuliertes Versicherungssystem zu garantieren – und das in allen Sparten. Von daher arbeiten wir intensiv an Vorschlägen, den Aufbau der Zinszusatzreserve zu verlangsamen, da das aktuelle System auch weitsichtig handelnde Unternehmen in den kommenden Jahren zu ökonomisch unsinnigen Handlungen zwingen könnte. Darüber hinaus steht die Zukunft des Höchstrechnungszinses im Fokus unserer Kommunikation. Wir hoffen, dass das Bundesfinanzministerium das bewährte Höchstrechnungszinsregime auch in Zukunft beibehält. Ansonsten droht ein Wettbewerb bei den Rentengarantien, die in allen Sparprodukten aus steuerlichen Gründen enthalten sind – auch in fondsgebundenen.
Des Weiteren setzen wir uns mit den Auswirkungen des Niedrigzinsumfelds auf die Beitragskalkulation in der Privaten Krankenversicherung auseinander und untersuchen, wie extreme Beitragssprünge in der PKV abgemildert werden können. Hierzu haben die entsprechenden DAV-Gremien in den vergangenen Monaten bereits Vorschläge präsentiert und werden auch in der Zukunft entsprechende Initiativen anstoßen.“

VWheute: Bei welchen Themen erwarten Sie kontroverse Diskussionen?

Wilhelm Schneemeier: „Im Mittelpunkt der Herbsttagung stehen der Informationsaustausch und die Weiterbildung der Mitglieder. Von daher erwarte ich zwar keine grundlegenden Diskussionen, aber sehr wohl einen regen Austausch zum Beispiel über den weiteren Umgang mit dem Thema Big Data. Eine Arbeitsgruppe der DAV setzt sich mit den Themen rund um Digitalisierung und Big Data seit einiger Zeit auseinander. Diese hat bereits Vorschläge entwickelt, wie die DAV als Institution darauf reagieren soll und wie wir unsere Mitglieder mit entsprechenden Weiterbildungsangeboten unterstützen und künftigen Mitgliedern eine adäquate Ausbildung anbieten können.“

VWheute: Ihre Prognose für 2016: Welche Herausforderungen stehen für die versicherungsmathematische Funktion im Vordergrund?

Wilhelm Schneemeier: „Zunächst einmal sind wir froh, dass Solvency II nach den vielen Jahren der Vorbereitung am 1. Januar 2016 startet und damit auch die Versicherungsmathematische Funktion (VMF) als eine der vier Schlüsselfunktion Einzug hält. Damit können die Aktuare in einer weiteren herausgehobenen Position ihre Expertise als Mittler zwischen Unternehmen und Verbrauchern einbringen. Mit der Einführung der VMF sind zahlreiche Umstrukturierungen verbunden. Somit wird in den ersten Monaten ein Augenmerk darauf liegen, die Zusammenarbeit zwischen der Versicherungsmathematischen Funktion und den Verantwortlichen Aktuaren zu optimieren und eine klare Aufgabenteilung einzuführen – sofern es keine Personalunion zwischen VMF und Verantwortlichem Aktuar gibt. Parallel dazu müssen beide das neue europäische Aufsichtssystem im Echtbetrieb mit Leben füllen – dabei werden sicherlich noch einige Herausforderungen zu Tage treten.“

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Rafael Kurz.

Bild: Wilhelm Schneemeier, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Aktuarvereinigung. (Quelle: DAV)

Link: Herbsttagung der DAV und DGVFM.


© VVW GmbH