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Sinkende Ogden-Rate: Was deutsche Kunden erwartet

15.12.2017 – HoffmannnnNicht nur in Sachen Brexit läuft es bei der britsichen Regierung chaotisch ab. Nun will London anscheinend auch bei der Ogden-Rate zurückrudern. Die vorgeschriebene Reduzierung des im Fall von Rentenschäden anwendbaren Diskontsatzes auf minus 0,75 Prozent Anfang des Jahres kostete die Assekuranz 3,5 Mrd. Pfund. Was das für deutsche Kunden bedeutet, erklärt Simone Hoffmann.

Ogden-Tabellen sind eine Reihe von standardisierten, auf Statistiken basierenden Tabellen, welche in Großbritannien wesentlich für die Kalkulation und Regulierung von pauschalierten Schadenersatzzahlungen für Personenschäden sind. Damit soll sichergestellt werden, dass eine schwerverletzte (invalide) Person ausreichend finanzielle Sicherheit für ihre künftige Versorgung und einen angemessenen Ersatz für ihren Verdienstausfall erhält. Bei der Berechnung von pauschalen Schadenersatzvergütungen für Personenschäden (Einmalzahlung) wird die Rendite (via Diskontsatz) berücksichtigt, die der Anspruchsteller bei einer vernünftigen und vorsichtigen Kapitalanlage hätte erwarten dürfen. Gem. § 1 Damage Act 1996 wird der Diskontierungszinssatz nicht von den Versicherern, sondern von Seiten der Regierung festgelegt.

Der bisherige Diskontsatz von 2,5 Prozent wurde 2001 festgesetzt und spiegelt die damaligen Rückkaufrenditen indexgebundener Staatsanleihen wider. Seit dem 20. März 2017 wurde er um 3,25 Prozent von 2,5 Plus auf Minus 0,75 Prozent herabgesetzt. Dabei gilt die Veränderung rückwirkend für alle laufenden Schadenersatzansprüche sowie natürlich für neue Schäden.

Die Reduzierung der Rate auf Minus 0,75 Prozent hat zur Folge, dass nachhaltig geschädigte Personen deutlich höhere Entschädigungszahlungen als bisher erhalten. Bestehende Reserven bei laufenden Schadenverhandlungen müssen von den Versicherern aufgestockt werden, um diesen Veränderungen Rechnung zu tragen. Aber es wird sich nicht nur auf dem Rücken der Versicherer abspielen. Diese tiefgreifende Auswirkung auf die Regulierungskosten von Personenschäden werden die Versicherer ihrerseits zukünftig in die Kalkulation ihrer Tarife einfließen lassen, was zu signifikanten Mehrprämien führt. Die gravierendsten Änderungen werden für die üblicherweise lokal platzierten Sparten Kfz-Haftpflicht-Versicherung und die Arbeitgeberhaftpflicht-Versicherung (Employer’s Liability) erwartet. Dabei ist zu beachten, dass der neue Diskontsatz aber durchaus auch Auswirkungen auf die BHV und angeschlossene ProdHV hat, weil auch in diesen Sparten der Personenschaden versichert ist.

Deckungssummen reichen nicht aus

Bei integrierten Programmen sind die Lokalpolicen aber üblicherweise mit nur einer Mio. Euro Deckungssumme versehen, was unter den neuen Vorzeichen mitnichten ausreichen dürfte. Auch bei koordinierten Programmen liegt die Deckungssumme meist nicht über drei Mio. Euro. Die deutschen Masterdeckungen wiederum sind meistens nur mit zehn bis 30 Mio. Euro Limit ausgestattet. Wie man es also wendet, ergibt sich akuter Handlungsbedarf für deutsche Versicherungsnehmer mit Aktivitäten in Großbritannien.

Wie sich die Änderungen konkret auswirken, verdeutlicht das folgende Schadensszenario: Ein 30 Jahre alter Mann wird Opfer eines Verkehrsunfalls. Zum Zeitpunkt des Unfalls hat er jährliche Einnahmen in Höhe von 25.000 Pfund. Seine Verletzungen sind so schwerwiegend, dass er nicht mehr in seinen Beruf zurückkehren kann und für den Rest seines Lebens auf Pflege angewiesen ist. Die Pflegekosten betragen 75.000 Pfund pro Jahr. Die Schadenzahlung möchte der Versicherer unmittelbar nach der Schadenmeldung als einen einmaligen Pauschalbetrag auszahlen. Der zukünftige Finanzbedarf des Opfers wird auf Basis diverser Multiplikatoren berechnet, welche u.a. die Sterblichkeitsrisiken sowie die angenommene zukünftige Verzinsung berücksichtigen. Die pauschale, einmalige Entschädigungssumme für den Versicherungsnehmer liegt seit dem 20. März 2017 damit um 3.534.000 Pfund höher und entspricht einem Anstieg von ca. 127 Prozent.

Tabelle

Wie der Tabelle zu entnehmen ist, muss die Entschädigungsleistung neben dem künftigen Verdienstausfall auch die Kosten für die künftige Pflegedienstleistung umfassen. Kosten, die bei der Berechnung zusätzlich anfallen sind z.B.: Rechtsanwaltskosten, Therapien oder Umbaukosten der Unterkunft. Insofern liegt die tatsächliche Gesamtschadenersatzleistung dieses Schadenszenarios noch höher als aus der Tabelle hervorgeht.

Ist die beschriebene Entwicklung für deutsche Versicherungsnehmer nun belanglos? Wohl eher nicht. Sobald ein deutsches Unternehmen in Großbritannien operativ tätig ist, gelten natürlicherweise auch die dortigen Versicherungsregularien. Nun könnte der ein oder andere Versicherungsnehmer abwinken und auf das Masterprogramm verweisen, dessen Deckungssummen schließlich genügend Sicherheit versprechen. Das ist auch nicht ausgeschlossen, der Regelfall wird es gleichwohl aber nicht sein. Denn einerseits handelt es sich bei den beiden Sparten Kfz- und Arbeitgeberhaftpflicht typischerweise um rein lokal platzierte Deckungen, andererseits sind die Deckungssummen auch in der Masterdeckung meist nicht von ausreichender Höhe.

Die bisherige Rekordsumme für die Entschädigung einer verunfallten Person liegt bei 23 Mio. Pfund – auf Basis des neuen Diskontsatzes würde die Entschädigungssumme auf über 50 Mio. Pfund anwachsen. Vor diesem Hintergrund beschweren sich viele Versicherer bei der Regierung in London. Auch wenn die Ogden-Rate wieder steigt, wird das kaum den Handlungsdruck von vielen deutschen Versicherungsnehmern mit Niederlassungen in Großbritannien nehmen.

Bild: Simone Hoffmann ist Senior Account Manager und Länderverantwortliche für Großbritannien bei Trust Risk Control. (Quelle: Trust Risk Control)

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