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“Vernetzung stellt bisherige Haftungsgrundlagen in Frage”

12.04.2017 – martin_lohmann_agcsIm Haftpflicht-Schadenfall komme es darauf an, die tatsächliche und rechtliche Verantwortung des Schädigers zu ermitteln und den jeweiligen Versicherungsnehmer gegen unberechtigte Ansprüche zu verteidigen, erklärt Michael Hohmann von Allianz Global Corporate & Specialty (AGCS) im Exklusivinterview mit VWheute. Die Vernetzung allerdings erhöhe den Komplexitätsgrad von Risiken und Schadenfällen. Versicherer müssten nun spartenübergreifende Lösungen finden.

VWheute: Im Rahmen des aktuellen AGCS-Studie “Global Claims Review Liability in Focus” kommen Sie zu dem Ergebnis, dass die Zahl der Haftungsschäden von über einer Mrd. Euro weiter zugenommen haben. Einen Grund sehen Sie unter anderem in der Klagekultur, die sich von USA auch in Europa/Asien ausbreitet. Wie können Versicherer mit dieser Herausforderung künftig umgehen?

Michael Hohmann: Die Höhe von Haftungsschäden steigt in der Tat kontinuierlich, verursacht durch Wertekonzentrationen, Massenproduktion und auch ein generell steigendes Anspruchsverhalten. Die USA sind und bleiben der größte Haftpflichtmarkt der Welt. Dort gibt es auch die meisten Klagen und immer wieder Rekordzahlungen.

Zwar lässt sich die Situation in den USA nicht unmittelbar auf andere Länder übertragen, doch wir sehen auch in Europa und Asien ein klar wachsendes Anspruchsbewusstsein und im Verbraucherrecht Entwicklungen hin zur Erleichterung von Sammel- oder Musterklageverfahren. Im europäischen Raum nimmt Frankreich eine führende Stellung ein. Dort sehen wir erste Urteile im Sinne einer “Market-Share-Liability”, bei denen mehrere Hersteller quasi anteilsmäßig in Haftung für ein schadhaftes Produkt genommen werden.

Die Bedeutung der Haftpflichtversicherung im Spektrum der betrieblichen Versicherungslösungen hat über die Jahrzehnte kontinuierlich zugenommen. Für das Portfoliomanagement eines Versicherers wird es immer wichtiger, möglichst frühzeitig die kommenden Haftungsrisiken abzuschätzen. Dabei hilft uns das sogenannte Predictive Modeling, also in die Zukunft gerichtete Big-Data-Analysen.

VWheute: Die Sharing Economy macht es den Haftpflichtversicherern ebenfalls nicht einfacher. Dabei gewinnt die “Kultur des Teilens” immer mehr an Bedeutung. Was bedeutet dies konkret für die Versicherer in Bezug auf die künftige Policierung und das Risikomanagement? Sind geteilte Güter überhaupt noch versicherbar?

Michael Hohmann: Entwicklungen wie Sharing Economy, aber auch die allgegenwärtige Vernetzung durch das Internet der Dinge erhöhen in der Tat den Komplexitätsgrad von Risiken und Schadenfällen und können auch bisherige Haftungsgrundlagen in Frage stellen. Stellen Sie sich einfach einen Autounfall vor, in den ein konventionelles Fahrzeug und ein autonomes Fahrzeug eines Car-Sharing-Anbieters involviert sind.

Hier ist die Haftung zwischen einem menschlichen Fahrer, dem Car-Sharing-Anbieter, dem Autohersteller und dessen Systemlieferanten für die künstliche Intelligenz in der Steuerung zu klären. Zunächst muss der Gesetzgeber die rechtlichen Rahmenbedingungen an die neuen Technologien und Geschäftsmodelle anpassen. Als Versicherer sind wir gefragt, passgenaue Lösungen für die sich wandelnden Risiken unserer Kunden zu entwickeln – gleich ob dies nun ein Start-up aus der Sharing Economy ist oder ein sich digitalisierender Industrieriese.

Dazu werden wir sicher künftig noch stärker spartenübergreifende Lösungen finden müssen. Eines bleibt jedoch bestehen: Im Haftpflicht-Schadenfall kommt es immer darauf an, die tatsächliche und rechtliche Verantwortung des konkreten Schädigers zu ermitteln und den jeweiligen Versicherungsnehmer gegen unberechtigte Ansprüche zu verteidigen. Hier ist die Expertise des Industrieversicherers und Kompetenz seiner Mitarbeiter von entscheidender Bedeutung.

VWheute: Umweltrisiken spielen laut der Claims Liability Review eine immer größere Rolle. Jüngstes Beispiel ist die Klage eines peruanischen Bauern gegen den Energiekonzern RWE. Ein weiteres bekanntes Beispiel ist die Erdölförderung von Royal Dutch in Nigeria und deren Folgen für die Umwelt. Was bedeuten solche Fälle für die Versicherer und auf was müssen sich diese Ihrer Einschätzung nach künftig einstellen?

Michael Hohmann: Eine wachsende Sensibilisierung für Umweltbelange und umweltbedingte Beeinträchtigungen der Gesundheit sind Entwicklungen, die wir als Versicherer seit Jahrzehnten begleiten. Auf Seiten der Unternehmen hat sich hier viel getan: Sie investieren in Prävention und achten auf die strikte Einhaltung und sogar Übererfüllung gesetzlicher Auflagen. Viele Umweltemissionen, die in der Vergangenheit Teil der industriellen Produktion waren, entstehen heute gar nicht mehr, zumindest in westlichen Industrieländern.

Aber auch in Ländern Asien wie China oder in Südamerika gewinnt der Umweltschutz einen immer höheren Stellenwert, die Regulierung wird verschärft, Unternehmen werden haftbar gemacht. Sie erinnern sich vielleicht an den Dammbruch in Brasilien 2015, wo das Unternehmen Samarco sich verpflichtet hat, Entschädigungsleistungen von rund 48 Mrd. US-Dollar zu zahlen.

Trotz aller Prävention sind und bleiben solche Unfälle und Störfälle mit teils katastrophalen Umweltfolgen ein Risiko für Unternehmen. Entsprechend sehen immer mehr Unternehmen auch außerhalb Europas den Bedarf für spezielle Umwelthaftpflicht-Versicherungslösungen. Kommt es in Schwellenländern in Asien oder Südamerika zu Schadenfällen, ist das für den Versicherer besonders herausfordernd. Denn das Rechtssystem ist dort noch nicht so berechenbar wie in Europa oder den USA.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Tobias Daniel.

Bild: Michael Hohmann ist Global Head of Liability bei Allianz Global Corporate & Specialty (Quelle: AGCS)

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