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Run-off: Dient Großbritannien als Vorbild?

24.10.2017 – Lebensversicherung_FotoliaVon Michael Mitterer und John Connor. Deutsche Lebensversicherer sehen sich wachsenden finanziellen und regulatorischen Zwängen ausgesetzt und dies insbesondere hinsichtlich ihres passiven Bestandes und haben dabei mehrere Optionen, um auf diese Herausforderungen zu reagieren. Dazu zählen interne Verbesserungsmaßnahmen, Auslagerung bzw. Outsourcing von Prozessen oder der Verkauf von Beständen.

Die Auslagerung von Prozessen wurde bisher durch die Datenschutzgesetzgebung weitgehend verhindert, während die Anzahl der verkauften Bestände gestiegen ist; allerdings umfasst auch diese bisher nur zwei Prozent des Marktes. Die jüngste Änderung des Datenschutzes im Strafgesetzbuch (Paragraf 203) ermöglicht es Business Process Outsourcing-Firmen (BPO-Firmen) nun auch, mit den Käufern von Closed Books (passiven Beständen) zusammenzuarbeiten, um eine umfassende Lösung für die Herausforderung mit diesen Beständen anzubieten.

Die britischen Erfahrungen könnten ein Modell für Deutschland und der Beginn eines wichtigen Markttrends sein, der nach unseren Einschätzungen zu einer Konsolidierung von 14 Millionen “Closed-Book”-Policen bis zum Jahr 2020 führen könnte.

Der deutsche Lebensversicherungsmarkt

Die deutsche Lebensversicherungsbranche weist ein niedriges organisches Wachstum bei den Prämien sowie hohe regulatorische und Solvenz-Herausforderungen auf. Unternehmen kämpfen auch gegen niedrige Investitionserträge und einen hohen Prozentanteil an garantierten Produkten an.

Diese Zwänge wirken sich auf alle Geschäftsfelder aus aber sind besonders deutlich bei den passiven Beständen, deren Verwaltung teurer wird und die ungewollte Investitionen und Fokus des Managements erfordern.

Die Antwort auf Altkundenbestände

Unternehmen, die passive Bestände verwalten, verfügen dabei über mehrere strategische Optionen: sie können versuchen, die Effizienz durch Automatisierung und Robotics zu steigern, doch dies gestaltet sich oft als schwierig, da die Prozesse normalerweise noch nicht produktübergreifend standardisiert sind und daher die kritische Masse an Geschäftsvorfällen (noch) nicht gegeben ist. Alternativ können sie die Verwaltung an Dritte auslagern, was die Kosten effektiver reduzieren und den Service verbessern sollte oder sie können den Bestand an ein anderes Unternehmen verkaufen.

Die Entwicklung der Konsolidierer

Die letztgenannte Option wird immer häufiger genutzt und von 2013 bis heute wurden, bereits sieben Transaktionen abgeschlossen:

  • 2014: Viridium übernimmt 600.000 Policen der Heidelberger Leben – Asset: 5,2 Mrd. Euro
  • 2014: Viridium übernimmt 400.000 Policen der Skandia Leben (CH) – Asset: 4,0 Mrd. Euro
  • 2015: Life Investment Holdings übernimmt 200.000 Policen der Skandia Leben (CH) – Asset: 1,1 Mrd. Euro
  • 2015: Athene Holdings übernimmt 350.000 Policen der Delta Lloyd – Asset: 4,6 Mrd. Euro
  • 2017: Viridium übernimmt 200.000 Policen von Protektor – Asset: 1,0 Mrd. Euro
  • 2017: Frankfurter Leben übernimmt 100.000 Policen der Basler Leben – Asset: 2,6 Mrd. Euro
  • 2017: Frankfurter Leben übernimmt 322.000 Policen der Arag Leben – Asset: 2,8 Mrd. Euro

Diese Transaktionen repräsentieren rund zwei Prozent des gesamten deutschen Marktes und der Trend scheint sich fortzusetzen.

Ein Modell für die Entwicklung der Bestandskonsolidierung – die Rolle der BPO-Anbieter auf dem britischen Markt
Die Akquisition von passiven Beständen ist in Großbritannien seit über zehn Jahren üblich und an über 80 Prozent der Transaktionen sind BPO-Anbieter beteiligt, die eine Partnerschaft mit dem jeweilig erwerbenden Unternehmen eingehen.

Bei dem letzteren handelt es sich üblicherweise um Private-Equity-Firmen oder um Rückversicherer, die von stabilen, langfristigen und die Kapitalkosten übersteigenden Erträgen profitieren wollen, die das Potenzial sehen, die gleiche Formel dann auf Unternehmen mit denselben Charakteristika anzuwenden und angesichts der Kleinteiligkeit des britischen Marktes auf eine hohe Anzahl von potenziellen Kandidaten zählen.

In Großbritannien wählen die Käufer eine BPO-Lösung, um niedrigere Kosten (gewöhnlich mehr als 30 Prozent), reduzierte Transferrisiken und eine Verbesserung des Kundenservice zu garantieren (ein bedeutender Capita-Versicherungskunde verfügt über einen Net-Promoter-Score von insgesamt +43) und auch, um kostspielige Systemaktualisierungen zu vermeiden.

Erfahrungen auf dem britischen Markt

Über 90 Prozent der aufgekauften britischen Versicherungspolicen werden im Vereinigten Königreich von BPO-Anbietern verwaltet. Zusätzlich zur Verwaltung bestehender Versicherungspolicen haben sie auch die negative Berichterstattung verringert, die mit den so genannten “Zombie-Fonds” verbunden ist. Es handelt sich dabei um einen Begriff, der in den britischen Medien verwendet wird, um Altkundenbestände mit einer schlechten Investitionsleistung, hohen Versicherungsgebühren und hohen Vorfälligkeitsgebühren für Versicherungsnehmer zu beschreiben, die ihre Policen verkaufen wollen. Die Outsourcer haben hierfolgende Maßnahmen ergriffen:

  • Einführung stringenter Kontrollen, um sicherzustellen, dass die “Closed-Book” Kunden nicht anders behandelt werden, als Kunden, die ihr Portfolio noch aufstocken wollen
  • Rasche und nachhaltige Einhaltung von bestehenden und neuen Regularien, insbesondere die faire Behandlung von Bestandskunden sowie die Unterstützung von hilfsbedürftigen Kunden
  • Ebnung des Weges für die systematische Anwendung eines Net Promoter Score (NPS)-Ansatzes für die Messung der Kundenzufriedenheit

Die Zukunft des Konsolidierer-Marktes in Deutschland?

Wir gehen davon aus, dass sich der deutsche Markt in einem vergleichbaren Maß entwickelt wie in Großbritannien. Bei den aktuellen Transaktionen gibt es zwei Wachstumskurven, von denen eine in rund 20 Prozent der Versicherungspolicen (bis zu 14 Millionen) bis 2020 resultiert sowie eine niedrigere, die einen Anteil von zwölf Prozent aufweist.

Welche Rolle spielen BPO-Anbieter in Deutschland?

Ein wichtiges Hindernis für das Wachstum BPO-Marktes für Lebensversicherungen war bisher Artikel 203 des Strafgesetzbuches, der die Übertragung von Daten der Versicherungsnehmer an Dritte stark einschränkte; diese Einschränkung wird nun effektiv zum Jahresbeginn 2018 aufgehoben und Kenner der Branche sagen einen Anstieg im BPO-Markt voraus.

Warum also Outsourcing? Die Antwort auf diese häufig gestellte Frage umfasst eine Vielzahl an Vorteilen für Kunden und Auftraggeber:

  • Übertragung und Reduzierung der Kosten und des Betriebsrisikos: Die wirtschaftlichen Vorteile des Outsourcings sind nach wie vor signifikant und versprechen über 30 Prozent Einsparungen; die größeren BPO Anbieter haben inzwischen mehrsprachige Center sowohl im In- auch im Ausland eröffnet, um die diese Kosten weiter zu senken
  • Verbesserung bei Kundenservice, Compliance und stärkeres Kundenengagement: Ein BPO-Vertrag reduziert in der Regel das Regulierungsrisiko, verbessert den NPS und sorgt für loyalere Kunden
  • Flexible Transformationsansätze und -geschwindigkeiten: BPO-Anbieter setzen ihre eigenen Technologielösungen ein, arbeiten mit IT-Partnern zusammen oder bedienen sich einer Mischung aus beidem und richten sich in der Geschwindigkeit nach den Realitäten und Bedarfen der Kunden
  • Innovation: Investition in digitale Fähigkeiten, Prozessautomatisierung und Robotics sowie Analysefähigkeiten
  • Flexibilität: BPO-Partnerschaften vereinfachen sowohl neuen Akquisitionen als auch Bestandsverkäufe
    In welchem Tempo auch immer sich der Markt in Deutschland verändert, es geschieht mit großer Sicherheit schneller als es viele von uns erwarten.

Die Autoren: Michael Mitterer ist Managing Director European Life Insurance bei Capita, einem Transformations- und Outsourcing Partner der Versicherungsbranche. John Connor ist Senior Commercial Director bei Capita Europe.

Bildquelle: Fotolia

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