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“Nur ein paar große Versicherer werden überleben”

13.04.2017 – Christian_Bieck_IBMNur die IT-Leader werden den Überlebenskampf in der Versicherungsbranche bestehen, Versicherer arbeiten mit unzeitgemäßem IT-Equipment, nur wer heute investiert, ist morgen noch am Markt. Diese Statements des Insurance Leader von IBM, Christian Bieck, werden die Branche aufhorchen lassen. Im Interview mit VWheute erläutert er seine Thesen schlüssig.

Das Interview mit dem Zukunftsforscher des Computergiganten enthält einiges an Sprengstoff. Die Basis des Gesprächs bildet eine Studie von IBM zur Zukunft der Versicherungswirtschaft. Der erste Teil des Interviews behandelt die Themenfelder Investition, IT-Ausstattung, Kosten und Zeitaufwand der Implementierung und den Verdrängungskampf in der Branche, der durch den technischen Wandel unausweichlich ist.

VWheute: Sie erwähnen in ihrer Studie, wie wichtig es für Versicherer ist, gezielt zu investieren, um am Markt bestehen zu können. Warum sollten Versicherer gerade jetzt investieren?

Christian Bieck: Die nötigen Investitionen müssen in den nächsten ein bis drei Jahren erfolgen. Denn der Wandel beschleunigt sich immens, auch wenn das mittlerweile schon wie eine Phrase klingt, es ist einfach so. Eines unserer Szenarien lautet “survival of the fastest”, die Unternehmen, die in ihren Systemen flexibel sind, werden überleben. Dazu müssen Investitionen getätigt werden.

VWheute: Sind die Versicherer auf die Zukunft vorbereitet?

Christian Bieck: Wer die Branche kennt, der weiß, viele Versicherer arbeiten mit veralteten Systemen, die weder einen Wandel noch eine schnelle Reaktion erlauben. Nur wenn Unternehmen heute investieren, werden sie in drei oder vier Jahren in der Lage sein, auf marktrelevante Veränderungen zu reagieren.

VWheute: Sind dazu alle Versicherer bereit und in der Lage? Ist Sicherheit und Investitionen nicht ein Widerspruch?

Christian Bieck: Für mich ist das kein Gegensatz. Wenn ein Unternehmen am Markt überlebensfähig sein möchte, müssen die Kern- und Produktsysteme flexibel sein. Und natürlich gibt es Unterschiede: Auf dem Markt gibt es Leader und Follower, die letztgenannte Gruppe gliedert sich in Fast- und Slowfollower. Wichtig ist zu verstehen, dass ein Fastfollower dieselben technischen Werkzeuge braucht wie ein Leader.

Um es ganz klar zu sagen: Slowfollower werden mittelfristig nicht überlebensfähig sein. Erst einmal abwarten, reicht heutzutage nicht mehr, dafür schreitet der technische Fortschritt zu schnell voran. Große Unternehmen sehen sich als Leader, investieren und gehen voran. Aber auch die Follower müssen flexibel sein, um die Prozesse der Leader nachvollziehen zu können, beispielsweise eine sehr schnelle Schadenabwicklung, sonst werden sie abgehängt. Das Thema Digitalisierung verzeiht immer weniger Fehler. Der Kunde wird sich künftig nicht mit einer Abwicklung wie im 20. Jahrhundert zufrieden geben, er erwartet immer schnellere Reaktionszyklen.

VWheute: Kann ich als Follower nicht warten, was die Großen machen, schauen, was funktioniert und dann nachziehen?

Christian Bieck: Sie sehen den Fortschritt aber leider nicht gleich. Der wird erst nach drei oder vier Jahren sichtbar. Außerdem haben sie dann dieselbe Nachlaufzeit, in der die Zeit und die Entwicklung nicht stehen bleiben. Der Kunde ist nicht beliebig geduldig, im Jahr 2020 wird kein Kunde mehr vier Wochen auf die Regulierung eines Schadens warten. Ein zögerliches Unternehmen steht dann auf einmal unter einem enormen Modernisierungszwang. Eine so schnelle Umsetzung funktioniert einfach nicht, deswegen müssen die Versicherer heute anfangen, in die Flexibilität ihrer Systeme zu investieren. Das ist aus meiner Sicht gutes kaufmännisches Verhalten.

VWheute: Wird es auf die Dauer so sein, dass die kleinen und mittleren Unternehmen die Technisierung nicht mehr stemmen können?

Christian Bieck: Ja – das wird so sein. Das negative Szenario ist, dass am Markt nur noch ein paar Große überleben.

VWheute: Wenn ein mittelgroßer Versicherer seine Systeme modernisieren will, von welcher Größenordnung sprechen wir da: 10, 20 oder 100 Millionen?

Christian Bieck: Wenn man es richtig macht, muss der in die Hand zu nehmende Geldbetrag nicht so groß sein. Wenn ein Versicherer halbwegs moderne Kernsysteme nutzt, können Zwischenschichten eingezogen werden, die das System zukunftsfähig machen. Das ist nicht so gut, wie ein neues System, aber es ist handhabbar. Zur finanziellen Größenordnung kann ich keine Angaben machen.

VWheute: Wie lange dauert die Implementierung eines Systems?

Christian Bieck: Das hängt davon ab, ob das alte Equipment auf einen Schlag ersetzt werden soll oder ob sukzessiv vorgegangen werden soll. Die Systeme sind ja auch meist über Jahre gewachsen und bestimmte Teilbereiche des Systems werden für bestimmte Aufgaben verwendet, daher ist eine schrittweise Ablösung praktikabel. Wenn ihr altes Systems zukunftsfähig ist, kann eine Interfaceschicht eingerichtet werden, mit dem sie über digitalisierte Plattformen auf das bestehende System zugreifen können. Dann bedarf es keiner Umstellung.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Maximilian Volz.

Im zweiten Teil des Interviews, der aufgrund der Osterfeiertage am 18. April erscheinen wird, thematisiert der IBM-Experte das wechselnde Anforderungsprofil der Versicherer auf dem künftigen – und nicht mehr fernen – Markt für Versicherungen, warum swarm-economy das Ende der Versicherungswelt sein könnte und warum über Wohl oder Wehe der Branche die Glaubwürdigkeit der Versicherer entscheidet. So viel sei vorweggenommen, auf die Versicherer kommen gewaltige Aufgaben zu, die mit Geld kaum zu lösen sein werden – aber mit Herz und Empathie.

Bild: Christian Bieck (Quelle: IBM)

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