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“Warum kaufen Europas Versicherer nicht in Asien zu?”

05.07.2018 – christian_richter_accentureVersicherungs-Start-ups “rocken” derzeit die Branche. Manch digitaler Konkurrent wurde schon für seine Innovationsfreudigkeit in den höchsten Tönen gepriesen. Doch wirklich richtig durchgesetzt hat sich bislang kaum ein Insurtech. Viel Luft um nichts also oder doch mehr Sein als Schein? Insurtech-Experte Christian Richter von Accenture gibt gegenüber VWheute eine exklusive Bestandsaufnahme.

VWheute: Insurtechs werden als Innovationstreiber gepriesen. Richtig durchgesetzt hat sich indes keiner. Wie revolutionär sind Insurtechs wirklich?

Christian Richter: Insurtechs haben einen starken Transformationsimpuls bei den traditionellen Versicherern in Deutschland ausgelöst. Einige Effekte im Markt lassen sich bereits beobachten: Insurtechs der ersten Welle, also Vergleicher und Aggregatoren, haben sich als zusätzlicher Vertriebskanal, vor allem in Konkurrenz zu Privatkunden- und Gewerbegeschäft-Maklern etabliert. Digitale Versicherungsordner, die Insurtechs der zweiten Welle, konnten sich in der Breite nicht durchsetzen. Der Kundenvorteil ist offenbar zu gering, bzw. scheint es zu schwierig zu sein, Vertragsdaten von den Versicherern in einer angemessenen Zeit über Maklermandate zu erhalten.

Insurtechs der dritten Welle, B2BKooperationspartner für Versicherer und Makler, stellen den Versicherern digitale Fähigkeiten unter anderem bei Abschluss-Strecken, Vertragsverwaltung und Schadenbearbeitung zur Verfügung und beschleunigen so die digitale Transformation der mit ihnen kooperierenden Versicherer. Sie ermöglichen ihnen zudem Zugriff auf neue Technologien. Rein digitale Versicherer bilden die Gruppe der Insurtechs der vierten Welle. Diese konkurrieren gerade direkt mit etablierten Versicherern bei einfachen Produkten wie der Kranken- und der Kfz-Policen.

VWheute: Echtes Bedrohungspotenzial scheint von Google und Co. auszugehen.

Christian Richter: Eines ist klar: Die Tech-Riesen werden die Kundenschnittstelle um jeden Preis verteidigen und als Lead-Generator und Vertriebsmöglichkeit nutzen und ausbauen. Darin sind sie sehr gut und setzen daher die Messlatte bei der Kundenerfahrung auch für Versicherer hoch. Die Produkte, die über sie verkauft werden, werden jedoch über White-Label-Kooperationen eingekauft. Eine andere Möglichkeit ist, dass es sich um ein reines Weiterleitungsmodell in Richtung exklusiver Versicherungspartner oder über ein Maklermodell an mehrere Versicherungspartner handelt.

Die dahinter liegenden Verwaltungs- und Schadenprozesse werden entweder komplett digital als Self-Services durch den Versicherten durchgeführt oder aber durch denjenigen Versicherer erledigt, in dessen Bücher das Einzelrisiko vermittelt wurde. Zu Komplettversicherern werden sich unserer Einschätzung nach die Tech-Riesen allerdings nicht entwickeln. Dafür ist das Geschäft zu stark reguliert. Zudem sind die erzielbaren Margen für Produktgeber zu niedrig.

VWheute: Europas Versicherer werden zunehmend mit Übernahmeangriffen aus Asien konfrontiert. Kann man sich dagegen wehren?

Christian Richter: Einen verlässlichen Übernahmeschutz gibt es nicht. Bereits heute sind asiatische Geldgeber bei Versicherern und großen Insurtechs engagiert. Das ist mittlerweile Alltag. Wir schätzen jedoch, dass dies bei Themen mit relevanten Investitionsvolumina wie z.B. industriespezifischen Blockchain-Plattformen noch weiter zunehmen wird. Dies wird auch geschehen, um von den verschiedenen europäischen Versicherungsmodellen, wie es sie etwa in der Krankenversicherung gibt, zu lernen.

Interessant ist eher die Frage, warum es keine intensiveren Engagements europäischer Versicherer in Asien gibt. Denn dies ist ein Markt, in dem die Adaption digitaler Geschäftsmodelle weitaus schneller und tiefgreifender als in Europa fortschreitet. Social Media und Messenger Plattformen fungieren bereits heute als zentrale Kundenplattformen für das alltägliche Retail-Geschäft.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur David Gorr.

Bild: Christian Richter ist Insurtech-Experte und Geschäftsführer von Accenture Strategy. (Quelle: Accenture)

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