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Kreditversicherer ziehen in die Zoll-Schlacht

27.04.2018 – paneldiskussion_coface_td“Should we worried about protectionsm?” lautete die wichtigste Frage, die Coface-Chef Xavier Durand auf dem Länderkongress der Kreditversicherer stellte. EU-Sanktionen, Brexit oder digitale Konkurrenten scheinen das Geschäft der Risikoträger für Handelsströme nicht sonderlich zu stören. Nur die Angst vor einem Handelskrieg ist deutlich spürbar. Und die Rolle der Kreditversicherer in der Wertschöpfungskette wird immer diffuser.

Spätestens seit der Wahl von US-Präsident Donald Trump grasiert ein wahres „Protektsionismusfieber“ rund um den Globus, welches im „Worst Case“ gar in einem Handelskrieg enden könnte – China lässt grüßen. Wenig überraschend war daher auch eine Eilmeldung während des Kongresses, wonach die Bundesregierung – passend zum Washington-Besuch der Kanzlerin – bereits zum 1. Mai mit höheren Strafzöllen der USA auf Stahl und Aluminium rechnet. Bleibt also die nächste Frage: Gibt es noch einen sicheren Hafen Europa entlang des stürmischen Wirtschaftsozeans?

Geht es nach 88 Prozent der Kongressteilnehmer (laut digitaler Blitzumfrage), würde die Antwort eindeutig mit „Ja“ ausfallen. Daran ändert auch der bevorstehende Brexit wohl nur wenig. Beruhigend wirkte dabei auch, dass es in den aktuellen Brexit-Verhandlungen bereits „erhebliche Fortschritte gegeben hat“, wie Dirk H. Krann, Referatsleiter beim Bundesfinanzministerium feststellte.

„Neu ist dabei die Übergangszeit, die den Unternehmen mehr Sicherheit geben soll“, konstatiert der Finanzexperte. Angestrebt seien zudem zwei Abkommen, welche die Einzelheiten des Austritts sowie die zukünftigen Beziehungen zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich regeln sollen. Problematisch scheint vielmehr die Frage zu sein, wie die selbstgezogenen roten Linien Großbritanniens (Keine Personenfreizügigkeit, regulatorische Autonomie, eigene Haushaltspolitik und keinen substanziellen Finanzbeitrag) mit den Prinzipien der EU27 in Einklang gebracht werden können. „Die Angst vor einem harten Brexit kann ich Ihnen daher nicht nehmen“, ergänzt Krann.

Wenig Sorgen machen sich die Experten derzeit allerdings um den Gastgeber der Fußball-WM 2018 im kommenden Juni: „Die Sanktionen haben Russland nicht wirklich geschadet“, betont Jochen Böhm, Risk Underwriting Director der Coface Northern Europe Region, in seiner Analyse der Länderrisiken. So habe die Investitionsfreudigkeit der Konsumenten zugenommen, „was sich auch in der Nachfrage niederschlägt“.

Und die Kreditversicherer? „Was sich im Handel tut, ist das, was uns beeinflusst“, konstatiert Katarzyna Kompowska, CEO Northern Europe Region bei Coface, im Rahmen einer Penaldiskussion zur Zukunft der Kreditversicherer. Eines ist für die Managerin jedenfalls klar: „Die Kernexpertise und die Kernkompetenz der Kreditversicherer ist die Risikoübernahme und die Risikosteuerung“.

Man muss sich von einigen Modellen verabschieden

Allerdings „müssen wir stärker werden“, so Kompowska weiter. Der Grund: Neue Anforderungen durch den Kunden und den Handel. „Alles wird schneller werden, es ist schon viel digital, es kommen neue Geschäftsmodelle, wo der Kreditversicherer schon überlegen muss, wo er in dieser Wertschöpfungskette eine Rolle spielen will“, schreibt die Coface-Managerin der Branche ins Stammbuch.

Dabei müsse man sich nicht nur von einigen Modellen verabschieden, vielmehr werde auch das Kreditmanagement zunehmend professioneller. „Hier könnte der Kreditversicherer nicht nur ein Besserwisser, sondern auch ein Partner sein. Dadurch, dass wir alle digital aufgestellt sind, dass wir mit vielen Daten zu tun haben, dass wir mit vielen Trends zu tun haben, werden wir hoffentlich ein starker Partner bleiben“, gibt sie sich optimistisch.

Müßig zu erwähnen, dass dabei auch die Frage nach der digitalen Player durch die Insurtechs und deren Rolle auf dem Kreditversicherungsmarkt auf dem Tableau steht. Ob Coface diese eher als Konkurrent oder Geschäftspartner sehen will, ließ die Managerin zwar vordergründig offen. Aber: Lernen könnte man von den digitalen Versicherungs-Start-ups vor allem bei der Prozesseffizienz sowie bei einer schnelleren Datenverarbeitung. Wenig überraschend also, dass die Kreditversicherer die neuen Player beobachten werden – die Tendenz dabei: Mehr Chancen als Risiken.

Ob und inwieweit der Faktor Mensch dabei zukünftig noch eine Rolle spielen wird, bleibt wohl noch ein großes Geheimnis, auch wenn die Rolle des klassischen Sachbearbeiters in den kommenden zehn bis 15 Jahren redundant sein könnte, wie Bernd Weiß von der Hochschule Bochum glaubt.

Offen auch die Frage, wie die Handelsströme der Zukunft aussehen werden: „Die Finanzierung hängt davon ab, wie der Handel in zehn bis 15 Jahren aussehen wird“, konstatiert Claudia Conen, Bereichsleiterin Fördergeschäft und Finanzierung beim Bundesverband Öffentlicher Banken Deutschlands (VÖB). Dabei gebe es „Unmenge von Variablen“, wie zum Beispiel neue Handelsströme, die wir jetzt noch nicht abschätzen können“ oder der „Handelsprotektionismus einzelner Staaten“.

„Wir haben zudem nicht mehr die klassischen Güter, die bislang gehandelt werden“, ergänzt die Bankenexpertin – ganz zu schweigen von der Frage, „ob wir die nötigen Ressourcen dafür haben wie Logistik, Fachkräfte haben“. Und schließlich drehe sich die Frage nach dem Handel der Zukunft auch um die Finanzierungsmodelle der Zukunft – Stichwort unter anderem Crowdfunding.

Immerhin wusste bereits der spanische Philosoph und Soziologe José Ortega y Gasset: „Überraschung, Verwunderung sind der Anfang des Begreifens. Sie sind der eigenste Sport und Luxus des geistigen Menschen“. (td)

Bild: Diskussionsrunde über die Zukunft der Kreditversicherer (Quelle: td)

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