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Terror: Europa ist nur Nebenkriegsschauplatz

30.06.2017 – heidbrink_ExtremusEs vergeht kaum noch ein Tag ohne Terroranschlag. Grund genug für die im Talanx-Konzern für das deutsche Rückversicherungsgeschäft verantwortliche E+S Rück Terror zum Thema des diesjährigen 20. Hannover-Forums zu machen. Michael Götschenberg, Journalist und ARD-Experte für Terrorismus im Hauptstadtstudio Berlin, sieht den Islamischen Staat derzeit als bedeutendste Terrororganisation an.

So habe dieser zwar eine große Strahlkraft, stehe allerdings kurz vor dem Zusammenbruch. Dies müsse aber nicht zu seinem Untergang führen. Götschenberg hält eine Kompensation durch eine Vielzahl von Anschlägen in Europa für möglich sowie die Errichtung eines virtuellen Kalifats und die Ausdehnung in andere Länder. Zum Vorteil gerät dem IS, dass seine Anhänger online verbunden sind. Das Thema Terrorismus sei daher für Deutschland nach einem Zusammenbruch des Kalifats also keineswegs durch.

In Deutschland gibt es wie es heißt 670 islamistische Gefährder. Von 930 nach Syrien und Irak Ausgereisten sei ein Drittel zurückgekehrt. 10.000 Personen stark sei die Salafisten-Szene. Ihre Zahl hat sich seit 2011 laut Krause verdreifacht, ist aber auch in ganz Europa enorm gestiegen. Gefahrenpotenzial biete zudem das Einsickern von Dschihadisten über die Balkanroute.

Krause sieht mit Blick auf die neu aufgebrochene Feinschaft zwischen Sunniten und Schiiten, die zuletzt in dem Streit zwischen Saudi-Arabien und Katar gipfelte, eine Parallele zum Dreißigjährigen Krieg. Die arabische Welt sei in der Krise. Es gebe keine dauerhafte staatliche Ordnung, immense Unterschiede zwischen arm und reich, einen riesigen Überschuss von Jugendlichen ohne Berufsperspektiven, die das Potenzial für Radikalisierung darstellten.

Der IS entstand im Irak und läutete mit der Gründung des Kalifats den Durchmarsch ein. Er erhielt massiven Zulauf und hat in 32 Staaten Ableger. Während sich im IS laut Joachim Krause, Direktor des Instituts für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel, “Looser” versammelten, die zu jeder Gewalt bereit sind, seien es bei Al Qaida eher Intelektuelle und reiche Islamisten. Durch den Aufstieg des IS sei das Netzwerk von Al Qaida geschrumpft. Der Kern bestehe nur aus 300 bis 500 Personen.

Großevents im Visier der Terroristen

Die Angriffe des IS in Europa sind nach Krauses Ansicht lediglich Nebenschauplätze, die auf die Zerstörung bürgerlicher Strukturen abzielen. Hauptbetroffener der Anschläge sei der Mittlere Osten. Das könnte sich jedoch ändern. Die größte Gefahr bestehe in Europa für Großveranstaltungen, Infrastruktur (Flughäfen, Einkaufszentren und Verkehrsbetriebe), aber auch für Flugzeuge durch Bodenraketen, Lkw, vollgepumpt mit Sprengstoff. Der Terrorismus lebt laut Götschenberg mit Überraschungsmomenten. Er kann sich als Ziele Kreuzfahrtschiffe, Hotels, aber auch chemische Fabriken und Raffinerien vorstellen. Der Fanatasie seien keine Grenzen gesetzt. Dabei glaubt der ARD-Experte, dass der IS keine Kraft mehr für große Terroranschläge hat, Al Qaida aber wohl. Allerdings könnten sich die Anschläge mit geringeren Schäden häufen.

Um die Bedrohung für Deutschland in Grenzen zu halten, rät Krause, die Entstehung von Parallelwelten wie die Banlieues in Paris oder der Libanesen in Berlin zu verhindern. Der Bau und der Betrieb von Moscheen sollte kontrolliert werden. Es gehe nicht an, dass dies allein Sache der Ditib sei, die auf der Payroll der türkischen AKP stehe. Die Propaganda der Salafisten müsse unterbunden werden. Die Verfügbarkeit von Waffen und Sprengstoff aus Kreisen des organisierten Verbrechens, die in Frankreich viel größer seien als in Deutschland müsse unterbunden werden.

Zu stärken sind nach Ansicht Krauses und Götschenbergs die Sicherheitskräfte und Nachrichtendienste, die große Defizite sowohl in Deutschland als auch in Europa aufwiesen. Eine Polarisierung von Muslimen und Nicht-Muslimen müsse verhindert werden. Als Vorteil für Deutschland wird die Tatsache gesehen, dass Muslime hier besser integriert sind als beispielsweise in Frankreich und Belgien.

Eine Antwort auf die Terrorbedrohung gab der Vorstandschef der Extremus Versicherung-AG, Gerhard Heidbrink. Er bezog sich dabei aber nur auf das industrielle Versicherungsgeschäft. Hier habe sich die Gefährdungslage seit Sommer 2015 verschärft. Er kritisierte aber auch die überzogene Berichterstattung in den Medien und die hektischen politischen Reaktionen, welche die Hysterie beförderten.

Für die Deckung von Sach- und Feuerschäden durch Terror stehen bei der Extremus insgesamt zehn Mrd. Euro zur Verfügung. 2,5 Mrd. Euro tragen die Erst- und Rückversicherer, 7,5 Mrd. Euro der Staat. Die Versicherungsunternehmen tragen allein Schäden bis 25 Millionen Euro. Die Staatsgarantie wurde bis 2019 verlängert. Heidbrink plädiert aber für eine Fortsetzung der Garantie. Der größte Schaden wurde in diesem Jahr durch den Anschlag auf den Mannschaftsbus des BVB verursacht, der wegen der Spielverlegung deutlich mehr als 100 Mio. Euro kosten dürfte. In der Diskussion wurde bemängelt, dass der Staat nicht bereit ist, Risiken deutscher Unternehmen im Ausland zu abzusichern. Dazu gibt es laut Heidbrink aber Gespräche, die auf eine Ausweitung auf internationale Risiken abzielten. (cs)

Bild: Gerhard Heidbrink, Vorstandsvorsitzender von Extremus (Quelle: Extremus)

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