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“Run-offs sorgen für einen Strukturbruch”

02.10.2017 – Weinmann_Hermann - Quelle Hochschule Ludwigshafen Rhein“Durch die Run-offs der Ergo und Generali ist es in der Branche zu einem Strukturbruch gekommen”, sagt Hermann Weinmann von der Hochschule Ludwigshafen. Seine Studie “Die zwölf Top-Lebensversicherer im Vergleich 2017″ in der Zeitschrift für Versicherungswesen zeigt viele interessante Aspekte. VWheute hat die wesentlichen Punkte aufbereitet und den Verfasser um Interpretation gebeten.

Der Erfolg eines Versicherers kann am Rohüberschuss und der daraus abgeleiteten Rohüberschuss-Marge abgelesen werden, das gilt natürlich auch für die zwölf größten Versicherer, die in der Studie untersucht werden. Wenn die These mit dem Rohüberschuss stimmt, steckt die Debeka in Problemen und die Allianz grüßt von oben.

rohueberschuss

Ganz so einfach ist die Sachlage dann aber nicht, wie Weinmann erklärt: “Wenn allein der Referenzzinssatz entscheidend wäre, wäre die Berechnung der Zinszusatzreserve identisch. Durch die neue Möglichkeit des Ansatzes von Storno- und Kapitalisierungs-Wahrscheinlichkeiten sind einige Unternehmen zumindest optisch geschickter vorgegangen, weil sie die Zuführung verringerten. Die Debeka Leben dagegen hat beispielsweise die Dotierung der Zinszusatzreserve massiv erhöht und ihr zu Ungunsten des Rohüberschusses über eine Mrd. Euro zugeführt. Der negative Rohüberschuss führt aktuell zu einer schlechteren Bewertung. Man muss aber auch sehen, die Koblenzer haben eine höhere Vorsorge für die Zukunft betrieben.”

Änderungen in der Bewertung der Zinsen

Die alten Rendite-Kennziffern haben ausgedient. Die Nettoverzinsung und die Durchschnittsverzinsung werden nicht mehr berücksichtigt. Ursächlich dafür ist, dass die Nettoverzinsung durch den Ausgleich auf der Ertragsseite für die Zinszusatzreserve verzerrt wird und auch die laufende Durchschnittsverzinsung außerordentliche Erträge enthält, weil Realisierungen in Spezialfonds als laufende Erträge bei den Lebensversicherern ankommen.

“Ich habe das durch die Ertragskraft ersetzt, die Belastungen durch die Zinszusatzreserve berücksichtigt. Im nächsten Schritt habe ich das Risikoergebnis mit einbezogen. Das Risikoergebnis wird in der Niedrigzinsphase immer wichtiger”, erklärt der LV-Experte, „weil bei negativem Zinsergebnis auch das Risikoergebnis neben dem übrigen Ergebnis als Ausgleich dienen kann.”

Weinmann-Studie 2017_Tabelle  3_Ertragskraft

Die Kosten

Für die Kostenquoten sind große Unterschiede bei den Unternehmen festzustellen.

Weinmann-Studie 2017_Tabelle  5_Betriebskostenquote

Weinmann erläutert: “Bei den Kostenquoten sehe ich die Abschlusskostenquote kritisch. Die Abschlusskosten werden ins Verhältnis zur Beitragssumme des Neugeschäfts gesetzt. Das mag bei Einmalbeitragsgeschäft angehen, aber bei laufenden Verträgen ist die Quote nicht besonders aussagekräftig, weil unterstellt wird, dass diese Verträge bis zum Ende durchgehalten werden. Die Abschlusskostenquoten sind also wegen des unvermeidlichen Stornos geschönt”, betont Weinmann.

“Vielmehr konzentriere ich mich auf die Betriebskostenquote, die Abschlusskosten und Verwaltungskosten eines Jahres zu den Beiträgen des betreffenden Jahres ins Verhältnis setzt. Damit ist nicht der zukünftige, sondern der aktuelle Cashflow berücksichtigt. Der Unterschied in der Betriebskosten-Quote macht bis zu 8,7 Prozentpunkte aus”, erläutert Weinmann.

“In diesem Jahr habe ich noch das Kollektivgeschäft mit einbezogen, denn Versicherer mit einem hohen Anteil an Kollektivgeschäft sind durch geringere Abschlusskosten und kostengünstigere Verwaltungsabläufe begünstigt. Schließlich wurde eine Korrektur um das übrige Ergebnis, in das die Abschluss- und Verwaltungskostenergebnisse hinein laufen, vorgenommen. Wie das Risikoergebnis hat auch das übrige Ergebnis für die Lebensversicherer eine immer größere Bedeutung”, ergänzt er weiter.

Die Solvency-Kennzahlen

Kein Artikel über LV ohne Solvency II. Weinmann zu seiner Herangehensweise bei der Auflistung: “Die Solvabilitäts- bzw. Bedeckungsquoten wurden zunächst ohne Übergangsmaßnahmen und Volatilitätsanpassung aufgenommen. Man sollte aber auch den Unterschied zwischen Eigenkapital und anrechnungsfähigen Eigenmitteln beachten. Denn zu letzteren zählt auch der Überschussfonds, also unter HGB die Teile der Rückstellung für Beitragsrückerstattung (RfB), die noch nicht deklariert sind. Diese sind der Schlussüberschussanteilfonds und die freie RFB. Das bedeutet, dass das kollektive Überschussguthaben der Versicherungsnehmer dazu dient, die Solvabilität der Versicherer zu bewirken”.

Zudem: “Im Falle eines schwachen oder gar negativen Rohüberschusses fehlt ‘Nachschub’ für die RfB. Und bei schwacher Solvabilität außerhalb der RfB ist der Versicherer darauf angewiesen, die RfB im Unternehmen zu halten und wird immer weniger als individuelle Überschussbeteiligung an die Versicherten geben. Ein weiterer Aspekt: Im Ernstfall haften nicht nur die Unternehmensträger, sondern auch das Kollektiv steht ein mit der RfB. Letztendlich zahlen die Versicherungsnehmer dann die Zeche zum Teil selbst. Daher habe ich zusätzlich die Verbraucher-Solvenzquote gerechnet, welche die Eigenmittel um den Überschussfonds bereinigt, und als Kriterium hinzugenommen.”

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Die Zukunft

Gefragt nach seinen Wünschen für die Zukunft lässt Weinmann wissen, dass nach dem “Riesenprojekt Solvency II” dem HGB-Abschluss und den Rechnungslegungsvorschriften wieder mehr Beachtung geschenkt werden sollte, um eine höhere Aussagekraft des HGB-Abschlusses und damit des Geschäftsberichts zu erhalten. Anachronistisch findet er z. B. den Ausweis der Fonds-Lebensversicherung unter “Sonstige Versicherungen”.

Auf der Produktseite wünscht er sich bei der staatlich geförderten Altersvorsorge, insbesondere bei der Riester- und Rürup-Rente, eine bessere Regulierung der Produkte, da diese “massiv mit Steuergeldern” finanziert werden: “Was nützen regulierte und insolvenzsichere Unternehmen, wenn auf der Produktseite ein heilloses Durcheinander herrscht und auch das Ergebnis zu wünschen übrig lässt?”, fragt Weinmann. (vwh/mv)

Bild: Hermann Weinmann (Quelle: Hochschule Ludwigshafen)

Grafikquelle: Hochschule Ludwigshafen

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