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Viele Landwirte wissen nicht, dass Spätfröste versicherbar sind

29.06.2017 – sigmund_pummer_mmaDer Frost im April hat viele Landwirte und Winzer “kalt getroffen”. Allein im Weinanbaugebiet Rheinhessen-Nahe liegt die Ausfallrate zwischen zehn und 95 Prozent. In Brandenburg rechnet man mit dem schlechtesten Kirschenjahr seit der Wende. “Nicht alle Kulturen sind gegen Spätfröste versicherbar”, betont Sigmund Prummer, Münchener und Magdeburger Agrarversicherung, gegenüber VWheute.

VWheute: Martin Heiß, Leiter Schadenaußendienst der Münchener und Magdeburger Agrarversicherung, erklärte im April zum Spätfrost: “Bei Obst sind die Kulturen in der Vollblüte, selbst späte Sorten bei Wein sind schon ausgetrieben. Damit sind die Kulturen besonders empfindlich bei Frost. Aufgrund der nun aufgetretenen Spätfröste ist daher kaum mit ungeschädigten Flächen zu rechnen.” Wie schlimm war den der Aprilfrost, wie entwickelte sich die Fruchtreife und was musste ihr Haus an Schäden erstatten?

Sigmund Prummer: Die Endregulierung der Spätfrostschäden im Wein findet ab Mitte August bis Mitte September statt, kurz vor der Weinlese, um die weiteren Entwicklung der Kulturen nach dem Frost in die Schadenermittlung einfließen lassen zu können. Erst nach der Endregulierung können verbindliche Aussagen zur endgültigen Schadenhöhe getroffen werden.

VWheute: Im April sagten Sie: “Die Versicherung gegen Spätfröste ist leider noch immer relativ selten ein Thema auf den Betrieben, obwohl diese Versicherungsprodukte seit Jahren angeboten werden.” Warum ist das so und aus welchem Grund können sich Obstbauern, Ausnahme Erdbeeren, nicht gegen Frost versichern? Sind diese Bauern auf Glück und im Notfall auf den Staat angewiesen?

Sigmund Prummer: Nach großen Schadenereignissen verzeichnen wir immer wieder eine Zunahme von Versicherungsanfragen. So ist es auch bei den aktuellen Schäden durch Spätfröste. Letztlich gibt es viele Gefahren, die versichert werden können – am Ende ist es immer die betriebsindividuelle Risikoeinschätzung des einzelnen Unternehmers, ob er eine Versicherung kauft. Leider sind Schadenereignisse nicht vorhersehbar. Während letztes Jahr vor allem Schäden durch Starkregen präsent waren, verzeichnen wir dieses Jahr insbesondere Schäden durch Spätfröste und Hagel. Auch Schäden durch die seit vergangenem Herbst anhaltende Trockenheit sind bereits jetzt ein Thema. Vermutlich wissen auch noch nicht alle Landwirte, dass Gefahren wie Spätfröste oder Trockenheit versicherbar sind.

Nicht alle Kulturen sind bei Schäden durch Spätfröste regulierbar, daher sind nicht alle Kulturen gegen Spätfröste versicherbar. Bei Erdbeeren, zum Beispiel, bildet sich aus jeder Blüte eine Frucht. Zerstört Spätfrost die Blüte, ist der Schaden regulierbar – somit können Erdbeeren auch gegen Frost versichert werden. Bei anderen Obstkulturen, wie zum Beispiel bei Äpfeln, wird nicht aus jeder Blüte eine erntereife Frucht. Erfrorene Einzelblüten müssen also nicht in jedem Fall zu tatsächlichen Ertragsverlusten in der Kultur führen. Für die Versicherung bedeutet dies, dass diese Schäden nicht regulierbar sind. Staatliche Nothilfe kann bei “Naturkatastrophen” gewährt werden, sofern der Schaden nicht versicherbar war. Die Spätfröste im Obst wurden zum Teil als unversicherbare Naturkatastrophen eingestuft.

VWheute: Nehmen die Wetterkapriolen, und damit die Schäden, in den letzten Jahren zu, oder ist das ein Ergebnis subjektive Wahrnehmung? Falls dem so ist, was ergibt sich daraus für Kunden und Versicherer?

Sigmund Prummer: Neben den Landwirten nehmen natürlich auch wir als Versicherer die Auswirkungen des Klimawandels wahr. Die Landwirtschaft ist diejenige Branche, die zuerst unter dem Klimawandel leidet, da sie zu 100 Prozent in der Natur produziert. Die extremen Starkniederschläge mit Sturzfluten, wie wir sie letztes Jahr beispielsweise in Simbach am Inn erlebt haben – solche Ereignisse werden immer häufiger und verheerender. Gleichzeitig steigt die Nachfrage nach Versicherungen gegen Trockenheit. Vor rund 20 Jahren hieß es noch, dass es in vielen Regionen Deutschlands zu kalt sei, um Mais anzubauen. Mittlerweile haben wir das Problem, dass viele Kulturen mit Temperaturen von 40 Grad und mehr nicht mehr zurechtkommen. Zudem nehmen aus unserer Erfahrung Schäden durch Wetterextreme wie Spätfröste und Sturm zu. Landwirtschaftsversicherer orientieren sich mit ihrem Produktangebot stark an den Anforderungen, die der Klimawandel mit sich bringt.

VWheute: Wie ist aktuell die Lage der Bauern, stehen weitere Naturgefahren wie Dürre ins Haus oder rechnen sie mit einer ruhigen zweiten Jahreshälfte?

Sigmund Prummer: Wir haben aktuell bereits Dürreschäden in der Mitte und im Westen Deutschlands zu verzeichnen. Grund sind zu geringe Niederschläge, die zu Schäden durch Trockenheit in der Landwirtschaft führen. Die Hauptschadensaison steht noch bevor, wenn es nicht bald zu ergiebigen und flächendeckenden Regenfällen kommt: Getreide und Raps befinden sich gerade in der Kornfüllung. Wenn in diesem Zeitraum keine ausreichende Wasserversorgung sichergestellt ist, kommt es zu massiven Ertragsverlusten.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Maximilian Volz.

Bild: Sigmund Prummer, Schadenvorstand der Münchener und Magdeburger Agrarversicherung (Quelle: MMA)

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