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“Respekt der Versicherer vor Tech-Giganten ist berechtigt”

12.03.2018 – Riedel_IBMDie Beziehungen zwischen Insurtechs und klassischen Versicherern bestimmen weiterhin die Branche. Dabei fürchtet die Branche vor allem die neue Konkurrenz durch Tech-Giganten wie Amazon. Der Grund: “Es geht besonders um die Kundenschnittstelle”, glaubt Stefan Riedel, Vice President IBM Insurance Europe, im Exklusiv-Interview mit VWheute.

VWheute: Warum haben die Versicherer so viel Angst vor Tech-Giganten wie Amazon – zuletzt äußerte Oliver Bäte seinen Respekt vor den Amerikanern.

Stefan Riedel: Es geht besonders um die Kundenschnittstelle. Das Versicherungsprodukt ist keines, das besonders häufige Interaktion mit dem Kunden voraussetzt. Die großen Tech-Unternehmen stehen allerdings ständig mit ihren Kunden in Kontakt, die Frage: Wer kommuniziert wann zu welchem Thema mit dem Kunden, verunsichert die Versicherungsbranche.

Zusätzlich wissen diese Tech-Unternehmen viel über den Nutzer. Nehmen sie jetzt noch zu Angeboten wie TV-Serien Alexa dazu, dann steht Amazon täglich mit dem Kunden in Verbindung, was auch, berechtigt oder nicht, Vertrauen schafft. Das ist die erste Dimension.

Die Zweite ist in der Summe die Digitalisierung. Der Interaktion mit dem Kunden über Sprachsysteme und Smartphone oder jedes andere Device generieren viele Daten, die das Unternehmen nutzen kann und somit tiefe Kenntnisse über den Kunden und Produkte erlangt.

VWheute: Ist jedes bedeutende und hochgerüstete Computer- oder Technikunternehmen künftig ein Konkurrent der Versicherungswirtschaft?

Stefan Riedel: Nein, da würde ich differenzieren. Es ist eine Frage der Ausrichtung: IBM sieht sich als Unterstützer der Versicherungswirtschaft, nicht als Konkurrent, da wir nicht die Daten unserer Kunden für eigene Zwecke verwenden. In unserem Haus steht die technische Entwicklung im Vordergrund unseres Handelns zum Nutzen unserer Kunden der Branche.

VWheute: Nochmal zur Kundenschnittstelle. Ist es so ein großer Vorteil, immer und überall auf den Kunden einwirken zu können; wann ist immer zu viel?

Stefan Riedel: Es kommt darauf an, wer wen kontaktiert. Wenn ein Kunde einen Dienst aufruft, zum Beispiel einen TV-Serienanbieter, dann hat der Kunde den Kontakt aufgenommen und das Unternehmen kann den Dialog in die eine oder andere Richtung lenken.

Die Versicherungswirtschaft befindet sich in einer Transformation, einerseits die eigenen Prozesse digitalisieren und automatisieren und andererseits durch Rat und Tat Lebenspartner der Kunden zu werden.

Manches Tech-Unternehmen hat diese Position beim Kunden schon erreicht, daher treffen diese Unternehmen dann schlussendlich auf den Versicherer und konkurrieren um denselben Kunden. Daher ist der Respekt der Versicherer vor solchen digitalen Kandidaten berechtigt.

Ich möchte aber auch noch den Punkt anbringen, dass die Versicherer zurecht das Interesse ihrer Kunden im Blick haben, nämlich beim Thema Datenschutz.

VWheute: Inwiefern?

Stefan Riedel: Es ist unklar, was die Tech-Unternehmen mit den Daten machen, die per Sprachanwendung wie Alexa, Smartphone, Chatbot oder sonstigem gesammelt werden. Wo liegen die Daten, was wird da gemacht, ich kenne die Antwort nicht. Der GDV sagt zurecht: Der Bürger muss Herr seiner Daten bleiben.

VWheute: Welche Gefahr sehen sie für die Branche noch?

Stefan Riedel: Die infrastrukturellen Voraussetzungen der Tech-Giganten beim Thema Digitalisierung sind vorhanden und gigantisch. Ein Einstieg eines Hightech-Unternehmens mit riesigen finanziellen Möglichkeiten in den Versicherungsmarkt würde die digitale Transformation der Versicherer massiv stören. Das ist ein Bedrohungsszenario.

VWheute: Stichwort Datenvorsprung. Was ist an den Daten von Tech-Unternehmen so viel besser als an denen der Versicherungswirtschaft.

Stefan Riedel: Bei versicherungsrelevanten Daten die zur Kalkulation benötigt werden, sind die Versicherer sicherlich besser aufgestellt. Die Digitalunternehmen haben aber eine Fülle von persönlicheren Daten, aus denen bei richtiger Auswertung Schlüsse auf die Persönlichkeit des Kunden ableiten lassen. Daraus kann eine genaue Ansprache, maßgeschneiderte Produkte oder die Weckung eines Bedürfnisses beim Kunden generiert werden. Solche Daten haben die Versicherer nicht und dürften sie auch gar nicht sammeln.

VWheute: Sind Tech-Unternehmen deswegen so versicherungsaffin, weil der Markt (fast) komplett digitalisierbar ist?

Stefan Riedel: Ich glaube, dass es vor allem darum geht, dass auf dem Markt viel Geld bewegt wird. Firmen wie Amazon interessieren sich immer für Märkte, in denen sie etwas tun können. Wenn sie glauben, mit Produkt- oder andere Versicherungen Geld verdienen zu können, werden die das tun.

VWheute: Werden solche Unternehmen also über die Sachversicherung in den Markt einsteigen?

Stefan Riedel: Wenn ich die letzten Meldungen auf VWheute richtig verfolgt habe, dann haben Jeff Bezos und Warren Buffett gerade einen Krankenversicherer gegründet.

VWheute: In Amerika, sie haben ein Unternehmen gegründet, dass die Gesundheitskosten für ihre rund 1,1 Millionen Beschäftigen senken soll. Ehrbar aber kein Grund zur Sorge.

Stefan Riedel: Das ist eine relevante Anzahl von Menschen und die Öffnung für weitere Gruppen ist verhältnismäßig einfach. Auch hier werden auch wieder Daten gesammelt. Man kann an dem Beispiel gut erkennen, wie große Player Strukturen schaffen, um etwas neue zu schaffen, das Auswirkungen auf einen bestehenden Markt hat.

VWheute: Wie können sich Versicherer schützen bzw. auf den Eintritt eines tech-Unternehmens reagieren?

Stefan Riedel: Ähnlich wie bei en InsurTechs sehe ich den Weg der Versicherer in der aktiven und vor allem transparenten und aufrichtigen Kommunikation mit Ihren Kunden als “Liftetime-Risiko-Partner”, der verantwortungsvoll und proaktiv für den Kunden handelt und ganzheitlich für diesen agiert. Märkte abriegeln oder anderweitig defensiv oder gar reaktiv zu verharren, ist keine Option.

Ein klarer Plan, für den Kunden bekannte und neue Leistungen -auch von neuen Anbietern-rund um die eigene Marke für den Kunden verantwortungsvoll und aktiv zu orchestrieren und dabei die etablierten Stärken modern zu schärfen ist das Gebot der Stunde.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Maximilian Volz.

Bild: Stefan Riedel, Vice President IBM Insurance Europe. (Quelle: IBM)

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