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Altersvorsorge: Am Sparzwang führt kein Weg vorbei

02.02.2018 – martin_ehling_unistgallenDeutschland hat in der Altersvorsorge den Anschluss an die internationalen Entwicklungen verloren. Wichtige Reformen wurden verschlafen. Während viele Nachbarländer schon in den 1970er und 1980er Jahren effiziente Drei-Säulen-Modelle aufgebaut haben, ist die kapitalgedeckte Altersvorsorge in Deutschland auf betrieblicher wie auf privater Basis unterentwickelt, schreibt Martin Eling, Professor an der Universität St. Gallen, in der neuen Ausgabe der Versicherungswirtschaft. Was also tun?

Das mehrheitlich umlagefinanzierte Altersvorsorgemodell kommt nun mit dem Renteneintritt der Baby-Boomer-Generation derart unter Druck, dass eines der reichsten Länder der Welt vielen zukünftigen Rentnern kaum noch eine Existenzsicherung in Aussicht stellen kann. Dies mutet für Außenstehende mitunter etwas peinlich an, zumal Deutschland sich zumindest bis heute noch als “soziale Marktwirtschaft” bezeichnet.

Viel zu spät und hilflos wirken die Bemühungen etwa mit der Riester-Rente, die private Altersvorsorge auf die Beine zu stellen. Oftmals bleibt das Gefühl, das sich mancher Politiker immer noch in der Norbert-Blüm-Welt der 1990er-Jahre befinden: “Die Rente ist sicher”, eine Aussage, die sozialpolitisch gefährlich ist. Ökonomisch und sozial widersinnig war auch die Rolle rückwärts zum Rentenalter 63. Denn die Menschen, die sich nun nach 45 Beitragsjahren in den Ruhestand verabschieden, sind in vielen Fällen gerade diejenigen, die der deutsche Arbeitsmarkt so dringend braucht. Stichwort Fachkräftemangel. Anreize länger zu arbeiten, sind kaum vorhanden. Eher das Gegenteil.

Wenn der Staat schon keine Anstrengungen zur Altersvorsorge unternimmt, könnte man wenigstens den Einzelnen in die Lage versetzen, für sich vorzusorgen. Angesichts von Rekordsteuereinnahmen und einer Staatsverschuldung zum Nulltarif gäbe es durchaus Spielraum. Die in den Wahlprogrammen in Aussicht gestellten Senkungen sind vor diesem Hintergrund nicht der Rede Wert und wurden seit der Wahl auch kaum wieder diskutiert. Ein weiterer Punkt, der die Vorsorge erschwert, ist der durch die Nullzinspolitik induzierte raketenhafte Anstieg der Immobilienreise. Galten die eigenen vier Wände über Jahrzehnte als gute Vorsorge, um im Alter keine Miete zu zahlen, braucht ein Durchschnittsverdiener heute in vielen Regionen nicht mehr über den Erwerb einer Immobilie nachzudenken.

Deutschland ist also international abgehängt und sozialpolitisch nicht mit der richtigen Geschwindigkeit unterwegs. Hat der deutsche Sozialstaat noch eine Zukunft, wenn auch der Mittelstand (z.B. aufgrund explodierender Pflegekosten) Gefahr läuft in der Breite in die Sozialhilfe zu fallen. Mehr soziale Ungleichheit wird eines der Kernprobleme der kommenden Jahre sein. Der Aufbau einer ernsthaften Sozialagenda erscheint vor diesem Hintergrund dringend geboten.

Die Trends international sind eigentlich sehr klar. Denn schon heute haben 17 der 35 OECD Länder ein Rentenalter von 67 Jahren oder mehr verabschiedet. Man erkennt an diesem Beispiel sehr gut, wie ungleich anders die Ausgangslage in manchen unserer Nachbarländer ist, so z.B. in der Schweiz. Vor kurzem wurde hier die Angleichung des Rentenalters der Frauen (64 Jahre) auf das Niveau der Männer (65 Jahre) vom Stimmvolk abgelehnt.

Das Rentenalter ist ein echtes Tabuthema. Stattdessen bevorzugen Schweizer mehr einzuzahlen, sei es in der Form höherer Lohnbeiträge oder über höhere Steuern. Dies ist bedauerlich, da die Schweiz mit einer enorm hohen Erwerbsquote bei älteren Arbeitnehmern viel Potential für längeres Arbeiten hätte. Auch Deutschland könnte mit Anreizen für längeres Arbeiten und mehr Flexibilisierung im Renteneintritt gewinnen.

Vor dem Hintergrund der sich anbahnenden Altersarmut scheint auch die Einführung einer gesetzlichen Mindestrente nur eine Frage der Zeit. Schlussendlich sind dies verteilungspolitische Fragen, welche die Politik besser in den heutigen wirtschaftlich guten Zeiten beantworten sollte.

Den vollständigen Beitrag lesen Sie in der aktuellen Ausgabe des Business- und Managementmagazins Versicherungswirtschaft.

Autor: Martin Eling ist Lehrstuhlinhaber und Direktor am Institut für Versicherungswirtschaft an der Universität St. Gallen. (Quelle: Uni St. Gallen)

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