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KI wird simple Insurance-Aufgaben wegrationalisieren

10.10.2017 – jobst_landgrebe_uskVon Jobst Landgrebe. Künstliche Intelligenz (KI) ist derzeit bei technologischer Innovation das Modethema schlechthin – zu Recht, denn KI wird in den nächsten 20 Jahren in den bis zu 360 Millionen klassische Arbeitsplätze in den Bereichen komplexer manueller und einfacher geistiger Tätigkeiten wegrationalisieren. Von riesigen Zugewinnen für den Wohlstand ist auszugehen. Doch was bedeutet die Entwicklung für die Branche?

Deutsche Versicherer bauen derzeit für hunderte von Millionen Euro pro Jahr “Internetverkaufsautobahnen” – auf denen dann nur wenige Versicherungsverträge verkauft werden. Doch dieser Sektor ist für den Einsatz von KI nicht gut geeignet.

Denn beim Verkauf geht es darum, Geschmack und Präferenzen von Menschen zu treffen, die erratisch entscheiden und vor allem Vertrauenswürdigkeit schätzen, die eine Maschine schlecht vermitteln kann. Präferenzen voraussehen – das kann KI nicht besonders gut. Hingegen eignet sich KI, um repetitive Prozesse zu automatisieren, die nach einer komplexen Gesetzmäßigkeit ablaufen – wie die Schadenregulierung in der Versicherungswirtschaft.

Rund um die Kfz-Reparatur fallen bei Versicherern im Wesentlichen drei Belegarten an: Kostenvoranschläge, Gutachten und Rechnungen. Bei Glasreparaturen meist nur Rechnungen, bei Karosseriereparaturen alle drei Arten. Die Begutachtung dieser Belege ist heute ein überwiegend manueller Prozess, den viele Versicherer an Gutachterfirmen (partiell) ausgelagert haben; die Gutachterfirmen bedienen sich dabei allenfalls klassischer Datenbanken und nutzen zum Kostenabgleich Online-Referenzen wie DAT, Audatex und Onlinebörsen.

Doch jetzt ist für diese Aufgabe ein zweistufiger Kfz-Begutachtungs-KI-Automat verfügbar, den eine führende Kfz-Gutachterfirma bereits einsetzt. In der ersten Stufe kann die KI entscheiden, ob sich ein Beleg für die Begutachtung durch einen menschlichen Experten lohnt, weil er Kürzungspotential enthält: diese Stufe ist für Karosserie-Gutachten und –Kostenvoranschläge sowie demnächst für -Rechnungen verfügbar.

Er gibt auch die Höhe des Kürzungspotentials an und funktioniert durch Mustererkennung – der Automat lernt, welche Muster sich für die Kürzung eignen auch unter Berücksichtigung kundenspezifischer Regeln, die in Form von Referenzdaten zur Verfügung stehen. Anders als bei generischer KI von Google oder IBM, die für solche Spezialanwendungen nicht funktioniert, werden dafür die Zeilentexte der Rechnungen automatisch so mathematisiert, dass sich daraus pro Beleg klare, lernbare Muster ergeben.

Fehldigitalisierer und Innovationsversäumer vor schweren Zeiten

Durch den Einsatz dieser Software für alle eingehenden Belege könnten Versicherer 60-70 Prozent der Prozesskosten bei der Belegprüfung sparen (weniger Sachbearbeiter, deutlich weniger Belege gehen zum Gutachter). Fügt man dem noch einen Deckungsprüfungs- und einen Regulierungsautomaten an, lässt sich der Kfz-Belegprüfungsprozess aus Sicht des Versicherers vollständig dunkel abbilden – ca. 30 Prozent der Karosserie-Belege gehen dabei dunkel zum Dienstleister, wo sie Sachverständige begutachten.

Dadurch wird der Prozess nicht nur kostengünstiger, sondern schneller und im Ergebnis vollständig transparent. Produktgestaltung – und auch Underwriting und Tarifierung sind in Zukunft durch die auf Basis der Datendetails gewonnenen Erkenntnisse erleichtert deutlich verbesserbar.

In der zweiten Stufe des Kfz-Begutachtungs-KI-Automaten kann eine Rechnung vollautomatisch begutachtet werden. Diese Stufe ist für Kfz-Glasrechnungen bereits realisiert und geht im Q1/2018 in Produktion. Hierbei wird nach der Digitalisierung des Beleges automatisch erkannt, um was für eine Art Glasreparatur es sich handelt. Der Automat nutzt dann die VIN und die Schadenart, um über eine Schnittstelle eine Referenzkalkulation für das Fahrzeug bei DAT zu kaufen.

Rechnung und Kalkulation werden dann mit Hilfe eines neuen Verfahrens mathematisch verglichen. Differenzen zu Lasten des Versicherers werden – auch für zusammengehörige Zeilengruppen, die man oft bei kleineren Teilen findet – erkannt und in Abhängigkeit von den Präferenzen des Versicherers und ergänzenden fachlichen Informationen zu DAT überprüft und gegebenenfalls in Abzug gebracht.

Der Output des Automaten ist eine vollständige, rechtssichere Rechnungsprüfung mit Begründungen zu allen Rechnungspositionen, die gekürzt oder abgelehnt wurden. Der Automat spart 90% der Prozesskosten bei der Glasprüfung. Der Bearbeitungsprozess kann durch Hinzufügung eines Deckungsprüfungs- und Regulierungsautomaten vollständig dunkel erfolgen. Der Automat spart zusätzlich zwischen drei und fünf Prozent der Schadensumme, da er weniger Potential übersieht als Sachverständige, die mit Varianz und damit fehleranfällig arbeiten.

Beim Einsatz solcher und ähnlicher Automaten werden sich in den nächsten fünf Jahren Spreu und Weizen in der Versicherungswirtschaft trennen: wer sie nicht einsetzt, wird massive Wettbewerbsnachteile erleben oder verschwinden wie die Versicherer, die in den 1980er Jahren keine EDV eingesetzt haben und dann spätestens zu Beginn der 1990er verschwunden sind. Heute setzt die Branche noch auf Internetverkauf – doch wenn die ersten agilen Unternehmen KI in der Schadenregulierung konsequent einsetzen und die Combined Ratio massiv senken, werden die heutigen Fehldigitalisierer und Innovationsversäumer schweren Zeiten entgegengehen. (vwh)

Bild: Jobst Landgrebe ist Geschäftsführender Gesellschafter der Cognotekt GmbH und spricht heute auf der der MCC-Veranstaltung IT-Optionen für Versicherungen 2017. (Quelle: usk)

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